Interview

„Auf dem Paulsplatz sollte ein Baublock entstehen“

“Stadtplaner müssen weiterschauen“: Dieter von Lüpke

"Stadtplaner müssen weiterschauen": Dieter von Lüpke

26. Mai 2006 Dieter von Lüpke, Leiter des Stadtplanungsamts, zur Altstadtdebatte und zur Architekturqualität in Frankfurt.

In Frankfurt gibt es das weit verbreitete Bedürfnis nach historisierender Architektur, wie die Debatte um die Altstadt anzeigt. Wie kommt das?

Ein Grund ist sicher, daß Architekten sich immer mit dem Neuen und dem Niegesehenen profilieren wollen und daß die Rückkehr zu traditionsorientierten Bauformen heute etwas Neues ist, mit dem man auffallen kann. Es gibt ständig einen Prozeß der Umwertung von Architekturen. Wir erinnern uns kaum noch daran, daß es eine Zeit gegeben hat, in der die heutzutage hochgeschätzte Architektur des 19. Jahrhunderts flächenhaft zum Abriß freigegeben war.

Gleichwohl zeigt sich jetzt ein Unbehagen an zeitgenössischer Architektur. Die Leute werden sich nicht mit dem Hinweis zufriedengeben, daß sie in 20 Jahren anders denken werden. Wie sollen Politik und Stadtplanung mit der öffentlichen Meinung umgehen

Jede Zeit hat ihr Recht, baulich das zu realisieren, was sie für richtig hält, was ihren Nutzungsanforderungen, ihrem Selbstverständnis und auch ihren Machtverhältnissen entspricht. Das ist ein Grundanliegen, das sich keine Generation nehmen lassen kann. Als Stadtplaner müssen wir aber weiterschauen und überlegen, ob das, was wir heute bauen, umnutzbar ist und wie es einer Umbewertung standhalten kann. Und wir müssen uns über Architektur hinaus mit weichen Faktoren städtischer Qualität wie Nutzungen, Nutzern und Nutzungsbedingungen auseinandersetzen.

Ist die Kluft zwischen dem, was die Bevölkerung will, und dem, was die Mehrzahl der Architekten will, nicht tiefer denn je? Wie könnte da vermittelt werden, vielleicht vom Stadtplanungsamt?

Die Fronten sind heute viel uneinheitlicher, als sie in den achtziger Jahren waren, als es um den Aufbau der Römerberg-Ostzeile ging. Die Architektenschaft ist in Teilen sehr viel aufgeschlossener gegenüber einer Rekonstruktion untergegangener historischer Gebäude als seinerzeit. Ich glaube, daß auch die Meinungen in der Bürgerschaft sehr vielfältig sind. Die Bürgerinitiative Pro Altstadt kann nicht für die Bürger insgesamt sprechen.

Und der Brückenbauverein von Honoratioren, den der Architekt Christoph Mäckler initiiert hat?

Ich nehme vor allem die Position von Herrn Mäckler sehr deutlich wahr. Ich kann noch nicht erkennen, daß sich mit seinem Namen eine größere Gruppierung verbindet. Seine Position ist, daß wir die Kraft haben müssen, neue Formen zu gewinnen und neue Architektur zu prägen, uns dabei aber am Standort und seiner Geschichte orientieren müssen. Er plädiert dafür, bewährte Bauformen der Vergangenheit in kritischer Form wieder aufzunehmen und zu interpretieren. Diese Position ist ernst zu nehmen, sie ist anregend. In der dogmatischen Form, in der sie oft vorgetragen wird, ist sie angreifbar. Ich spüre auch hier das Bestreben von Architekten, aufzufallen - nur mit dem Unterschied, daß hier das „Neue“ die Form des vergessenen „Alten“ besitzt.

Wie weit ist die Altstadt-Debatte gediehen?

In der bisherigen Debatte wurde zu wenig unterschieden zwischen städtebaulichen Strukturen und Architektur. Nur deshalb, weil der aus dem Wettbewerb heraus entwickelte Entwurf von KSP Engel und Zimmermann teilweise mit modernen Fassadenbildern gearbeitet hat, wurde er als modern identifiziert. Ich glaube, daß er städtebaulich nah dran ist an dem untergegangenen historischen Quartiersgrundriß und seinen öffentlichen Räumen. Das müßte zumindest denen gefallen, die sich für die Historie und die untergegangene Altstadt erwärmen. Insofern ist der Schritt gar nicht so groß, eine breite Akzeptanz für diesen Entwurf zu finden.

Die Überbauung des Archäologischen Gartens erweist sich als schwierig, auch der Entwurf von KSP hat noch keine befriedigende Lösung gebracht. Was ist Ihre Vorstellung für diese Fläche?

Ich halte es städtebaulich für notwendig, den Garten zu überbauen. Ich meine, daß das Erlebnis des Domplatzes auf der einen Seite und des Römerbergs auf der anderen Seite um so stärker wird, je enger das Geviert dazwischen bebaut ist. Man sollte hier keinen großen öffentlichen Raum haben, der in seiner Dimension in Konkurrenz zum Römer tritt. Hier könnte ein kleiner, intimer Platz entstehen, aber mehr nicht. Wenn man den Garten überbaut, ist es unverzichtbar, daß man eine besondere Nutzung findet, die einen kulturellen Inhalt hat und einen besonderen Bezug zu den archäologischen Funden, die auch künftig in einer großen öffentlichen Ausstellungshalle zugänglich sein sollten.

Wird es denn eine Gestaltungssatzung für die Neubauten geben, die beispielsweise Dachform und Fassadenmaterial vorgibt?

Ich glaube, die Stadt ist gut beraten, mit Vielfalt Einheit zu verbinden. Es sollte kein Viertel von marktschreierisch bunten Gebäuden entstehen. Die städtebauliche Situation ist eine Zwischensituation zwischen dem wichtigen Pol Römer und Paulsplatz auf der einen Seite und dem Dom mit Domplatz auf der anderen Seite. Da sollte man sich unterordnen. Die Bauherren und Architekten in diesem Quartier müssen sich im Sinne eines Ensembles untereinander abstimmen.

Das würde auch für das kulturell genutzte Gebäude über dem Archäologischen Garten gelten, das ja automatisch eine gewisse Größe hätte?

Für ein solches Gebäude gilt das weniger. Das muß sich zwar in seiner Dimension und in seinen Fluchten in das Ensemble einpassen. Ich glaube aber, daß man in der Architektur aufgrund der öffentlichen Nutzung mehr Freiheiten haben sollte als bei den privaten Bauvorhaben.

Eine mögliche Rekonstruktion der Goldenen Waage könnte in Konflikt geraten mit der von Ihnen propagierten Überbauung des Archäologischen Gartens für eine kulturelle Nutzung. Soll sie trotzdem rekonstruiert werden?

Zur Goldenen Waage habe ich noch keine abschließende Meinung. Wir sind dabei, die Unterlagen, die einen Wiederaufbau ermöglichen würden, zu sichten. Rekonstruktionen historischer Gebäude generell bedürfen einer besonderen Begründung. Zunächst ist der Anspruch da, daß die heutige Generation das bauen kann, was sie selber für richtig hält. Wenn sich eine Generation nicht mehr traut, eigene Architektur zu definieren, wäre es ein schlechtes Zeichen für den Zukunftsmut einer Gesellschaft. Auf der anderen Seite kann es Begründungen für die Rekonstruktion in einzelnen, besonderen Fällen geben - um damit Geschichte lebendig zu machen oder weil es sich um besonders schöne Gebäude handelt. Das muß man im Einzelfall abwägen. Man muß dabei aber realistisch sehen, daß auch eine sorgfältige Rekonstruktion kaum den Reichtum an Formen, Gebrauchsspuren, Umbauten und Brüchen herstellen kann, den alte Häuser im Laufe von Jahrhunderten erworben haben und den wir an ihnen schätzen.

Und welche Häuser bieten sich besonders für eine Rekonstruktion an?

Wir sind im Moment noch nicht so weit, daß wir konkrete Vorschläge machen können. Wir werden in einigen Wochen aussagefähig sein und vermutlich vorschlagen, das eine oder andere Gebäude zu rekonstruieren. Dann könnte ein Aha-Effekt eintreten: Diese Gebäude zusammen mit einer kleinteiligen modernen Bebauung und mit dem schon bekannten Quartiergrundriß haben gute Chancen, in der Bürgerschaft als Neubelebung der historischen Altstadt verstanden zu werden.

Unter Investoren und Architekten wird heftig darüber gestritten, ob eine starke Parzellierung des Areals und die Vergabe der Baugrundstücke an einzelne Bürger realistisch und sinnvoll ist. Wo liegt da die Wahrheit?

Der überarbeitete Entwurf, den wir im November 2005 vorgestellt haben, ist geeignet für eine wirtschaftlich machbare Parzellierung. So führen die Einrichtung von drei sogenannten Messehöfen entlang der Braubachstraße und die Ausweisung eines Baufeldes für ein mittelgroßes Hotel zu einem städtebaulich angemessenen Maß an Kleinteiligkeit, und die Parzellen sind gleichzeitig wirtschaftlich tragfähig.

Wer soll bauen dürfen?

Das Gelände ist so zentral und wertvoll, daß man intensiv darüber nachdenken sollte, Institutionen Baugrundstücke anzubieten, die sich in besonderer Weise der Stadt Frankfurt verpflichtet fühlen und in besonderer Weise dem Gemeinwesen dienen. Man könnte daran denken, großen Frankfurter Stiftungen Baumöglichkeiten anzubieten.

Verlassen wir die Altstadt. Sehen Sie den Mut zur Zukunft in der Architektur in Frankfurt ausreichend widergespiegelt?

In Frankfurt gibt es eine lange Reihe von modernen Gebäuden, die nicht schlicht das wiederholen, was man aus der Vergangenheit kennt, sondern die das Selbstbewußtsein von Bauherrn, Architekt und letztlich auch der Stadt in großer Konsequenz und in überdurchschnittlicher Qualität zum Ausdruck bringen. Dies gilt vor allem für gewerbliche und öffentliche Bauvorhaben. Bei der Wohnungsbauqualität haben wir allerdings Nachholbedarf.

Man merkt, daß immer mehr Städte auf Architektur als Marketinginstrument setzen. Architektenstars sollen bauen, um die Aufmerksamkeit zu erhöhen. Man denke an die Allianz-Arena in München oder die Elbphilharmonie in Hamburg. Fehlt das in Frankfurt, oder sollte man eher froh sein, daß es hier nicht so arg getrieben wird?

Wir haben ja durchaus wichtige Bauwerke international bekannter Architekten. Das Museum für angewandte Kunst am Museumsufer zum Beispiel ist ein Werk des internationalen Stars Richard Meier. Es ist übrigens ein Gebäude, das sich subtil in die Umgebung einfügt und historische Bezüge aufnimmt. Das Heranziehen von Stararchitekten muß nicht zu einer Beliebigkeit von Formen führen, die nichts mit der Geschichte des Standorts zu tun haben.

Aber man könnte es ja auch positiv wenden. Vielleicht fehlt Frankfurt so ein verrückter Riesenbau, der sich als Symbol für Frankfurt auf der ganzen Welt ins Bewußtsein gräbt?

Frankfurt kann sich nicht mit einem einzelnen überragenden Bauwerk neu in der Welt präsentieren. Jedes neue Gebäude, das zunächst fasziniert, wird im Zeitablauf an Glanz verlieren und wird eine Umbewertung erfahren. Frankfurt stellt sich nach außen stark dar mit dem Gesamtinventar an Gebäuden. Wir sollten vorhandene Qualitäten pflegen, Zusammenhänge intensivieren und Stärken stärken. Die Hochhauslandschaft ist dabei ein wesentlicher Punkt. Die Innenstadt wird als städtebauliches Thema in den nächsten Jahren erheblich an Bedeutung gewinnen, weil sie von außen als Visitenkarte der Stadt wahrgenommen wird. Da hat Frankfurt Nachholbedarf.

Und deshalb bereiten Sie das Innenstadtkonzept vor. Was erwartet uns da?

Was in den nächsten Monaten in die öffentliche Diskussion kommen soll, ist eine Sammlung von etwa 40 bis 50 Projektideen. Sie verfolgen unterschiedliche Ziele, können aber am ehesten unter der Überschrift „kritische Rekonstruktion untergegangener städtebaulicher Qualitäten“ zusammengefaßt werden. So sollen zum Beispiel die Zugänge zur Innenstadt an den Wallanlagen repräsentativ ausformuliert werden. Wir lassen uns dabei inspirieren von älteren Situationen im 19. Jahrhundert, als es Vorplätze mit einer symmetrischen Anordnung von Zollhäusern gab. Oder wir wollen das System der in Nord-Süd-Richtung geführten Straßen und Gassen stärken und ergänzen. Ich persönlich denke in manchen Punkten radikaler: So sollte meines Erachtens die Stadt das Zusammenspiel von Paulsplatz und Römer neu strukturieren, indem dort, wo früher unter anderem die Börse von Stüler die Neue Kräme begrenzt hat, wieder ein schmaler Baublock realisiert wird. Dann könnte man einen intimeren Paulsplatz und einen spannungsvolleren Übergang zwischen Neuer Kräme und Römer bekommen. Dafür ist aber keine Akzeptanz zu erkennen.

Ein ähnlicher Vorstoß ist schon für ein Gebäude auf dem Goetheplatz gemacht worden, bisher aber vergeblich.

Eine Gliederung der Platzfolge durch ein neues Gebäude zwischen Goetheplatz und Roßmarkt sollte nach meiner Auffassung wieder auf die Tagesordnung gesetzt werden - verknüpft mit der Öffnung der Großen Bockenheimer Straße zum Rathenauplatz.

Die Fragen stellte Matthias Alexander.



Text: F.A.Z., 26.05.2006
Bildmaterial: F.A.Z. - Röth

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