Von Eva-Maria Magel
27. Februar 2007 Heute vor 300 Jahren wurde Johann Christian Senckenberg geboren. Nach wie vor gilt er als der wohl größte Mäzen der Stadt Frankfurt. Seinem Privatvermögen verdankt sie das erste Krankenhaus für Bürger, die erste Pathologie, die ersten naturwissenschaftlichen Einrichtungen, den Botanischen Garten. Unabhängig davon kamen die Senckenbergische Naturforschende Gesellschaft und der Physikalische Verein hinzu.
Anfangs lagen alle Einrichtungen am Eschenheimer Tor, erst 1907 trennten sie sich. Bis heute tagt die Administration der Stiftung im Senckenberg-Zimmer des Bürgerhospitals, in dem zahlreiche Erinnerungen an den Stifter verwahrt werden. Seiner gedenken bis Ende des Jahres alle ihm verbundenen Institutionen.
Auch Möbel erzählen Geschichten. Um den blank glänzenden Holztisch versammelt sich die Administration der Senckenbergischen Stiftung, vier Frankfurter Kaufleute“ und vier Ärzte, wie es Johann Christian Senckenberg 1763 festgelegt hatte. Es dürfte für die Herren – eine Dame gibt es derzeit nicht – ein Vergnügen sein, in diesem Zimmer zu tagen. Wie viele Bauteile und Mobiliar des ersten Bürgerhospitals, das 1773 am Eschenheimer Tor eröffnet wurde, integrierte es die Stiftung in das neue Krankenhaus, das von 1907 an am Alleenring gebaut wurde.
Zum gesundheitlichen Wohl der Stadt handeln
Der Stifter selbst starb noch vor Vollendung des ersten Klinikbaus. Seine Gebeine wurden 1907 in das neue Bürgerhospital umgebettet, die Totenmaske wird im Senckenberg-Zimmer aufbewahrt. Zwischen den Porträts von Senckenbergs Gattinnen und Verwandten hängt das Gemälde Anton Wilhelm Tischbeins: Ein Jahr vor Senckenbergs Tod hat er ihn porträtiert, die Gebäude seiner Stiftung im Hintergrund. 1752 hat Senckenberg auf einem seiner Tagebuchzettel“, die in der heute nach ihm benannten Universitätsbibliothek aufbewahrt werden, notiert: Meine Stiftung soll allezeit separiert bleiben und niemals vermengt mit Stadtsachen, damit nicht die Gewalt darüber in fremde Hände komme, die den heilsamen Endzweck vereiteln.“
So ist es bis heute geblieben. Viele Stiftungen sind untergegangen – die Senckenbergische gibt es immer noch, mit einem ordentlichen“ Vermögen, wie der Vorsitzende der Administration, Kosta Schopow, diskret bemerkt: Von den ersten Gulden ist noch immer etwas da.“ So diskret hat die Stiftung meist agiert, obwohl sie, gegründet amore Patriae“, aus Liebe zur Heimat“, untrennbar mit Stadtsachen“ verwoben ist. Die meisten Leute verbinden den Stifter mit dem Senckenbergmuseum – aber fast niemand mit dem Bürgerhospital oder dem Botanischen Garten.
Auf der Kommode im Senckenberg-Zimmer liegt das älteste Kassenbuch des Hospitals: 1773 kam der erste Patient in das Sechs-Betten-Haus und blieb ein ganzes Jahr. Heute ist so etwas unvorstellbar. Auch das Bürgerhospital, Lehrkrankenhaus und vor allem durch seine Geburtshilfe und Kinderheilkunde bekannt, ist den Zwängen des Gesundheitssystems ausgeliefert. Obwohl – nicht ganz. Denn die Prinzipien des Stifters, zum gesundheitlichen Wohl der Stadt zu handeln, wirkten sich bis heute auf Entscheidungen aus, erklärt Schopow.
Miniatur-Hochschule in Frankfurt
Patienten und Besucher wundern sich vielleicht über das Modell, das im Foyer des Krankenhauses steht: 1914 gebaut, erinnert es an die Zeiten, als das gesamte senckenbergische Reich an einem Ort versammelt war. Das Hospital, das anatomische Theater, das die erste Pathologie in Frankfurt war, der Botanische Garten und das Stiftungshaus hatten ihren Platz am Eschenheimer Tor. Im Sinne Senckenbergs kamen zwei der Stiftung verbundene, aber unabhängige Vereinigungen dazu: die Senckenbergische Naturforschende Gesellschaft und der Physikalische Verein. Denn neben der Medizin förderte der Stifter auch die Naturwissenschaften.
So entstand Ende des 18. Jahrhunderts fast eine Art Miniatur-Hochschule in Frankfurt. Hundert Jahre später war sie so gewachsen, dass ein Umzug zumindest des Hospitals nötig wurde. Um das Projekt zu finanzieren, schlug der damalige Oberbürgermeister Adickes eine Mischung aus Grundstückstausch und -kauf vor. Die Folge war die räumliche und später auch verwalterische Zerstreuung der Senckenberg-Einrichtungen. Mag sein, dass, wie mancher vermutet, die große Macht einer einzelnen bürgerlichen Institution von manchem Politiker auch mit Skepsis gesehen wurde.
Symbolische Mietpreise
Seither liegt das Hospital am Alleenring, der Botanische Garten erstreckt sich hinter dem Palmengarten, und die Senckenbergische Naturforschende Gesellschaft samt Museum sowie der Physikalische Verein residieren an der Senckenberganlage. Die Pathologie wurde damals dem Städtischen Krankenhaus beigesellt. Als die Universität gegründet wurde, wuchs der Stiftung eine weitere Rolle zu: Bis heute ist sie größte Grundstückseignerin auf dem Campus Bockenheim und verlangt, wie betont wird, symbolische“ Mietpreise von den Institutionen dort.
Denn auch der Bürgeruniversität, und dort vor allem der Medizin, sieht sich die Stiftung verbunden: Als Geburtstagsgeschenk“ wird im November an der Universität ein neues Institut für Neuro-Onkologie gegründet und der neuberufene Professor vorgestellt. Zusammen mit der Hertie-Stiftung finanziert die Senckenbergische Stiftung das Projekt für sechs Jahre. Das solle auch als Anerkennung der guten Gesundheitsversorgung der Frankfurter und der Forschungsleistung der Frankfurter Medizin verstanden werden, heißt es – im Sinne Senckenbergs.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, doa, dpa, F.A.Z. - Burkert, F.A.Z. - Rüchel