Erweiterung der Main-Weser-Bahn

„Allein sechs Jahre Bauzeit sind eine Tortur“

Von Bernd Günther, Frankfurt

Wird die Main-Weser-Linie ausgebaut, so dürfte hier am Eschersheimer Bahnhof in Zukunft einiges mehr los sein.

Wird die Main-Weser-Linie ausgebaut, so dürfte hier am Eschersheimer Bahnhof in Zukunft einiges mehr los sein.

13. August 2009 Die Deutsche Bahn AG wird sich auf weiteren juristischen Widerstand gegen den geplanten Ausbau der Bahnlinie zwischen Bockenheim und Bad Vilbel einrichten müssen. Dies wurde während eines Informationsabends zum Stand des umstrittenen Verkehrsprojekts deutlich. Zu der Veranstaltung eingeladen hatte die Bürgerinitiative „Gegen den viergleisigen Ausbau zwischen Frankfurt-West und Bad Vilbel“, die in dem an der Trasse gelegenen Stadtteil Berkersheim gegründet wurde. Wie die Sprecherin der Initiative, Hannelore Otto, auf Anfrage mitteilte, stehen weitere juristische Schritte unmittelbar bevor.

Otto gehörte für die FDP viele Jahre dem Ortsbeirat 10 und dem Stadtparlament an und vertritt als Rechtsanwältin Bewohner des Stadtteils. Diese hatten vor fünf Jahren beim Hessischen Verwaltungsgerichtshof Klagen gegen den Ausbau eingereicht. Nun sollen die Verfahren wiederaufgenommen werden, nachdem man sie auf Bitten der Bahn hatten ruhen lassen. Dabei sollen sie laut Otto um Aspekte erweitert werden, die offenbar geworden seien, nachdem der Planfeststellungsbeschluss ergangen sei (siehe Kasten). Nach Auffassung der Anwältin werden weiterhin die Rechte der Anwohner auf Lärm- und Erschütterungsschutz verletzt; außerdem sei der Brandschutz nicht zweifelsfrei geklärt.

Die Eschersheimer Bürgerinitiative „2 statt 4“ kämpfte ausdauernd gegen den Ausbau

Die geänderten Pläne lagen bis vergangenen Freitag im Technischen Rathaus öffentlich aus. Einwendungen konnten aber nicht mehr erhoben werden. Dies war nach Angaben von Otto nur bei der ersten Auslegung 2006 möglich. Damals seien 464 Einwendungen registriert worden. Bis zuletzt hatte die Bürgerinitiative an die Einwender appelliert, zu überprüfen, ob ihre Kritik berücksichtigt worden sei. Denn nur ihnen sei es möglich, juristisch gegen das Projekt vorzugehen. Klagen können noch bis 7. September eingereicht und bis spätestens vier Wochen danach begründet werden, sagt Otto.

Wie berichtet, hatte schon kurz nach dem Planfeststellungsbeschluss die ebenfalls gegen den Gleisausbau kämpfende Eschersheimer Bürgerinitiative „2 statt 4“ weitere rechtliche Schritte angekündigt. Nach Angaben von Klaus Funk, dem Sprecher des Bündnisses, ist die auf Verwaltungsrecht spezialisierte Kanzlei Strauch & Jung aus Wiesbaden beauftragt worden, das weitere juristische Vorgehen vorzubereiten.

Ein akkustischer Effekt wie in einer Arena

Der vorliegende Planänderungsbeschluss reiche nicht aus, um vorhandene Klagen zu beseitigen, bekräftigt auch Otto. Die Anwohner der Bahntrasse befürchteten, dass durch deren Ausbau die Wohnqualität gemindert werde und private Immobilien an Wert verlören. Weiterhin sei ungeklärt, wie dies kompensiert werde; es fehlten aussagekräftige Entschädigungsregelungen, so Otto.

Auch warnen die Ausbaugegner davor, dass das Niddatal als Teil des städtischen Grüngürtels zerstört würde, wenn dort bis zu sechs Meter hohe Lärmschutzwände aus Aluminium errichtet und dadurch schöne Ausblicke verstellt würden. Überdies nützt die Wand nach Ansicht von Otto im Abschnitt von Berkersheim nicht viel: Die weiter von der Trasse entfernt gelegenen Wohnhäuser stünden an einem Hang; dadurch ergebe sich ein akustischer Effekt wie in einer Arena, und die Anwohner hätten weiterhin unter Lärm zu leiden.

Angst vor möglichen Unfällen

Auf den künftig vier Gleisen könnten täglich bis zu 355 Personen- und Güterzüge sowie S-Bahnen der Linie 6 verkehren. Bei dieser Schätzung beruft sich die Bahn auf eine Prognose im Bundesverkehrswegeplan. Die Ausbaugegner wenden jedoch ein, seit Beginn des Planungsverfahrens hätten die Prognosen wiederholt nach oben korrigiert werden müssen. Die Bedeutung der Trasse im überregionalen Streckennetz spreche dafür, dass sie – sollte sie erst einmal erweitert sein – auch deutlich stärker befahren werde. Laut Planänderungsbeschluss wird die Zahl der Güterzüge, die binnen 24 Stunden die Strecke passieren würden, auf 61 geschätzt. Grundsätzlich halten es die Ausbaugegner für falsch, dass nationaler und internationaler Güterverkehr nicht um das Stadtgebiet herum, sondern durch dieses hindurch geführt werde: Dies sei angesichts der Gefahren nicht mehr zeitgemäß, meint Funk von der Eschersheimer Bürgerinitiative. Diese hat in einem Flugblatt auf das verheerende Güterzug-Unglück Ende Juni im italienischen Viareggio verwiesen und daran erinnert, dass Frankfurt 1997 einer ähnlichen Katastrophe nur knapp entkommen sei. Damals kollidierte in Sachsenhausen ein mit Kraftstoff beladener Güterzug mit einem anderen Güterzug, stürzte um und fing Feuer.

Die Anlieger fürchten allerdings nicht nur mögliche Unglücksfälle, sondern schon die Auswirkungen des Trassenbaus: „Sechs Jahre Bauzeit stellen für die Anwohner eine Tortur dar“, so Otto. Zudem sei ungeklärt, ob in Berkersheim Häuser an der Strecke durch Erschütterungen Schaden nehmen könnten. Otto wies darauf hin, dass es an der Straße Im Klingenfeld 1968 einen Erdrutsch gegeben habe und seitdem immer wieder Risse an Mauern und Straßen aufgetreten seien. Das Gelände ist ein Quellgebiet und offenbar in Bewegung. Selbst die Stadt, die die Straße sanieren wolle, prüfe seit einem Jahr, ob dies überhaupt möglich sei oder weitere Erdrutsche zu befürchten seien. Die Bahn habe Hinweise auf die Gefahren durch Erschütterungen bisher aber ignoriert.

Die Sprecherin der Bürgerinitiative hob hervor, dass der ergangene Planfeststellungsbeschluss erst dann Rechtskraft habe, wenn über die anhängigen und noch eingehenden Klagen entschieden sei. Es sei nicht anzunehmen, dass die Bahn zuvor mit den Bauarbeiten beginne.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Wolfgang Eilmes

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Sie möchten Zuschuss zur Ihrer neuen Brille? Vergleichen Sie jetzt online einfach und bequem verschiedene Krankenzusatzversicherungen und sparen Sie bares Geld!

Besuchen Sie die Botticelli-Ausstellung im Frankfurter Städel?

Ergebnis
In 
Anzeigen des Monats
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche