Von Eva-Maria Magel
02. Oktober 2007 Physiker, die sich mit Kochen befassen, und Mainzer auf dem Mars: Mitten in der Stadt, rund um das Staatstheater, hat die Universität Mainz kürzlich aktuelle Forschungsthemen beim sechsten Wissenschaftsmarkt“ präsentiert. Das Staatstheater kennen einige der Lehrenden schon gut, schließlich hat dort im Juni die Night of the profs“ zum Jahr der Geisteswissenschaften stattgefunden.
Die nächtlichen Vorlesungen seien ein Riesenerfolg“ gewesen und würden auf alle Fälle fortgesetzt, sagt Petra Giegerich, Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit an der Universität. Kaum waren die Zelte des Wissenschaftsmarktes abgebaut, bereiteten Giegerich und ihre Helfer schon das nächste Publikumsereignis vor: die europaweite Researcher’s night“ am vergangenen Freitag zum Thema Heiß und kalt“. Als einzige deutsche Hochschule hat sich die Gutenberg-Universität an dem EU-Projekt beteiligt.
Ausbau von Wirtschaftskontakten
Die Mainzer erscheinen zwar dieser Tage als besonders umtriebig, wenn es darum geht, das Volk für die Wissenschaft zu begeistern. Aber auch die anderen Universitäten und Fachhochschulen setzen verstärkt auf Kommunikation. Dabei registriert man genau, was die Nachbarn tun. Giegerichs Kollege Jörg Feuck von der Technischen Universität Darmstadt verhehlt nicht, dass er auf den Mainzer Wissenschaftsmarkt“ ein bisschen neidisch ist – ein solches Großereignis mitten in der Stadt gibt es in Darmstadt nicht.
Kommunikation und Marketing nehmen immer größeren Raum in der Verwaltungsarbeit der Hochschulen ein: In der TU Darmstadt etwa arbeiten derzeit sieben Personen auf diesem Gebiet, doppelt so viele wie 2005. Und das, so Feuck, sei ausbaufähig“. Gewachsen sind die Aufgaben und die zuständigen Abteilungen in den vergangenen Jahren an allen Hochschulen. Denn der vielbeschworene Wettbewerb erfordert in mehrerlei Hinsicht eine andere Art der Kommunikation.
Marketing und Öffentlichkeitsarbeit werden an den meisten Hochschulen von einer Abteilung betreut, zielen aber gleich auf drei Gruppen. Die Hochschulen wetteifern um gute Studenten, sie suchen den Kontakt zur Wirtschaft, um Kooperationen aufzubauen und Drittmittel zu akquirieren. Außerdem hat sich die Überzeugung durchgesetzt, dass den Bürgern mitgeteilt werden müsse, was an den Hochschulen geleistet werde. Schließlich stammt das meiste Geld, das in Forschung investiert wird, aus Steuermitteln. Eine Hochschule, die darauf hofft, bei Exzellenzwettbewerben vorn dabei zu sein, muss auf Sichtbarkeit“ setzen, wie Giegerich es nennt: zitiert werden, renommierte Preise vergeben – oder welche bekommen.
Kinder-Uni für den Nachwuchs
Dass die Europäische Union ebenso wie die Staatsregierungen seit Ende der neunziger Jahre mehr Gewicht auf die Wissenschaftskommunikation legt, schlägt sich auch an den hiesigen Hochschulen nieder. Seit dem Jahr 2000 wird das bundesweite Wissenschaftsjahr“ ausgelobt – in diesem Jahr sind die Geisteswissenschaften dran. Und wenn sich auch ihre Vertreter fragen mögen, warum sie sich gemeinsam präsentieren müssen, während zuvor Physiker, Biologen oder Chemiker einzeln und nicht in einem Jahr der Naturwissenschaften“ auftraten – an beinahe jeder Hochschule gibt es nun Veranstaltungen, die den Nachwuchs und die Öffentlichkeit für die am jeweiligen Ort erforschten Facetten der Geisteswissenschaft interessieren sollen.
Um möglichst gute Studenten zu bekommen, muss eine Hochschule attraktiv erscheinen. Dazu gibt es zahlreiche Schülerprogramme, von Schnuppertagen und Ferienkursen bis zur ganzjährigen Betreuung. In Frankfurt etwa wurden im Juni eine ganze Nacht lang naturwissenschaftliche Vorlesungen geboten. Die ganz Jungen werden mit der Kinder-Uni an die Wissenschaften herangeführt – ein Import aus der Universität Tübingen, wo es ein solches Angebot erstmals 2002 gab. In Frankfurt wurden die Vorlesungen für den Nachwuchs in der vergangenen Woche zum fünften Mal veranstaltet, in Mainz zum vierten Mal. Wer sich bei solchen Anlässen im Hörsaal wohl fühlt, so die Hoffnung, kommt später wieder.
