Kinder bei Pflegeeltern

Neue Familie, neuer Anfang

Von Stefan Toepfer

17. Juli 2008 Vanilleeis tröstet. Denkt die elf Jahre alte Kerstin an ihr Lieblingseis, verschwindet ihre Traurigkeit - am Beginn ihres neuen Lebens in der noch fremden Pflegefamilie. Kerstin rät anderen Kindern, die in dieselbe Lage kommen wie sie, an etwas Schönes zu denken. Und Anton gibt den Tipp, sich zunächst einmal so zu verhalten wie die „Geschwister“, also die leiblichen Kinder der Pflegeeltern. Die Namen der beiden Kinder hat das Deutsche Jugendinstitut erdacht, ihre Stellungnahmen nicht. Gemeinsam mit anderen stehen sie in einem Bericht des Instituts mit dem Titel „Pflegekinder kommen zu Wort“. Er fußt auf einer neuen Studie des Deutschen Jugendinstituts und des Deutschen Instituts für Jugendhilfe und Familienrecht.

Wie Kerstin und Anton geht es in Hessen 3100 Kindern (Stand 2006), die zur Vollzeitpflege in anderen Familien leben, 369 sind entweder bei Großeltern oder Verwandten untergekommen, 2731 in Pflegefamilien. Bei ihren leiblichen Eltern konnten sie nicht bleiben. Vielleicht weil diese drogenabhängig oder psychisch krank sind, ihre Kinder vernachlässigt oder gar missbraucht haben, vielleicht, weil sie schlicht nicht in der Lage sind, ihre Kinder zu fördern. „Es ist teils erschreckend, wie erziehungsunfähig Eltern sind. Sie sehen nicht, was ihre Kinder brauchen“, urteilt Dietlinde Hirnich-Wagner vom Frankfurter Jugend- und Sozialamt. „Und viele sind in einer Großstadt wie Frankfurt allein, haben keine Unterstützung ihrer Familie oder von Freunden“, fügt ihre Kollegin Margrit Ahrens hinzu.

Kampagne zur Gewinnung von Pflegeeltern

In Frankfurt gibt es derzeit 279 Kinder in Vollzeitpflege, in der sie dauerhaft oder längerfristig leben. Hinzu kommen Plätze in 25 Familien, die Kinder im Alter bis zu sechs Jahren in Bereitschaftspflege aufnehmen. Das heißt, sie stehen in Krisensituationen zur Verfügung, wenn Kinder ihre Herkunftsfamilie rasch verlassen müssen.

Insgesamt gibt es zu wenig Pflegeeltern. „Deswegen suchen wir 50 neue Familien“, sagt Christiane Steinwedel, Leiterin des „Besonderen Dienstes Pflegekinderhilfe und Adoption“ beim Jugend- und Sozialamt, in dem auch Hirnich-Wagner und Ahrens arbeiten. Am 1. August beginnt eine Kampagne zur Gewinnung neuer Pflegefamilien. 150.000 Euro lässt die Stadt sich dies kosten. In einer Artikelserie erläutert diese Zeitung in den nächsten Wochen verschiedene Aspekte der Vollzeit- und der Bereitschaftspflege.

83 der 279 Frankfurter Pflegekinder hat Steinwedels Abteilung in Städte außerhalb von Frankfurt vermittelt, die anderen fanden über die neun Sozialrathäuser Pflegefamilien in der Stadt. Der Weg für ein Kind in eine Pflegefamilie beginnt mit einer „Kindermeldung“ aus einem der Sozialrathäuser - das sind Außenstellen des Jugend- und Sozialamts, die für jeweils mehrere Stadtteile zuständig sind. Sie wissen vom Schicksal der Kinder durch Mitteilungen aus Schulen und Krankenhäusern oder von den Eltern selbst. Auch werden Sozialarbeiter auf eine kritische Situation aufmerksam, wenn sie eine Familie schon über eine geraume Zeit begleiten.

Diese Meldung (zu ihr gehört auch eine Schilderung der Situation, in der das Kind lebt) geht beim Jugend- und Sozialamt ein, das sie dann an alle anderen Sozialrathäuser verteilt, um eine passende Familie zu finden. Danach nehmen das Sozialrathaus, das eine Familie sucht, und jenes, das eine bietet, Kontakt miteinander auf.

Pflegeplätze für 18 Kinder gesucht

Auch Steinwedels Abteilung im Jugend- und Sozialamt vermittelt Kinder - in Familien, die außerhalb von Frankfurt wohnen, immer in Absprache mit den jeweiligen Jugendämtern. Manche der Kinder leben in einem der fünf Frankfurter Pflegekinderhäuser - Immobilien, die die Stadt gemietet hat und in denen Pflegeeltern mehrere Kinder bei sich haben. In der Regel sind die Kinder, die in Pflegefamilien kommen, noch klein. Für die älteren stehen andere Hilfen zur Verfügung, die Heimunterbringung zum Beispiel.

