05. Februar 2007 Diskreter geht es kaum. Nur Eingeweihte finden vermutlich den barockisierenden Sandstein-Torpfosten und die versteckte Tafel mit der Inschrift: Hier stand Buchenrode, Wohnsitz von Arthur von Weinberg, 11. 8. 1860 Frankfurt, Main – 20. 3. 1943 KZ Theresienstadt, Ehrenbürger der Stadt Frankfurt am Main. Einer ihrer großen Mäzene“. Mit geradezu auffallender Unauffälligkeit wird in einer stillen Niederräder Straße des bedeutenden Chemikers und Industriellen gedacht, der mit seinem Bruder Carl und dem Onkel Leo Gans das Unternehmen Cassella einst zum Welterfolg führte – und sich zudem auf vielfache andere Weise um seine Vaterstadt verdient machte.
So klingt es wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, was Arthur Weinberg als siebzehnjähriger Abiturient an der Frankfurter Musterschule 1878 über seine Lebensziele schreibt: Mein Streben soll dahin gehen, dem Vaterland, der Menschheit zu dienen, etwas zu leisten für deren zukünftiges Glück, mit einem Wort, ein würdiges Glied der menschlichen Gesellschaft zu werden.“ Der hochmusikalische Jüngling, der seine Begabung als Geigenspieler und an der Orgel entfalten sollte, formuliert noch andere Wünsche: Ich will in der Musik nicht nur Harmonie, ich will vielmehr Melodie und Gefühl.“ Er weiß außerdem schon, dass Kunstgenuss und wissenschaftlicher Genuss“ für ihn immer eine wichtige Rolle spielen würden.
Mitglied des Aufsichtsrats der I.G. Farben
Zunächst aber studiert er Physik, Mathematik, alte Sprachen und vor allem Chemie in Straßburg und München, wo er 1882 von dem späteren Chemie-Nobelpreisträger Adolf von Baeyer, dem Pionier der Entwicklung künstlicher Farbstoffe, im Alter von 22 Jahren mit einer Arbeit Über das Carbostyril“ promoviert wird. Nach der freiwilligen Militärzeit tritt er 1883 bei der Firma Cassella seines Onkels Leo Gans ein, wo schon sein Bruder Carl als kaufmännischer Leiter arbeitet und wo der Vater Bernhard Weinberg, mit Pauline Gans, Leos Schwester, verheiratet, bis zu seinem Tod 1877 als Teilhaber tätig war.
Der brillante junge Chemiker erzielt in seinem Forschungslabor bald außerordentliche, auch wirtschaftlich hoch bedeutsame Erfolge: 1885 lässt er das Naphtholschwarz, das Blauholz-Importe entbehrlich macht, als Patent eintragen und entwickelt zahlreiche weitere synthetische Farbstoffe, mit denen es dem Dreigestirn Leo Gans, Arthur und Carl Weinberg gelingt, das Unternehmen an die Weltspitze zu bringen. 1925 kommt es zur Gründung der I.G. Farben, bei der acht große deutsche Farbenunternehmen fusionieren; Arthur von Weinberg wird Mitglied des Aufsichtsrats.
Zuvor hatten sich seine Forschungen auch für die Wissenschaft als höchst ergiebig erwiesen. Etwa für Paul Ehrlich, den Direktor des Instituts für experimentelle Therapie in Frankfurt, der 1908 den Nobelpreis erhält. Er wird ein enger persönlicher Freund von Arthur Weinberg, von dem er stets auf das großzügigste unterstützt wird, und entwickelt für die Pharma-Abteilung der Cassella bahnbrechende neue Medikamente. Mit Carl Hagemann dagegen, einem bei Cassella tätigen Chemiker, der Expressionisten sammelte, vermied der konservative Kunstfreund Arthur Weinberg jedes Gespräch über Kunst. Das berichtet Hansjörg Vollmann, der in der chemischen Industrie und als Professor tätig war und jetzt bei Lothar Gall eine Dissertation über die Industriellenfamilien Gans und Weinberg schreibt. Hübsch sind auch seine Anekdoten vom Weinberg-Freund Ehrlich, der sich selber Postkarten zwecks Erinnerung an seine Termine schrieb oder die Putzfrau mit dem Ruf Alles vergiftet“ davon abhielt, in seinem Labor aufzuräumen.
Direktor der Senckenbergischen Gesellschaft
1908 baut Arthur Weinberg an der Forsthausstraße, der heutigen Kennedyallee, ein wunderschönes neobarockes Wohnhaus in einem großen Park, in der Nähe des von ihm und seinem Bruder Carl gegründeten Gestüts Waldfried. Ein Jahr später heiratet er Willemine Peschel, eine verwitwete Holländerin, und adoptiert ihre Töchter, Marie Elisabeth und Charlotte, Mary und Lotti genannt. Willemine Weinberg war offenbar von calvinistischer Bescheidenheit: Von der Tochter Lotti ist jedenfalls überliefert, ihre Mutter habe sich vor jedem größeren Kleiderkauf erkundigt, ob Paul Ehrlich das Geld nicht nötiger brauche.
