Popstar-Casting

Achtung, die Horde kommt

Von Daniel Hoh

Posen für die Kamera

Posen für die Kamera

28. Mai 2006 In dem hellen, holzgetäfelten Orgelsaal des Konservatoriums herrscht konzentrierte Hektik: Einige Mädchen sitzen allein am Rande und reiben ihre Hände aneinander, manche stehen plaudernd in Grüppchen herum, andere wiederum hasten am kahlköpfigen Sicherheitsmann vorbei Richtung Ausgang, um zum „wirklich letzten Mal“ die Toilette aufzusuchen. Aus ihrer Mitte erklingt plötzlich eine Stimme.

Ein zierliches Mädchen in hellblauer Jeanshose, mit düsterer Augenschminke und langen schwarzen Haaren, kastanienbraune Strähnen darin, hat angefangen, sich warm zu singen. Sogleich bahnt sich ein stämmiger Kameramann den Weg durch die Menge. Die Teilnehmerin mit der Nummer 1519 weiß gar nicht so recht, wie ihr geschieht, für einige Sekunden steht sie im Rampenlicht und darf sich als „Popstar“ fühlen.

Suche nach den „Nachfolgerinnen der No Angels“

Solche und ähnliche Szenen waren am Samstag in der Musikakademie an der Sonnemannstraße zu beobachten. Der private Fernsehsender Pro Sieben suchte junge Mädchen, 16 Jahre und älter, die, so lauteten die offiziellen Anforderungen, „eine außergewöhnliche Stimme, Tanztalent und den absoluten Willen, eine Karriere im Musikbusiness zu starten“, mitbrachten. Normalerweise interpretieren an diesem Ort Querflötistinnen oder Streichquartette die Werke von Klanggenies. Dieses Mal schauten Damen knapp jenseits des Pubertätsalters vorbei. Manche kamen mit bauchfreiem Oberteil und sangen Lieder, die man aus dem Radio kennt.

Um neun Uhr morgens tummeln sich mehr als tausend von ihnen samt Anhang vor der breiten Glasfront des Konservatoriums. Ein menschlicher Ameisenhaufen, der so schnell nicht hereingebeten wird. Der Wachmann an der Eingangstür - gehüllt in einen schwarzen, hinten schon etwas zerknitterten Anzug, dazu weißes Hemd, orangefarbene Krawatte und Knopf im Ohr - blickt angestrengt in die wartende Masse. Dann, gegen Mittag, dürfen die ersten Nachwuchskünstlerinnen in das Gebäudeinnere, zunächst in den Aufenthaltsraum. „Ich hab' mir das alles ganz anders vorgestellt“, erzählt beispielsweise die siebzehn Jahre alte Duygu Gevrek. „Die machen das ein bißchen für die Medien, für die Einschaltquoten.“

Das Mädchen mit dem auffälligen, weil türkisfarbenen Frottee-Anzug mußte nämlich gleich mehrmals den Raum betreten und wieder verlassen - der aufzeichnenden Kamera wegen. Sie war mit einer Freundin schon am Donnerstag aus Berlin angereist, weil in der Hauptstadt kein Vorentscheid zur „Popstars“-Serie stattfindet. Der Privatsender sucht die „Nachfolgerinnen der No Angels“ an vier verschiedenen Wochenenden, in vier unterschiedlichen Städten. Nach Frankfurt sind Hannover, Stuttgart und Dortmund an der Reihe. Ausgestrahlt wird im August.

„Nutzt eure Chancen und langweilt uns nicht“

Gegen 13.30 Uhr, nach quälender Warterei, beginnt das Vorsingen. Als die Flügeltüren sich öffnen und rund fünfzig Mädchen tuschelnd den Raum betreten, flüstert ein Mitglied aus dem Produktionsteam: „Achtung, die Horde kommt.“ Der Raum mit der hohen Decke gleicht eher einer Kathedrale als einem Konzertsaal. Im Eingangsbereich stehen viele kleine Holzschemel, über die bordeauxrote Bezüge aus Stoff gestülpt wurden; weiße, auf den Boden drapierte Kugelleuchten schaffen eine feierliche, beinahe besinnliche Atmosphäre. Sobald sich die nervösen Mädchen gesetzt haben, ändert sich die Stimmung, denn nun - „Kamera läuft“ - legt Jurymitglied Detlef Soost los: „Nutzt eure Chancen und langweilt uns nicht“, bleut er den Jugendlichen ein. Neben ihm auf der Bühne, die von einem mächtigen Metallgestell mit zahllosen Scheinwerfern umringt wird, sitzen regungslos die übrigen Scharfrichter: Nina Hagen und Musikproduzent Dieter Falk.

Als der Aufnahmeleiter die erste Mädchengruppe per Handzeichen auf die Bühne beordert, wollen diese artig die Jury begrüßen. Soost geht mit militärischem Drill dazwischen: „Nutzt die Zeit zum Singen, nicht um uns die Hände zu schütteln.“ Für Manieren bleibt an diesem Tag keine Zeit. Einige wenige gehören zu den Auserwählten, zum Beispiel die 16 Jahre alte Janina aus Ludwigshafen. Sie jubelt, hüpft vor der Glasfront auf und ab - ihr Freund steht draußen und reagiert etwas zurückhaltender - und reckt die Arme in die Höhe. Der hellbraune Beutel, den sie bei sich trägt, rutscht dabei immer wieder fast von ihrer schmalen Schulter. Den Boden will sie nicht unter den Füßen verlieren. Sie zitiert erst einmal ihren Klassenlehrer, der gesagt habe, daß das Wichtigste ein Ausbildungsplatz sei. Janina möchte gerne Hebamme werden.

Kein Glück hat an diesem Tag Michaela aus Aschaffenburg, die nach zirka fünf Sekunden ihre Darbietung abbrechen muß und nicht in die nächste Runde darf. Warum, erklärt ihr niemand so genau. Eine andere, ebenfalls unsanft abgelehnte Teilnehmerin zeigt offen, was manche Mädchen wahrscheinlich nur denken. Trotzig stakst sie von der Bühne und spottet: „Ich wünsche euch schöne Einschaltquoten.“

Text: F.A.Z., 29.05.2006
Bildmaterial: F.A.Z. - Bergmann

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