Dass es fast immer gelingt, die geeignete Familie zu finden, zeigt sich für Steinwedel daran, „dass wir so gut wie nie Pflegeverhältnisse abbrechen“. Zwar gibt es schon 292 Pflegefamilien in der Stadt. „Wir brauchen aber dringend mehr“, hebt Steinwedel hervor. „Derzeit ist für 18 Kinder kein Platz, und das ist viel.“ Sorgfältig sucht das Jugendamt die richtigen Pflegefamilien aus - nicht jedes Kind passt in jede Familie. So wird zum Beispiel darauf geachtet, wie alt die Kinder der Familie sind. „Gleichaltrigkeit ist zu vermeiden. Hier ist in aller Regel Konkurrenz zwischen den Kindern zu erwarten“, so Steinwedel. Außerdem gebe es Eltern, die nicht mit einem sexuell missbrauchten Pflegling umgehen könnten. Weil die Kinder so unterschiedliche Bedürfnisse hätten, sei es für die Pflegekinderhilfe unabdingbar, auf eine ausreichende Zahl von zukünftigen Pflegeeltern zugreifen zu können.

Die meisten der 18 Kinder, für die noch Plätze gesucht werden, leben in sogenannten Bereitschaftspflegefamilien. Diese stehen in Notfällen zur Verfügung. Die Kinder bleiben dort, bis geklärt ist, wo sie dauerhaft leben können. Wie Ahrens sagt, kommt jedes vierte bis zweite Kind zurück in seine Herkunftsfamilie, die dann vom Jugendamt weiter unterstützt wird. Auch von den Bereitschaftspflegefamilien gibt es zu wenige. Für ihren Einsatz und zur Ausstattung der Kinder bekommen Vollzeit- und Bereitschafts-Pflegeeltern finanzielle Unterstützung von der Stadt.

Wer Pflegekinder aufnehmen will, sollte allerdings so viel Geld verdienen, dass er auf diese Unterstützung nicht prinzipiell angewiesen ist. Darüber hinaus gibt es viele andere Kriterien: Partner sollten eine stabile Beziehung haben, alleinstehende Pflegeeltern ein tragfähiges Umfeld. Wichtig ist außerdem, genügend Wohnraum zu haben. Angehende Pflegeeltern werden vom Jugendamt auf ihre Aufgabe vorbereitet: Sie müssen ein Seminar besuchen, intensive Gespräche mit den Sozialarbeitern führen. Diese machen auch einen Hausbesuch, um sich anzuschauen, wie das Pflegekind wohnen würde.

Polizeiliches Führungszeugnis und Gesundheitszeugnis

„Pflegeeltern müssen gegenüber dem Kind Empathie zeigen können und mit uns, dem Jugendamt, kooperieren wollen“, sagt Birgit Thimmel, eine weitere Mitarbeiterin des Pflegekinder-Teams. Vorlegen müssen Bewerber zudem ein polizeiliches Führungszeugnis und ein Gesundheitszeugnis. „Eltern, die ein Kind in Bereitschaftspflege aufnehmen, haben nicht selten einen pädagogischen Beruf“, so Ahrens.

Mitunter kommt es besonders in der Bereitschaftspflege zu Streit, der vor dem Familiengericht ausgetragen wird. Das ist etwa dann der Fall, wenn die Herkunftseltern ihr Kind zurückhaben möchten oder erst gar nicht einsehen, dass das Jugendamt tätig werden muss und ihnen die elterliche Sorge ganz oder in Teilen entziehen will. In Teilen heißt dabei, dass die Eltern etwa das Recht verlieren, den Aufenthalt ihrer Kinder zu bestimmen.

Dem Jugendamt ist daran gelegen, dass die Kinder regelmäßig Kontakt zu ihren leiblichen Eltern haben. „Maßstab ist, was dem Kind guttut“, sagt Steinwedel. Gerade Kinder müssen nach dem Wechsel zu einer anderen Familie vieles verkraften, neue Eindrücke verarbeiten, neue Beziehungen knüpfen. Die elf Jahre alte Kerstin, die in dem Bericht des Deutschen Jugendinstituts zu Wort kommt, hat einen weiteren Rat für sie, der aufmuntern soll: „Einfach mal netter sein, nicht so wie andere, die sagen, ,Nee, ich will nicht hier sein', sondern sagen, ,wird schon wieder, wird schon wieder'.“



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp

 
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