Geburt

Doppelter Kindersegen wird immer häufiger

Von Brigitte Roth

24. März 2008 Ayleen ist in eine türkisgrüne Wolldecke gemummelt, Zoé in eine gelbe. Auf Ayleens Geburtsbändchen steht Lange I., auf dem Bändchen ihrer kurz darauf geborenen Schwester Lange II. – direkt nach der Geburt hatten die Eltern noch keine Namen für ihre Kinder parat, weshalb man sich mit dem Nachnamen der Mutter behalf. Aber auch über diese eher etwas nüchternen Bezeichnungen sind Jessica Lange und Andreas Dotter sehr froh, sind die Bändchen doch die einzige Möglichkeit, um die eineiigen Zwillinge auseinanderzuhalten.

Vier Wochen vor dem regulären Geburtstermin auf die Welt gekommen, sind die winzigen Mädchen gesund und munter. Nur die Körperwärme können sie noch nicht so gut halten. Bis sie etwas mehr Speck auf den Rippen haben und das Wärmebettchen nicht mehr brauchen, sollen sie deshalb im Bürgerhospital bleiben. Dort sind Ayleen und Zoé in diesem Jahr schon das neunzehnte Zwillingspärchen.

„Mit fünfunddreißig tickt die biologische Uhr“

Das Krankenhaus an der Nibelungenallee war mit 2320 Geburten im vergangenen Jahr die Klinik mit den meisten Geburten in Hessen, wie Franz Bahlmann, Chefarzt der Frauenklinik am Bürgerhospital, berichtet. Auffällig sei eine stetige Zunahme von Zwillingsgeburten. Waren es im Jahr 2000 noch vier Zwillingspaare, die geboren wurden, waren es im vergangenen Jahr 110. Das mag sicher auch darauf zurückzuführen sein, dass 2004 mit Bahlmann ein Spezialist für Ultraschalldiagnostik und Pränatalmedizin als Klinikchef gewonnen werden konnte. Zudem verfügt das Bürgerhospital als Perinatalzentrum über alle Voraussetzungen zur Versorgung von Risikoschwangerschaften. Und eine Mehrlingsschwangerschaft birgt immer besondere Risiken. Als Hauptgrund für die in ganz Deutschland gestiegene Zahl von Mehrlingsgeburten sieht Bahlmann jedoch die immer häufigeren künstlichen Befruchtungen.

Die fruchtbarsten Jahre einer Frau liegen zwischen 25 und 35. Doch der Kinderwunsch werde bei Frauen heute immer mehr von beruflichen Plänen in den Hintergrund gedrängt. Erst mit fünfunddreißig oder sogar später entschlössen sich viele Frauen dann doch für eigene Kinder. „Dann tickt die biologische Uhr“, so Bahlmann. Und wenn sich eine Schwangerschaft dann innerhalb von ein bis zwei Jahren nicht einstellen wolle, wendeten sich viele verzweifelte Paare an ein Zentrum für Reproduktionsmedizin.

Jessica Lange, die Mutter von Ayleen und Zoé, ist 35 Jahre alt, und auch sie dachte bis vor kurzem nicht an Nachwuchs. Vieles war ihr wichtiger: das Abitur, dann eine Ausbildung als Objektgestalterin für Holz und Metall, dann das Studium der Kunstpädagogik. „Da war ich 29 und wollte natürlich in den Beruf einsteigen, was gar nicht so leicht war. Als wir uns für Kinder entschieden haben, ging es dann aber relativ schnell“, sagt sie. Dass es gleich Zwillinge wurden, war also in ihrem Fall nicht die Folge einer Behandlung.

Goldene und silberne Armbändchen für die Mädchen

Die Reaktionen von Freunden, Verwandten und Bekannten reichten von „herzliches Beileid“ bis: „Ach wie süß, Zwillinge hätten wir auch gerne gehabt.“ Die Eltern von Ayleen und Zoé mussten die Nachricht erst einmal „verarbeiten“, finden ihre zwei aber längst „ganz süß“. Ein größeres Auto haben sie schon gekauft. Jetzt suchen sie nach einer anderen Wohnung. „Altbau, dritter Stock wird mit zwei Kindern im Arm zu beschwerlich“, sagt die Mutter. Außerdem ist im Hausflur nicht genügend Platz, um einen Doppel-Kinderwaagen abzustellen.

Etwas ausdenken müssen sich Jessica Lange und Andreas Dotter auch noch, um ihre eineiigen Zwillinge voneinander zu unterscheiden, denn besondere Merkmale konnten sie bisher nicht entdecken. Die Ältere sei etwas ruhiger, die jüngere quengele ein wenig mehr, glauben Mutter und Vater zu erkennen. Aber bis sich verschiedene Charaktere oder ein anderes unverwechselbares Zeichen herausgestellt haben, wollen Lange und Dotter auf Nummer Sicher gehen – vielleicht durch goldene oder silberne Armbändchen für die Mädchen.

Auch wenn die Mutter „ganz bestimmt wieder zurück in ihr altes Leben als Kunstlehrerin an einer Schule will“, macht sie jetzt erst einmal ein Jahr Babypause, um sich mit dem Vater der beiden voll und ganz auf Ayleen und Zoé einzustellen – und damit auf so manche Überraschung in der Erziehung von Zwillingen. Auf Erfahrung in der Familie können die Eltern jedenfalls nicht setzen. Ihre Zwillinge sind die ersten in einer langen Familiengeschichte.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Cornelia Sick

 

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