Inzwischen, so Feuck, informierten sich künftige Studenten meist im Internet über Angebote und Image der Hochschule, die sie in die Wahl zögen. Nicht nur die TU Darmstadt, die seit einiger Zeit an einem Ersatz für ihren bislang recht dürftigen Online-Auftritt arbeitet, gibt Geld für diesen Informationskanal aus. In Mainz etwa stellt Giegerich fest, dass Forschungsprojekte, Gruppen und Publikumsveranstaltungen immer öfter eigene Homepages beanspruchen.
Strategien für die Außenwirkung
Doch auch in die traditionellen Druckerzeugnisse wird investiert: Längst sind die auf billigem Papier gedruckten Hochschulzeitungen verschwunden, die nur der Pflicht Genüge getan haben, Wahltermine, Neuberufungen oder Immatrikulationsfristen unters Volk zu bringen. Uni-Report“ in Frankfurt, Hoch 3“ in Darmstadt oder Jogu“ in Mainz sind ansprechend gestaltete Blätter, in denen sich das Leben an der Hochschule meist recht vielfältig präsentiet. Oft schreiben Dozenten und Studenten selbst. Professoren, erklärt Stefan Hübner, Pressereferent der Universität Frankfurt, seien ohnehin verpflichtet, für ihre Forschung eine angemessene Öffentlichkeitsarbeit zu leisten.
Was genau angemessen“ ist, wird von den meisten Hochschulen allerdings nicht festgeschrieben: Es gibt höchst mitteilungsfreudige und eher introvertierte Dozenten. Doch der Druck, sich mitzuteilen, wächst auch innerhalb der Fachbereiche: Dort gibt es inzwischen meist einen Verantwortlichen für den Kontakt zur Außenwelt, der im besten Fall mit der Hochschulleitung kooperiert. In Mainz ist Giegerich voll des Lobes über die funktionierende Zusammenarbeit: Bei vielen Projekten gehe die Initiative von den Dozenten aus.
Nicht nur Giegerich hat festgestellt, dass Wissenschaftler – vor allem die jüngeren – daran interessiert sind, ihre Erkenntnisse zu verbreiten. Das war nicht immer so, zumal die Freiheit des Forschens und Lehrens oft zu sehr unterschiedlichen Arten geführt hat, sein eigenes Tun zu erklären – oder auch dazu, es einfach zu lassen. Heute werden für die einheitliche Wirkung nach außen Strategien entwickelt, die oft denen von Unternehmen ähneln. Doch Hochschulen sind keine Wirtschaftsbetriebe. Maulkörbe“ oder Anweisungen, wie nach außen agiert werden solle, gebe es nicht, heißt es allenthalben – wohl aber eine interne Kommunikation, die auf die Bedeutung eines koordinierten Auftretens mehr oder weniger deutlich hinweise.
Kontakt zu den Medien
Als Dienstleister“ oder fachkundige Ansprechpartner“ der Hochschullehrer sollen die hausinternen PR-Profis fungieren, wie Stefan Hübner von der Universität Frankfurt erklärt. Wie lohnenswert das Kommunizieren schon intern sei, zeige eine Gesprächsrunde mit einzelnen Fachbereichen, die seit einem Semester laufe. Inzwischen kämen deutlich mehr Vorschläge für Veröffentlichungen in der Pressestelle an, so Hübner. Aufklärung über Mechanismen der Öffentlichkeitsarbeit oder darüber, wie Medien ticken“, wie der Darmstädter Uni-Sprecher Feuck es ausdrückt, gibt es auch an andern Hochschulen mittlerweile häufig.
Denn der Kontakt zu den Medien ist für die Unis essentiell. Die Hochschulen berichten nicht nur über Entwicklungen im eigenen Haus, sondern schalten sich mehr und mehr selbst in öffentliche Debatten ein. Fachleute nehmen Stellung zu aktuellen Fragen – ohne zu warten, bis die Journalisten nach einem Experten zu suchen beginnen. Auch das ist Imagepflege.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Wonge Bergmann