Von Charlotte Wink
12. Juli 2007 Das richtige Wort fällt ihr nicht ein. Tatjana Finger schließt die Augen und runzelt die Stirn. Dann schnalzt sie mit der Zunge: Rentnerin“, sagt sie mit stark gerolltem r“. Sie sei eine Rentnerin, eine alte Frau“. Vor sechs Jahren ist sie aus der Ukraine nach Frankfurt gezogen, um in der Nähe ihrer Kinder zu leben. Seit September geht sie dreimal in der Woche zum Integrationskurs“ in der Frankfurter Volkshochschule.
Damit ich besser sprechen kann mit den deutschen Leuten“, sagt sie. Deutsch sprechen, lesen und schreiben – das ist das Ziel der zwölf Erwachsenen, die an diesem Morgen lernen, vor welchen Wörtern der“, die“ oder das“ steht: die Pünktlichkeit, die Situation, die Liebe, erklärt ihre Lehrerin Barbara Sommer. Anders als in vielen anderen Sprachen ist die Liebe auf deutsch eine Frau.“
Thema beim Integrationsgipfel
600 Stunden Sprachkursus plus 30 Stunden Intensivkursus in deutscher Politik und Geschichte – das ist die Formel, mit der die Lehrgänge seit 2005 Ausländer in Deutschland eingliedern sollen. Vor kurzem hat die Bundesregierung einen Bericht darüber vorgelegt, wie sich die Kurse in den ersten 30 Monaten bewährt haben. Auch beim Integrationsgipfel“ mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wird über die Kurse gesprochen.
Nach Ansicht der Vereine und Firmen, die in Frankfurt Integrationskurse anbieten, muss sich viel verbessern. Ihre Hauptkritik: Für den Unterricht gebe es zu wenig Geld – und zu viel Papier. Das System knirscht an so vielen Ecken, es muss dringend etwas passieren“, sagt Bernd Eckhardt, Leiter des Fachbereichs Sprachen an der Volkshochschule.
Von Problemen ist in dem hellen Klassenzimmer im Ostend an diesem Morgen nichts zu merken. Gemeinsam liest die Klasse den Satz, der an der Tafel steht: Ich tanze gerne, während mein Freund gar nicht gerne tanzt.“ Sommer deutet auf das Satzende. Warum das Verb dort stehe, fragt sie. Im Nebensatz steht das Verb immer am Ende“, raunt Betül Dogruloglu, eine junge Mutter aus der Türkei. 480 Deutschstunden haben die Sprachschüler schon geschafft, rund 120 Stunden haben sie noch vor sich. So will es das Gesetz: Seit dem 1. Januar 2005 soll jeder Einwanderer, der bei seiner Ankunft nicht ausreichend Deutsch spricht, einen solchen Kursus besuchen.
Schwänzen kann ernste Folgen haben
Ausländer, die schon länger in Deutschland leben, können ebenfalls dazu verpflichtet werden: Wer arbeitslos ist und wegen mangelnder Deutschkenntnisse keine neue Stelle findet, kann zum Beispiel von der Ausländerbehörde zum Deutschkursus bestellt werden. Falls ein Teilnehmer nicht erscheint, kann das ernste Folgen haben: Der Aufenthaltsstatus ist gefährdet, Sozialleistungen können gekürzt werden. Bisher sei bei der Frankfurter Ausländerbehörde aber kein Fall bekannt, bei dem ein Ausländer wegen einer Verweigerung abgeschoben worden wäre, sagt Behördenleiter Joachim Seidl. Die Sanktionen sind ein stumpfes Schwert.“
Mit den Integrationskursen gibt es erstmals ein bundesweites Programm, das Ausländer beim Deutschlernen unterstützt. Grundsätzlich sei das ein riesiger Fortschritt in der Integrationsgeschichte, meint Sabine Jakobi vom Internationalen Bund in Frankfurt. Für die Kursträger heißt das aber auch, Anwesenheitslisten, Krankmeldungen und Quittungen auszufüllen und nach Nürnberg an das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge zu schicken. Dort werden die Kurse verwaltet.
Für jeden Teilnehmer zahlt das Amt während der Kursdauer eine Verwaltungspauschale von sieben Euro. Der Betrag ist fast beleidigend, das reicht nicht einmal für die Briefmarken“, sagt Jakobi. Für die Verwaltung des 630-Stunden-Programms hat die Volkshochschule zwei Mitarbeiter freistellen müssen. Keine leichte Entscheidung, da die Kurse ohnehin Ressourcen binden.
Größere Klassen, weniger Honorar
2,05 Euro erhalten die Träger je Teilnehmer und Kursstunde – zu wenig, um die Ausgaben für Lehrer, Raummieten und Unterrichtsmaterialien zu decken. Ende Juni hat das Bundesinnenministerium angekündigt, diesen Betrag bei den Reformen der Integrationskurse auf 2,35 Euro zu erhöhen. Eine Entscheidung, die überfällig gewesen sei, aber noch nicht ausreiche, sagt Eckhardt. Die Forderungen der Kursträger seien viel höher gewesen. Denn bisher mussten diese vor allem eines tun, um mit den Kursen keine Verluste zu machen: sparen, indem sie die Teilnehmerzahl in den Klassen erhöhten.
