Gedenkstunden zum Pogrom

„Das Feuer der authentischen Erinnerung erlischt bald“

09. November 2005 Wie schon seit einigen Jahren ist auch am Mittwoch in Frankfurt der Pogromnacht von 1938 an zwei Orten gedacht worden: in der Paulskirche und in der Westend-Synagoge. Beides sind Orte der Erinnerung, die in gewisser Weise einen Sieg über das nationalsozialistische Regime symbolisieren. Die Paulskirche steht für die Wiedergeburt der Demokratie, die Westend-Synagoge für die Neugründung einer Jüdischen Gemeinde.

Solche authentischen Orte der Erinnerung würden künftig viel stärker als bisher die Erinnerung wachhalten müssen, sagte bei der Gedenkstunde in der Synagoge der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, Salomon Korn, vorher. Denn das "Feuer der authentischen Erinnerung", welches die mittlerweile betagten Zeitzeugen der damaligen Verbrechen wachgehalten hätten, werde bald erlöschen. "Der Prozeß der Historisierung der Erinnerung läßt sich nicht aufhalten." Einen "Wall der Emotionen" hätten viele der Überlebenden mit ihrer Zeitzeugenschaft aufzubauen gewünscht, konstatierte Korn, aber aus einem individuellen Erleben folge nicht zwangsläufig ein umfassendes Bild. Historische Zusammenhänge entstünden erst durch Wissen, die eigene Erfahrung müsse mit solchem Wissen angereichert werden.

Korn griff einen Gedanken des früheren Bundespräsidenten Roman Herzog auf, wonach authentische Orte zum Kristallisationspunkt der Erinnerung werden sollten. In Frankfurt und der Region sei Herzogs Wunsch leicht zu verwirklichen, schließlich habe es hier in den Adlerwerken eine Außenstelle des KZ Natzweiler gegeben, zwei Arbeitslager, dazu einige Gestapogefängnisse. Dazu kämen zahlreiche Arbeitslager in der Umgebung. Wenn Geschichte an solche Orte gebunden werde, rücke sie einem auf den Leib, meinte Korn. Er zeigte sich überzeugt davon, daß die nachwachsenden Generationen sich unbefangener als ihre Eltern und Großeltern der nationalsozialistischen Vergangenheit stellen könnten, weil sie nicht aus Selbstschutz verdrängen müßten.

Oberbürgermeisterin Petra Roth entwickelte in ihrer Ansprache den Gedanken, daß das damalige Geschehen nicht abgeschlossen sei: "Es wirkt weiter, es muß, es soll weiterwirken." Die hessische Kultusministerin Karin Wolff nannte die sogenannte Reichskristallnacht, in der in Hessen 148 Synagogen und 63 Bethäuser in Flammen gestanden hätten, einen bewußt inszenierten Tabubruch. Bei diesem Sakrileg sei jedem einzelnen Gläubigen ins Herz gestochen worden.

Bei der Gedenkstunde der Stadt Frankfurt aus Anlaß der Pogromnacht vor 67 Jahren hat Stephane Hessel, Überlebender des Konzentrationslagers Buchenwald, am Mittwoch in der Paulskirche eindringlich dazu aufgerufen, früh gegen jede Mißachtung der Menschenwürde, und sei sie noch so unscheinbar, einzuschreiten.

Hessel, 1917 in Berlin geborener französischer Staatsbürger und nach 1945 Diplomat im Dienst Frankreichs, erinnerte an die Charta der Vereinten Nationen, die auf den unveräußerlichen Rechten eines jeden Menschen und dessen Würde fuße. Diese Worte seien ernst zu nehmen; sie dürften nicht als ein noch zu erreichendes Ideal mißverstanden und beiseite gelassen werden, "wie es leider viele Regierungen und manchmal auch machtvollste Staaten tun", sagte Hessel, der von 1946 an seine Kraft dem Aufbau der Vereinten Nationen gewidmet hatte. Wo immer es Menschen gebe, Minderheiten anderer Religionen oder Hautfarben, denen die Würde abgesprochen werde oder deren Rechte eingeschränkt würden, "da ist Gefahr". Es sei das Kennzeichen des Totalitarismus, nicht nur einen Feind zu vernichten, sondern das "Grundprinzip der Würde des Menschen zu zerstören", so Hessel.

Dieter Graumann, Mitglied des Vorstands der Jüdischen Gemeinde, mahnte die Juden seiner Generation, die Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen weiterzutragen. Deutlicher als bisher sollten sich Juden in gesellschaftsrelevante Debatten einmischen und sich nicht marginalisieren lassen. Er warnte vor einer "Gleichmacherei" der Opfer des nationalsozialistischen Regimes und derer, die unter Vertreibung zu leiden gehabt hätten. Deshalb dürfe es kein "Zentrum gegen Vertreibungen" in Berlin geben.

Bei einer Demonstration gegen den iranischen Präsidenten, an der vor der Paulskirche etwa 250 Menschen teilnahmen (siehe nebenstehendes Interview), kritisierte Salomon Korn, daß es außer den Protestnoten vieler Regierungen keine größeren Protestaktionen gegeben habe. "Wo waren die ganzen Demonstranten, die auf die Straße gehen, wenn es um Unrecht geht?" (rieb./toe.)

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