Es müssen herrliche Zeiten in Buchenrode gewesen sein, und einer der letzten noch lebenden Zeitzeugen, der als Sohn der Beschließerin dort aufwuchs, erinnert sich noch gerne daran. Auch an Arthur von Weinberg, den selten warmherzigen und liebenswürdigen Herrn“, der jeden Morgen um sechs oder sieben Uhr früh ausgeritten sei und allabendlich an seiner Orgel musiziert oder zu Konzerten eingeladen habe. Noch heute denkt der alte Mann voller Liebe“ an den Herrn Geheimrat“ und Frau von Weinberg, die ihm nur Gutes erwiesen hätten. Und anderen auch: Die Altersheime und Waisenhäuser seien stets reichlich bedacht worden, und am Heiligabend habe jeder Frankfurter Verkehrspolizist einen Geschenkkorb bekommen. In Frankfurt habe man aber auch die für die damalige Zeit ganz ungewöhnlichen Sozialleistungen bei Cassella gekannt.
Arthur Weinberg war ein überaus großherziger Mäzen: 1906 stiftete er der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft, der er lange als erster Direktor verbunden war, 50.000 Goldmark für den Kauf einer Gorilla-Familie, gefolgt von Spenden für ein Trachodon-Skelett und ein Orang-Utan-Paar. Ein Senegal-Löwenpaar schenkte er 1908 dem Frankfurter Zoo, ein Jahr später bekam der Tiergarten ein Paar Amur-Tiger. 1909 gründete er die mit 300.000 Goldmark ausgestattete Arthur-von-Weinberg-Stiftung zur Förderung der naturwissenschaftlichen Forschung und Lehre. Mit der gleichen, heute etwa vier Millionen Euro entsprechenden Summe beteiligte er sich an der Gründung der Frankfurter Universität, deren Ehrenbürger er wurde.
Zehnter Ehrenbürger der Stadt Frankfurt
Dem Physikalischen Verein in Frankfurt, dem er als Vorstandsmitglied angehörte, schenkte er eine Professur für Physikalische Chemie. Ähnlich generös engagierte er sich zudem für viele chemieferne Frankfurter Institutionen wie den Städelschen Museumsverein, den Patronatsverein oder das neugegründete Historische Museum. Anerkennungen blieben nicht aus: 1908 wurde er mit seinem Bruder Carl aufgrund beider Verdienste um die chemische Industrie von Kaiser Wilhelm II. in den erblichen preußischen Adelsstand erhoben. 1913 bekam er den Titel eines preußischen Geheimen Regierungsrats verliehen. Und zu seinem 70. Geburtstag wurde er 1933 der zehnte Ehrenbürger der Stadt Frankfurt.
Da hatten die bitteren Zeiten schon begonnen. Im Jahr 1935 musste Weinberg den Aufsichtsrat der I.G. Farben verlassen und nach und nach auch seine anderen Ämter aufgeben. 1938, berichtet der Buchenroder Zeitzeuge, hätten sich der damalige Oberbürgermeister Friedrich Krebs und andere Nazigrößen dort Einlass verschafft und den fast achtzigjährigen, seit 1935 verwitweten Arthur von Weinberg mit dem Satz Der Jud muss raus“ in den Park geschickt, um den Zwangsverkauf des Hauses vorzubereiten. 1939 wurde dort das Musische Gymnasium untergebracht.
Arthur von Weinberg zog erst zu seiner Tochter Lotti, später zu Mary nach Bayern. Dort wurde er am 2. Juni 1942 von der Gestapo verhaftet und nach Theresienstadt gebracht, wo man ihm ein Lager auf den Steinfliesen im Pferdestall zuwies. Nun bin ich wieder der dreckige Jude“, sagte er zu einer Besucherin. Nach zutiefst demütigenden Wochen stark geschwächt, starb er bei einer Gallenblasenoperation am 20. März 1943.
Vortragsabend über Arthur von Weinberg
An den großen Frankfurter und die Spuren, die er in seiner Stadt hinterlassen hat, erinnert am 5. März im Casino des Campus Westend ein – schon weitgehend ausgebuchter – Vortragsabend, den Renate von Metzler vom Vorstand der Vereinigung der Freunde und Förderer der Universität initiiert hat. Der Rechtshistoriker Michael Stolleis spricht über Arthur von Weinberg, Wissenschaftler, Unternehmer, Mäzen, NS-Verfolgter“, Karl Gerhard Seifert von der Alessa GmbH, vormals Cassella, übergibt Weinbergs Schreibtisch dem Präsidenten der Universität, Rudolf Steinberg.
Quellen: Ernst Mack, Die Frankfurter Familie von Weinberg im Zeichen der Kornblumenblüten. Reihe Die Port, 2000. Herausgeber Heimat- und Geschichtsverein Schwanheim, Alt-Schwanheim 6, 60529 Schwanheim. Rüdiger Volhard, Ein fast vergessener Wohltäter, in: Für Frankfurt leben - Petra Roth zum 60. Geburtstag, 2004. Angelika von Gans und Monika Groening, Die Familie Gans 1350-1963. Ursprung und Schicksal einer wiederentdeckten Gelehrten- und Wirtschaftsdynastie. 2007, Verlag Regionalkultur, Bahnhofstraße 2, 76698 Ubstadt-Weiher. Erscheint demnächst.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: privat