Schreibabys

Machtlos gegen das Gebrüll

Von Brigitte Roth

17. Mai 2008 Schon mittags, wenn der Kleine noch bester Laune und äußerst friedlich war, hatten die Eltern innerlich keine Ruhe mehr. Denn sie wussten: Spätestens um 17 Uhr würde ihr drei Monate alter Sohn wieder zu schreien beginnen. „Zwischen 17 und 19 Uhr war die klassische Schreizeit“, berichtet der Vater. Ein Gegenmittel fanden die verzweifelten Eltern, denen ihr Sohn so leid tat, weil er sich ganz offensichtlich unwohl fühlte, nicht.

Ob sie ihm den Bauch mit Öl massierten, es mit einem Wärmekissen oder homöopathischen Mitteln versuchten, nichts half wirklich. Auch gegen das offensichtliche Schlafdefizit ihres Sohnes, das sich in häufigem Quengeln äußerte, waren die Eltern machtlos. Heute ist Max (alle Namen von der Redaktion geändert) neun Monate alt und meistens fröhlich. Er ist zwar kein Murmeltier, hat für sein Alter aber genügend Schlaf, und sein Schreien hält sich in Grenzen. Die Schneiders schwören deshalb auf die Schrei-Ambulanz am Clementine Kinderhospital.

115 Kindern und Eltern wurde schon geholfen

Fünfmal, jeweils eine Doppelstunde, hatten sie dort Gelegenheit, sich mit Jennifer Kujack, Psychologin und psychologische Psychotherapeutin, auszutauschen und bei ihr fachlichen Rat einzuholen. „Wir fühlten uns ein bisschen wie in einem Hamsterrad und wussten nicht, wie wir da wieder herauskommen sollten.“ Dabei – so haben die Schneiders festgestellt – sind es oft nur Kleinigkeiten, die verändert werden müssen, auf die sie aber ohne den „wohlwollenden professionellen Blick von Frau Kujack“ nie gekommen wären.

Zum Beispiel, Max auch mal alleine spielen zu lassen, ihm generell etwas mehr alleine zuzutrauen. Dazu gehörte auch, dass er lernt, alleine einzuschlafen und eben nicht nur auf dem Arm von Mutter oder Vater. Die beließen es, angeregt von der Therapeutin Kujack, bald bei einem Gute-Nacht-Ritual mit Abspielen der Spieluhr und gingen dann aus dem Kinderzimmer. „Wir können Max inzwischen ins Bett legen, er brabbelt dann noch etwas vor sich hin und schläft friedlich ein.“ Nun wünscht sich seine Mutter, dass er sie bald auch nicht mehr um 24 Uhr, um 3 Uhr und um 6 Uhr aus dem Schlaf reißt, um erst an ihrer Brust wieder einzuschlafen.

In dem Anfang September vergangenen Jahres eröffneten „Therapiezentrum für Schreibabys und frühkindliche Regulationsstörungen“ am Clementine Kinderhospital waren mittlerweile 115 Kinder und ihre Eltern. Die größte Gruppe (75 Prozent) sind Mädchen und Jungen mit Schlafstörungen, also Kinder, die zum Beispiel nachts zu oft aufwachen und frühestens nach 20 Minuten wieder einschlafen. Weil ihre Kleinen viel schreien oder unter Fütterstörungen leiden, wenden sich ebenfalls viele Eltern an die Schrei-Ambulanz, in der Neugeborene und Kinder bis zu drei Jahren behandelt werden. Noch übernimmt die Stiftung Polytechnische Gesellschaft die Personalkosten für die beiden Mitarbeiterinnen. Zurzeit wird mit den Krankenkassen verhandelt, damit diese möglichst bald für die Therapien aufkommen.

Patentrezepte gibt es nicht

Manche Eltern nähmen nur ein bis zwei Gesprächstermine wahr, andere fünf oder auch mehr, sagt Kujack. Nach Ansicht der Psychologin gibt es niemals Patentrezepte, weshalb es bei echten Schwierigkeiten nicht reiche, Ratschläge aus einem Fachbuch zu befolgen. Auch die Frage, ob Säuglinge heutzutage mehr schreien als früher, möchte sie so pauschal nicht beantworten. Man sei für dieses Problem heute sensibler, meint sie, verweist aber darauf, dass manche Statistiken diese Frage durchaus bejahten.

Kujack will den Eltern helfen. Eine permanente Überforderung und Stress erzeugten bei ihnen ein Gefühl der Inkompetenz. Doch gemeinsame positive Erfahrungen in der Beziehung zwischen Mutter, Vater und Kind seien für alle Beteiligten sehr wichtig – und zwar von Anfang an, wie sie herausstellt. Krisen, welcher Art auch immer, sollte man nach ihrer Ansicht ernst nehmen. Von der Maxime: „Das wächst sich schon aus“ hält sie dagegen gar nichts.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP

 
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