Von Manfred Köhler
15. April 2006 Bei manchem kennt sich der Städter ja schon gut aus. Er kann selbst bei Nebel den Golf 3 vom Golf 4 unterscheiden. Er schmeckt ohne weiteres heraus, ob er gerade eine Wagner- oder eine Dr. Oetker-Pizza vor sich hat. Er kann sich auf dem Bahnsteig so hinstellen, daß sich die Tür der S-Bahn genau vor ihm öffnet. Aber von anderen Dingen hat der Städter nicht die geringste Ahnung. Zum Beispiel, ob neben der Landstraße gerade Roggen oder Gerste wächst. Oder welche Bäume den Straßenrand säumen. Oder auch, was es auf sich hat mit den Hasen und den Kaninchen. Wer ahnt schon, daß der Osterhase in Wahrheit ein Osterkaninchen ist?
Der Städter, der sich mit diesem Widerspruch befassen will, muß sich zumindest mal bis zum Stadtrand vorwagen. Zum Frankfurter Stadtrand in Fechenheim beispielsweise, wo der örtliche Kaninchenzuchtverein ein weitläufiges Gelände gepachtet hat. Den Städter überrascht die Lage nicht. Kaninchenzüchter sind für ihn in jedweder Hinsicht eine Randgruppe. In der Stadt kommen Tiere nur vor, wenn sie zum Kuscheln gebraucht werden. Oder zum Essen. Kaninchenzüchter sehen das völlig anders. Niemals fiele ihnen ein, die Tiere in ihr Wohnzimmer zu lassen. Und gegessen werden sie allenfalls, wenn sie den Ruhm der Züchter nicht mehr mehren können.
Merkwürdige Fragen nach der Stallgröße
Eigentlich sind Kaninchenzüchter überhaupt recht nüchterne Gesellen. Sie geben ihren Tieren keine Namen, sondern lassen nur Nummern in die Ohren tätowieren. Ihre Vereine heißen auch nicht etwa Zum lustigen Schlappohr oder so. Sondern KZV, und zwar alle. Der in Fechenheim heißt KZV H 147, wobei das H für Hessen steht.
Die Züchter denken sich auch nichts dabei, daß die Kaninchen den ganzen Tag in halbdunklen Ställen verbringen, in denen sie sich gerade einmal drehen können. Es stellen sowieso nur Städter, die von nichts eine Ahnung haben, merkwürdige Fragen nach der Stallgröße und der Monotonie des Daseins. Wer Hans Gies, Vorsitzender des KZV H 147 seit zwei Jahrzehnten, auf die Lebensbedingungen der Kaninchen anspricht, bekommt nur ein knappes Das bringt das Zuchtleben so mit sich zur Antwort.
Aber zurück zum Binnenverhältnis von Hasen und Kaninchen. Der gemeine Städter denkt, wenn er sich überhaupt einen Kopf macht, alle Kaninchen seien irgendwie Hasen, zu klein geratene vielleicht. In Wahrheit sind aber alle Hasen Kaninchen, etwas groß geratene halt. Denn mag auch das Ullstein-Lexikon der Tierwelt auf der Seite der Städter stehen und die Gruppe der Kaninchen der übergeordneten Familie der Hasen zuordnen - in der Kaninchenzucht gilt derlei nicht.
Schnittiger Körper
Um den Feldhasen schert sie sich nicht, und der Hase, wie er gezüchtet wird, ist eine Kaninchenrasse, wie Deutsche Widder, Angorakaninchen und Schwarzgrannen, von denen der Städter schließlich auch keine Ahnung hat. Eigentlich führt der Hase unter den Kaninchen nicht einmal ein besonders prominentes Dasein. Im Standardwerk Kaninchenstandard, herausgegeben vom Zentralverband deutscher Kaninchenzüchter, findet er sich erst auf Seite 79. Gies zum Beispiel mag ihn nicht leiden, wegen der langen Vorderbeine.
Daß im Standardwerk hinsichtlich des Hasens von einem schnittigen Körper und einem edel geformten Kopf die Rede ist, beeindruckt den Züchter auch nicht. Hilfsweise nennt Gies den jüngsten Wurf von acht Schwarzgrannen unsere Osterhasen. Aber es sind eben Osterkaninchen.
Die Hauptaufgabe der Kaninchen, seien sie nun Hasen oder nicht, ist es, schön zu sein. Leider können sie dafür weitaus weniger tun als Menschen. Entweder sind sie es oder nicht. Die Preisrichter bei den Schauen sind streng. Das Fell muß beim Drüberstreichen schön wieder zurückfallen. Bei der Rasse Sachsengold sollten Schwanz und Krallen hell sein, auch wenn das Fell sonst dunkler ist.
Ausgeprägte Wanne
Die Ohren sollten sich stramm aufrichten. Ein runder Hintern ist auch gern gesehen. Glücklicherweise können Kaninchen nicht lesen, denn auf den Bewertungsbögen der Preisrichter, die die Züchter wie Zeugnisse an die Käfige hängen, stehen bisweilen vernichtende Bemerkungen. Ohren faltig zum Beispiel oder: ausgeprägte Wanne. Das ist ein Doppelkinn. Wer je meinte, Germany's next Topmodel sei zu hart gewesen, sollte einmal eine Kaninchenschau aufsuchen.
Zumal es für die Tiere ein Spiel auf Leben und Tod ist. Im November ist die wichtigste Ausstellung für den KZV H 147. Der Schlechteste tut Weihnachten nicht überleben, sagt Gies. Er mag Kaninchen am liebsten mit Hackfleisch gefüllt, aber das nur am Rande.
Die Kunst beim Züchten liegt erstens darin, Inzucht zu vermeiden. Notfalls wird zugekauft. Ein Zuchtkaninchen kostet 25 bis 30 Euro. Ob die Nachwuchsprobleme der Kaninchenzucht wirklich mit diesen Ausgaben zusammenhängen, wie Gies meint, ist eine andere Frage. Zweitens muß der Züchter gut überlegen, welche Tiere er zusammenbringt, bevor der Rammler seinem Namen Ehre machen darf. Am besten immer die, die bei Schauen die meisten Pokale abgeräumt haben.
Hühner und Eier
Wie alle Menschen, die eine aufwendige Freizeitbeschäftigung haben, wird Gies etwas wortkarg, wenn man ihn nach dem Grund fragt. Weil ich Gefallen daran hab', sagt er nur. Immerhin bietet der Verein eine Heimat, auch wenn er nur noch 34 Mitglieder hat. Eigentlich züchtet die ganze Familie Gies Kaninchen, auch der jüngste Sohn, der gerade 14 Jahre zählt. Für sein gesellschaftliches Engagement, das sich auch auf den örtlichen Karnevalsverein erstreckt, hat der Siebenundsechzigjährige schon vor Jahren den Ehrenbrief des Landes Hessen erhalten.
Ostern ist weder für die Kaninchen noch für ihre Züchter ein besonderer Tag. Eigentlich sind den meisten Menschen ja auch die Ostereier viel wichtiger als die Osterhasen. Geflügelzüchter gibt es in Frankfurt übrigens auch und auch vorwiegend am Stadtrand. Und wahrscheinlich hat der Städter von Hühnern und Eiern auch nicht mehr Ahnung als von Kaninchen und Hasen. Was war eigentlich zuerst da? Das ist wieder eine andere Geschichte.
Text: F.A.Z., 15.04.2006
Bildmaterial: F.A.Z. - Bergmann, Wohlfahrt
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