Drogen

Weniger Süchtige am Frankfurter Bahnhof

28. Dezember 2004 Für Rauschgiftsüchtige ist Schneefall mindestens so unangenehm wie für Autofahrer mit Sommerreifen, weshalb die einen wie die anderen freiwillig schnellstmöglich von der Straße verschwinden. Da sich Frankfurt aber nicht auf die Natur verlassen kann, um Abhängige den Blicken der Öffentlichkeit zu entziehen, schicken Polizei und Drogenhelfer die Süchtigen im Bahnhofsviertel seit Mitte des Jahres mit Nachdruck in die Hilfseinrichtungen. Das hat zu einer deutlichen Entspannung in diesem Stadtteil geführt. Ansammlungen von Fixern wie einst im Kaisersack oder in der Taunusanlage gehören der Vergangenheit an.

4400 in Frankfurt polizeilich registrierte Rauschgiftsüchtige müssen aber irgendwo bleiben. Die geschätze Dunkelziffer ist sogar um 50 bis 100 Prozent höher. Drogenhandel und -konsum hätten sich auf die verschiedensten Plätze der Stadt verlagert, darunter Haltestellen, U-Bahn-Stationen und Parkanlagen, räumt der Leiter des Rauschgiftkommisariats K64, Hans Ewald Gemmer, ein. Da es schwieriger geworden sei, Heroin oder Crack im Bahnhofsviertel zu erwerben, finde der illegale Handel in anderen Stadtteilen statt. Ein Süchtiger kehre dann kaum ins Bahnhofsviertel zurück, um sich erst dort eine Spritze zu setzen oder Crack zu rauchen. Wolfgang Barth, Leiter des Drogennotdienstes an der Elbestraße, bestätigt, Kauf und Verkauf von Drogen würden vor allem in den Stadtteilen abgewickelt - im Gallusviertel, in Bornheim, Bockenheim, Niederrad und im Nordend. Ein Dealer informiere einen "Kollegen" im Bahnhofsviertel per Handy über den nächsten Treffpunkt, und der Kontaktmann gebe die Nachricht "in einer halben Stunde an der Rolltreppe XY" an seine üblichen Kunden weiter.

Süchtige von der Straße zu holen ist freilich nicht nur im Sinne der Bürger, die den Anblick von Fixern mit der Spritze im Arm nicht mehr ertragen können. "Das ist Überlebenshilfe für die Betroffenen", betont Barth. Niemand dürfe erwarten, daß ein Rauschgiftabhängiger, der in eine der drei Einrichtungen im Bahnhofsviertel geschickt werde, von heute auf morgen ohne seinen Stoff leben könne. Aber die Möglichkeit zu duschen, etwas zu essen, Wunden versorgen zu lassen oder endlich einmal auszuschlafen, stabilisiere den körperlichen Zustand. Aus der trotzdem gestiegenen Zahl der Drogentoten - 2004 waren es bisher 21 gegenüber 34 im Vorjahr - will der Pädagoge keine Tendenz ablesen. Hinter jedem Opfer stehe eine dramatische Biographie, und es spielten viele Ursachen zusammen, darunter das fortgeschrittene Alter der Süchtigen. So seien die Besucher des Drogennotdienstes heute meist 25 bis 35 Jahre alt, vor einigen Jahren habe das Durchschnittsalter noch bei 20 bis 32 Jahren gelegen. Gemmer weist darauf hin, daß sich die Zahl der Todesfälle wieder auf dem Niveau früherer Jahre bewege. 2003 habe es einen Ausschlag nach unten gegeben. Im übrigen seien vor allem solche Abhängige gestorben, die kein Angebot der Drogenhilfe genutzt hätten, erklärt Gemmer.

Von den polizeilich bekannten Rauschgiftsüchtigen in Frankfurt nehmen nach seinen Erkenntnissen mindestens zwei Drittel bis drei Viertel neben Heroin auch Crack. Im Drogennotdienst, zu dessen Angebot Notschlafbetten, Tagesruhebetten, ein Kontaktcafe, eine medizinische Ambulanz mit Methadonvergabe sowie spezielle Räume zum Injizieren von Rauschgift oder zum Rauchen von Crack gehören, macht sich das deutlich bemerkbar. Tagsüber sind die Betten nach Auskunft von Barth nahezu zu 100 Prozent von Crackrauchern belegt, die zum Teil bis zu 40 Stunden am Stück auf den Beinen gewesen seien und buchstäblich keinen Fuß mehr vor den anderen setzen könnten.

Das aus Kokain gewonnene und zu stecknadelkopfgroßen Steinen verarbeitete Crack wird in speziellen Pfeifen geraucht und unterdrückt das Müdigkeitsgefühl. Wenn die Wirkung von Crack nach wenigen Minuten nachläßt, gieren die Abhängigen nach dem nächsten Stein. Bis ihr Organismus streikt, sind Cracksüchtige daher oft Tag und Nacht unterwegs - kaufen, rauchen und beschaffen sich neues Geld, zum Beispiel indem sie Drogengeschäfte vermitteln oder selbst mit Rauschgift handeln.

Üblich ist derzeit auch der wechselnde Gebrauch von aufputschendem Crack und dämpfendem Heroin oder eines Cocktails aus beidem. Die Wirkung eines Crack-Heroin-Gemischs wird als "besondere Form des Rauschzustands" beschrieben, der sich vom Dahindämmern nach reinem Heroinkonsum unterscheidet.

Im Drogennotdienst beobachtet Barth eine zunehmende Inanspruchnahme des Druckraums, was er auf "veränderte Konsummuster" zurückführt. Dazu gehöre der Gebrauch von Mixturen aus Kokain und Heroin; außerdem würden immer öfter aufgelöste Beruhigungsmittel gespritzt.

BRIGITTE ROTH

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