Von Matthias Alexander
15. Dezember 2006 Das Kampfgetöse um den Denkmalschutz der Frankfurter Großmarkthalle hat einen neuen Höhepunkt erreicht. Dilettantismus, Inkompetenz, mangelnde Fairness, Lügen - die Vorwürfe, die von Beteiligten in den vergangenen Tagen erhoben worden sind, haben Wunden geschlagen, die nicht so schnell verheilen werden. Nur die Europäische Zentralbank (EZB), die die Großmarkthalle in ihren neuen Hauptsitz integrieren will, hat die Ruhe bewahrt, zumindest nach außen. Es sieht derzeit so aus, als würde sie für ihre Selbstbeherrschung belohnt werden. Denn wenn sich erst die Rauchschwaden der jüngsten Wortgefechte verzogen haben, wird klar sein, daß in der Sache nur noch wenig zu entscheiden ist.
Wenigstens die Ausgangslage in diesem großen Verwirrspiel ist klar. Die EZB und ihre Architekten vom Wiener Büro Coop Himmelb(l)au planen tiefe Eingriffe in die Bausubstanz der denkmalgeschützten Großmarkthalle. Vor allem zwei davon bestimmen die Debatte, nämlich der Abriß der Annexbauten und der Bau eines Bügels, der die Halle diagonal durchschneiden soll, um im Norden den Haupteingang zu markieren und im Süden einen Übergang zum neuen Doppelhochhaus zu bilden. In ausführlichen Gesprächen, an denen das Stadtplanungsamt, das Landesamt für Denkmalpflege und die EZB mit ihren Architekten beteiligt waren, wurde schon vor einem Jahr weitgehend Einigkeit hergestellt. Auch die Vertreter des damaligen Viererbündnisses aus CDU, SPD, Grünen und FDP erklärten sich im Dezember 2005 während eines vertraulichen Gesprächs einverstanden.
Großmarkthalle wird zum Politikum
Es blieb nur ein Streitpunkt. Landeskonservator Christoph Mohr lehnte den Abriß der Annexbauten ab. Der weitere Gang der Dinge schien gleichwohl vorgezeichnet. Die Stadt würde den Abriß beantragen, das Landesamt diesem Ansinnen widersprechen, und am Ende würde der zuständige Kunstminister Udo Corts als oberste Instanz dem Wunsch der Stadt willfahren, zumal er Frankfurter CDU-Vorsitzender ist.
Dann kam es im Juni zu dem nahezu legendären Auftritt des Architekten Wolf Prix im Ortsbeirat. Der Chef des Büros Coop Himmelb(l)au bezeichnete die Halle als unwirtlichen Ort. Den Denkmalschutz der Halle zu akzeptieren und für sie eine neue Funktion zu schaffen sei die Quadratur des Kreises. War die Diskussion um den Denkmalschutz bis dahin eine Sache, für die sich vor allem Eingeweihte interessierten, spürte nun eine breite Öffentlichkeit die Brisanz des Themas. Aus der Bürgerschaft wie auch aus Architektenkreisen hagelte es nun Kritik, wobei sich Bedenken gegen den Eingriff in die Bausubstanz und Vorbehalte gegenüber der dekonstruktivistischen, wilden Architektursprache der Wiener mischten.
In diesem Moment war das Thema zum Politikum geworden, und alle Beteiligten, die von der Wucht der Debatte überrascht waren, orientierten sich neu. Die SPD, mittlerweile in der Opposition, entdeckte ihre Liebe zum Denkmalschutz. Die Fraktionen von CDU und Grünen, die dadurch unter Druck gerieten, nötigten Planungsdezernent Edwin Schwarz (CDU) in einem Antrag dazu, sich bei der EZB für einen Erhalt der Annexbauten einzusetzen. Als das erwartungsgemäß ablehnend beschieden wurde, revanchierte sich Schwarz bei den Fraktionen. Das Schreiben, in dem er das Landesamt für Denkmalpflege bat, dem Abriß der Annexbauten zuzustimmen, stellte er unter den Vorbehalt einer Zustimmung der Stadtverordneten. Rechtlich war dieser Schritt überflüssig, politisch diente er dazu, die Verantwortung auf mehrere Schultern zu verteilen. Auch das Landesamt für Denkmalpflege ging jetzt in die Offensive. Landeskonservator Mohr wurde nicht müde, sich in Interviews als Hüter der Großmarkthalle zu präsentieren.
Schlechte politische Steuerung des Projekts
In diesen kritischen Wochen fand Mitte Juli ein vertrauliches Spitzengespräch in der Großmarkthalle statt, an dem außer Schwarz und Corts auch Gerd Weiß, Präsident des Landesamts für Denkmalpflege, und das EZB-Direktoriumsmitglied Lorenzo Bini Smaghi teilnahmen. Dieser Ortstermin ist für den weiteren Gang der Ereignisse von großem Interesse. Nach Angaben von Teilnehmern griff Bini Smaghi vor versammelter Mannschaft Schwarz für dessen schlechte politische Steuerung des Projekts scharf an. Corts' Teilnahme diene nur der Information, hieß es damals aus seinem Ministerium. Offiziell werde er mit der Sache erst befaßt sein, wenn die Stadt den Abriß der Annexbauten beantragt habe.
Genau das tat Schwarz nur wenige Tage nach dem Treffen, bei dem er von Bini Smaghi nach Angaben von Augenzeugen wegen seines schlechten Projektmanagements wie ein Schuljunge runtergeputzt wurde. Nach der Sommerpause erledigte auch die schwarz-grüne Koalition ihren Teil, indem sie den Planungen der EZB im Stadtparlament zustimmte. Schwarz konnte im November einen zweiten Brief schreiben, in dem er das Landesamt darüber in Kenntnis setzte, daß der Parlamentsvorbehalt nunmehr aufgehoben sei.
Die Antwort aus dem Landesamt ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Es müsse ein förmliches Verfahren geben, zudem habe nicht die Stadt, sondern der Bauherr EZB den Antrag auf Anriß der Annexbauten zu stellen. Im Frankfurter Planungsdezernat war die Überraschung groß, im Landesamt beharrt man darauf, daß es sich um das gängige Verfahren handele; etwas anderes sei auch nicht vereinbart worden.
Udo Corts muß entscheiden
Hier steht nun Aussage gegen Aussage. Wenn der SPD-Oberbürgermeisterkandidat Franz Frey zu dem Schluß kommt, daß entweder Schwarz oder Corts die Unwahrheit sage, dann ist das eine zulässige Zuspitzung des Vorgangs. Die Öffentlichkeit wird wahrscheinlich nie erfahren, was bei jenem vertraulichen Ortstermin im Juli tatsächlich besprochen worden ist. Eine Frage müssen sich Weiß und Corts aber gefallen lassen: Warum wurde Schwarz nicht schon im Juli, nach Eingang seines ersten Schreibens, darauf hingewiesen, daß es gar nicht in die Kompetenz der Stadt falle, den Abbruchsantrag zu stellen?
Schwarz, der als ehrliche Haut gilt, platzte der Kragen, als er nach längerer Krankheit Anfang dieser Woche seine Amtsgeschäfte wiederaufnahm. In einem Interview äußerte er, er fühle sich unfair behandelt. Im Römer wurden die offenen Äußerungen mit Erstaunen wahrgenommen. Das ist politischer Selbstmord, sagen einige. Corts, dem von vielen die Absicht unterstellt wird, Schwarz abzuschießen, ließ dagegen ausrichten, sich in der Sache nicht äußern zu wollen.
Dafür gab Landesamtschef Weiß am Donnerstag eine Presseerklärung heraus, in der er auf seiner Position beharrte. Gleichzeitig versicherte Weiß, daß der Antrag auf Abriß der Annexbauten sehr schnell bearbeitet werden könne. Das Projekt, dessen Planungsphase sich nach Angaben der EZB ohnehin bis Ende 2007 hinziehen wird, müsse durch das förmliche Genehmigungsverfahren keineswegs verzögert werden. In der EZB wird man diese Nachricht sehr aufmerksam vernommen haben. Schon vor ein paar Tagen hatten sich die Mienen in der Notenbank deutlich aufgehellt. Da war bekannt geworden, daß Großmarkthallen-Architekt Martin Elsaesser in einem Vertrag weitgehend auf das Urheberrecht verzichtet hat. Der Protest der Elsaesser-Erben gegen die Umbaupläne hat somit aller Wahrscheinlichkeit nach kein juristisches Gewicht mehr.
Die EZB wird nun also ein förmliches Genehmigungsverfahren einleiten. Das Landesamt genehmigt entsprechend den schriftlich protokollierten Vorabsprachen die Eingriffe in die Bausubstanz. Nur die Frage der Annexbauten ist dann noch von Corts zu bescheiden. Ob dem Minister die anderen Eingriffe in die Halle zusagen oder nicht, ist dabei nicht von Bedeutung. Sollte die EZB das Bedürfnis haben, der öffentlichen Meinung entgegenzukommen, würde sie den Bügel absenken und die Dachkonstruktion unangetastet lassen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Robert Metsch
Vorschau: Präkolumbische Kunst in ![]()
Schon Tradition in Paris: Der Parcours des Mondes
6:0 in Liechtenstein: Podolski bringt die deutsche Elf in Schwung
Kommt es zu Rot-Grün unter Duldung der Linksfraktion?