Artenvielfalt

Bedrohte Naturschätze vor der Haustür

Von Mechthild Harting

Der Initiator der Kampagne:  Professor Wittig mit Studenten im Botanischen Garten der Goethe-Universität

Der Initiator der Kampagne: Professor Wittig mit Studenten im Botanischen Garten der Goethe-Universität

18. Mai 2008 Bei den Orchideen ist es wissenschaftlich belegt: Einst gab es allein in Frankfurt 18 verschiedene Arten, heute sind noch elf zu finden, sechs davon relativ häufig, etwa am Berger Hang. „Sieben Arten sind definitiv verschollen“, resümiert Rüdiger Wittig, Professor für Ökologie und Geobotanik an der Universität Frankfurt. Damit diese Zahl nicht weiter steigt und auch andere Arten wie das früher oft auf Feuchtwiesen zu findende Wollgras oder die Arnika gerettet werden können, sucht Wittig die Unterstützung der Öffentlichkeit. 2007 initiierte er die Kampagne „Biodiversitätsregion Frankfurt/Rhein-Main“, die dank einiger Sponsoren zumindest bis zum nächsten Frühjahr mit Führungen, Exkursionen, Vorträgen, Anzeigen und Plakaten für den Artenschutz wirbt.

Biodiversität ist für viele Menschen ein unbekannter Begriff

Wittig ist überzeugt, dass die biologische Vielfalt nur erhalten werden kann, wenn es gelingt, möglichst viele Menschen von ihrer Bedeutung zu überzeugen. Dass ausgerechnet in diesem Jahr die neunte Naturschutzkonferenz der Vereinten Nationen in Deutschland ausgerichtet wird und sich mehr als 5000 Delegierte aus 190 Nationen mit dem Thema Biodiversität befassen, ist für den Wissenschaftler eine „glückliche Fügung“. Denn mehr Aufmerksamkeit kann er sich für sein Anliegen, den Erhalt der Vielfalt der Arten, der Gene und der Lebensräume, nicht wünschen. Dass nur wenige mit dem Wort „Biodiversität“ etwas anfangen können, weiß der Geobotaniker. Wie eine Umfrage im vergangenen Jahr ergab, verbinden nur 25 Prozent der Deutschen etwas mit dem Begriff, der in der Fachwelt laut Wittig spätestens seit der Weltkonferenz in Rio 1992 fester Bestandteil eines neuen, vernetzten Denkens ist. Unter Forschern und Naturschützern ist es inzwischen Konsens, dass eine Art nicht erhalten werden kann, wenn ihr Lebensraum verschwindet.

In Frankfurt und in der Region widmen sich zahlreiche Institute, Verbände und Sammlungen dem Artenschutz – alles „Einrichtungen mit Weltruf“, wie Wittig betont. Auf diesem Gebiet engagiert sind unter anderen die Universität, das Senckenberginstitut und -museum, die Zoologische Gesellschaft, Zoo und Palmengarten, der World Wildlife Fund, Tropica Verde, die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit, die KfW-Bank, die Staatliche Vogelschutzwarte und nicht zuletzt Stiftungen wie die Bertha-Heraeus-und-Kathinka-Platzhoff-Stiftung sowie die Bruno-H.-Schubert-Stiftung. All diese Institutionen haben sich seit 2004 zu einem Verbund zusammengeschlossen, zu „Bio Frankfurt“, dem „Netzwerk für Biodiversität“. Ihr erstes gemeinsames Projekt ist die Imagekampagne „Biodiversitätsregion Frankfurt/Rhein-Main“.

Der Erhalt der Natur als Menschheitsziel

Das Besondere an dieser Aktion ist der regionale Ansatz. Wittig zufolge ist der Erhalt der Natur ein Menschheitsziel; es reiche nicht, sich auf den Erhalt der Regenwälder oder anderer „Biodiversitäts-Hotspots“ zu konzentrieren. Auch das Wollgras, die elf Orchideenarten in Frankfurt und die 20 im Rhein-Main-Gebiet seien schutzwürdig, ebenso wie Salamander und Molche, die es früher in jedem Bach gegeben habe, oder die 14 Frankfurter Fledermausarten. „Wir haben spannende Sachen unmittelbar vor der Haustür“, meint der Biologe und appelliert an die Bürger: „Schaut mal her, was wir haben - und macht euch kundig.“

„Was es nicht mehr gibt, ist unwiederbringlich für die Natur, für die Menschheit verloren“, ergänzt Julia Krohmer, Koordinatorin des Projektes. Schließlich würden Pflanzen von Menschen vielfältig genutzt. Jedes Gewächs sei eine kleine Chemiefabrik, und manche ihrer Erzeugnisse, die heute noch unbedeutend erschienen oder gar nicht bekannt seien, könnten in der Zukunft großen Wert gewinnen.

Ein wichtiger Standortfaktor

Für Wittig ist der Erhalt der natürlichen Vielfalt aber nicht nur aus wissenschaftlicher Sicht von Bedeutung: „Das ist auch ein wichtiger weicher Standortfaktor.“ Für ihn und die Initiative „Bio Frankfurt“ ist die Zusammenarbeit der Organisationen, die es in dieser Art sonst nirgendwo gebe, und auch deren einmalig große Zahl ein Alleinstellungsmerkmal. „Wir könnten zur Biodiversitäts-Hauptstadt werden“, sagt Wittig. Einen neuen Slogan für die Region hat er auch schon kreiert: „Banken, Börse, Biodiversität“.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Wolfgang Eilmes

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