Krankenhaus-Serie

Lob für Leistungsvergleich der Kliniken

Von Brigitte Roth

17. Oktober 2007 Dass die Leistungen von Krankenhäusern jetzt dank der Pflicht zur Veröffentlichung bestimmter Daten besser verglichen werden können, freut viele Ärzte und Patienten. Allerdings gibt es auch Bedenken. Björn Misselwitz, Leiter der Geschäftsstelle Qualitätssicherung in Hessen, findet die bundesweit vorgegebenen Indikatoren zwar „recht aussagekräftig“, für Laien allerdings sind sie seiner Meinung nach weniger geeignet. Denn man dürfe die Ergebnisse nicht überbewerten. „Die Öffentlichkeit hat ein Recht auf Transparenz. Doch es muss sichergestellt werden, dass die Daten auch die Realität widerspiegeln.“

Noch seien schlechte Zahlen ebenso wenig zwangsläufig ein Zeichen für unzureichende Qualität wie umgekehrt gute für erstklassige Arbeit, sagt Misselwitz. Dokumentationsschwierigkeiten, statistische Schwächen, Fehlinterpretationen der einzelnen Indikatoren und der unterschiedliche Krankheitsgrad von Patienten könnten das Urteil verzerren.

F.A.Z. veröffentlicht Leistungsvergleich

Kliniken, die auffällig würden, hätten deshalb Gelegenheit, der Geschäftsstelle Qualitätssicherung die Werte zu erklären. „Doch an den Zahlen ändert das nichts mehr“, bekräftigt Misselwitz. In der Serie zum Leistungsvergleich von Krankenhäusern hat die F.A.Z. in der vergangenen Woche Daten zu ausgewählten Eingriffen veröffentlicht. Dabei kam es zum Beispiel bei den Angaben zu Herzkatheteruntersuchungen und -behandlungen der Kliniken Rotes Kreuz in Frankfurt zu einem Missverständnis zugunsten des Krankenhauses. Das ergab ein Vergleich zwischen den Zahlen, die der F.A.Z. zur Verfügung gestellt worden waren, und jenen, die der Geschäftsstelle vorliegen, wie deren Leiter berichtet.

Frank Louwen, Leiter des Perinatalzentrums der Frankfurter Universitätsklinik, hebt hervor, dass aufgrund der räumlichen Einheit von Kreißsaal und Neugeborenen-Intensivstation immer ein Kinderarzt bei der Geburt anwesend sei. Umso unglücklicher sei es, dass in den Tabellen aufgrund von Eingabe- und Dokumentationsfehlern der Eindruck entstehe, dies sei bei einigen Geburten nicht der Fall. Auch die Indikatoren, die für 2006 veröffentlicht werden müssten, seien noch verbesserungsbedürftig. So gebe einem die Verdoppelung der Kaiserschnittrate ohne eine merkliche Verbesserung der Kindersterblichkeit in Hessen zu denken. Doch das fließe nicht in die zu publizierenden Statistiken ein. Grundsätzlich jedoch sei der Zwang, bestimmte Ergebnisse publik zu machen, wichtig, um Leistungen eines Krankenhauses zu optimieren, meint Louwen.

Der Ärztliche Direktor des Bethanienkrankenhauses in Frankfurt und ehemalige Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen, Hans-Friedrich Spies, weist auf die Erfassungsschwierigkeiten der Kliniken hin. Daten müssten definiert und EDV-Systeme entwickelt werden, wobei es „bis heute immer wieder hakt“. Bei der Erfassung verschiedener Kriterien entstünden auch oft Widersprüche, die meist auf unterschiedliche Interpretationen der Definitionen beruhten – ohne böse Absicht, wie Spies anmerkt. Bei jeglichem Vergleich oder gar Ranking müssten unterschiedliche Fallzahlen und die gesundheitliche Verfassung der Patienten berücksichtigt werden, meint der Chefarzt.

Ärztekammer: Laien sind überfordert

Wichtige Anhaltspunkte für die Wahl eines Krankenhauses sieht Ursula Stüwe, Präsidentin der Landesärztekammer Hessen, in den Statistiken. Doch sie fürchtet zugleich, Laien könnten mit der Deutung der Zahlen überfordert sein. Und eine noch so niedrige Komplikationsrate in einer Klinik nutze dem Kranken, den es tragischerweise treffe, überhaupt nichts. Zu kurz komme in den Tabellen auch, unter welchen Bedingungen in einem Hospital gearbeitet werden müsse. Überdies sieht Stüwe die Gefahr, dass hierzulande Verhältnisse wie in den Vereinigten Staaten einkehren und Risikopatienten mit Blick auf die Zahlen abgewiesen werden. Krankenkassen wiederum könnten einem Hospital angesichts schlechter Daten bei Pflegesatzverhandlungen mit finanziellen Abzügen drohen.

Einen solchen Zusammenhang bestreitet Riyad Salhi, Pressesprecher der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK) Hessen. Eine Mindestzahl einzelner Leistungen indes sei aber nötig, damit diese überhaupt abgerechnet werden könnten. Die Fallzahlen seien auch für Patienten ein bedeutsamer Faktor, um sich bei einem planbaren Eingriff für oder gegen eine Klinik zu entscheiden. Es sei eben ein Unterschied, ob ein Arzt beispielsweise 300 Gallenblasen im Jahr entferne oder nur 30, sagt Salhi.

Bei der integrierten Versorgung spielten die Qualitätsberichte durchaus eine Rolle. Denn in diese Verträge sollten im Sinne der Patienten die besten Kliniken eingebunden werden. Die neuen Berichte zeigten bei genauer Betrachtung zudem sehr deutlich, dass es nicht bessere und weniger empfehlenswerte Krankenhäuser gebe, sondern lediglich unterschiedlich leistungsstarke Fachabteilungen. In jedem Fall würden die Werte der Kliniken in die Internetportale für Patienten und Ärzte aufgenommen, nur die Form sei noch unklar, so Salhi.

Voß: „Hervorragende Basis für Transparenz“

Auch die Techniker-Krankenkasse Hessen will die Daten ins Netz stellen. Wie die Leiterin des Landesverbandes, Barbara Voß, ankündigt, wird die Kasse außerdem jährlich ihre bundesweite Patientenbefragung zu Behandlungserfolg, Pflegequalität und Zufriedenheit mit den Krankenhäusern aktualisieren. Qualitäts- und Erfahrungsberichte zusammen dienten Verbrauchern als hilfreiche Informationsquellen und könnten ein weiterer Impuls für einen Wettbewerb um die beste Qualität sein.

Voß plädiert allerdings für eine verbindliche Offenlegung weiterer Qualitätsindikatoren, um auch in anderen medizinischen Disziplinen einen Leistungsvergleich zu ermöglichen. Derzeit werden von den Kliniken nach ihren Worten die Daten von mehr als 200 Indikatoren erfasst. Doch nur die Ergebnisse zu 31 dieser Kriterien müssten offengelegt werden. Es sei somit keine Frage, dass in Deutschland eine hervorragende Basis für weitergehende Transparenz vorhanden sei.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Frank Röth

 

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