In der Frankfurter Lehrerkooperative wurde deshalb umgebaut: Wir brauchten größere Räume: Die Zimmer waren für Gruppen mit rund zwölf Teilnehmern gedacht – so kleine Klassen können wir uns heute nicht mehr leisten“, sagt die Leiterin Petra Fuentes. Dennoch versuchen viele Träger, die Klassen klein zu halten: Bei der Volkshochschule, der Lehrerkooperative und dem Internationalen Bund beispielsweise sitzen nie mehr als 20 Teilnehmer in den Kursen.
Kleinere Anbieter aber können sich das nicht leisten: Die Klassen werden größer, das Honorar der Lehrer wird gekürzt, der Unterricht leidet. Schuld daran sei der Wettbewerb zwischen den Anbietern, glaubt Helga Nagel, Leiterin des Amts für multikulturelle Angelegenheiten der Stadt Frankfurt. Ständig lasse das Bundesamt neue Kursträger zu, die Konkurrenz werde schärfer. Es fehle eine Steuerung des Programms in der Stadt. Der Kommune wurde hier jedes Mitgestaltungsrecht genommen“, kritisiert Nagel. Denn die Frankfurter Behörden könnten oft besser abschätzen als das zentrale Amt in Nürnberg, ob der Sprachkursus-Markt vor Ort gerade übersättigt sei.
Erwünschter Erfolg bleibt aus
Doch eines könnte auch eine Frankfurter Behörde nicht ändern: Deutsch bleibt eine schwere Sprache. 600 Stunden haben die Kursteilnehmer, um zu lernen, wie man auf Deutsch über Familie und Beruf plaudert, einfache Briefe schreibt und Gespräche mit Beamten und Ärzten führt. Völlig utopisch“ sei dieses Ziel für viele Kursteilnehmer, glaubt Jakobi. Natürlich könnten diejenigen es schaffen, die viel Zeit hätten und vielleicht schon einmal eine andere Fremdsprache studiert hätten – bei den meisten Teilnehmern sei dies aber nicht der Fall. Die Kursanbieter sind sich einig: Viele Sprachschüler brauchten mehr Zeit, doch das Bundesamt genehmigt pauschal immer nur 600 Stunden.
Aber auch 900 Kursstunden könnten ein Problem nicht lösen, mit dem vor allem die Kurslehrer kämpfen: Die Schüler, die in den Kursen sitzen, sind zu verschieden. Hausfrauen, Arbeitslose, Professoren und Fabrikarbeiter besuchen denselben Unterricht. Das will die Bundesregierung nun ändern. Nur wenige große Träger wie die Volkshochschule können bisher Sonderkurse anbieten, bei der die Teilnehmer in durchschnittliche und langsame Lerner eingeteilt werden Die meisten Sprachschulen können sich das nicht leisten: Würden sie ihre Kurse stärker maßschneidern, wären die Klassen zu klein und die Kosten könnten nicht mehr gedeckt werden.
Papierberge, Finanzlöcher, große Klassen. Woran es auch liegen mag: Die Integrationskurse haben in den ersten 30 Monaten offenbar nicht zum erwünschten Erfolg geführt. Nach Angaben des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge hatten von den 28.000 Teilnahmeberechtigten bis Ende 2006 in Hessen rund 17.000 Ausländer mit einem Kursus begonnen. 5000 hatten bis zu diesem Zeitpunkt den Lehrgang auch beendet. Die Zahl der Teilnehmer, die an der Abschlussprüfung teilgenommen und sie bestanden haben, ist noch geringer.
Forderung: Höhere Zuschüsse, weniger Bürokratie
Die Reformen sollen deshalb die Kurse so umgestalten, dass mehr Ausländer das Kursziel erreichen: Unter anderem soll die Abschlussprüfung verpflichtend werden, die Sanktionen für diejenigen, die erst gar nicht zur Deutschstunde erscheinen, sollen schärfer ausfallen. Nach Ansicht der Träger aber müssen die Reformen vor allem eines bringen: höhere Zuschüsse und weniger Bürokratie.
In welchen Punkten die Kurse überarbeitet werden, spielt für Tatjana und Betül keine Rolle. Gerade lesen sie einen Text über ein deutsches Paar, das sich wegen nicht aufgeräumter Socken streitet. Die beiden lesen leise, jeder für sich. Im November werden sie den Sprachkursus beenden, bis dahin haben sie ein Ziel: Vokabeln wiederholen, unregelmäßige Verben büffeln, Artikel üben – für die Prüfung in vier Monaten. Und dann? Ich möchte hier leben und arbeiten“, sagt Betül. Nur ein kleiner Akzent verrät, dass sie das vor einigen Monaten noch nicht hätte sagen können.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Franz Bischof