Im Gespräch: Architekt Christoph Mäckler

„Stadtgestaltung kann nicht nach Moden gehen“

Von Matthias Alexander und Rainer Schulze

Mag weder “Leuchtturmprojekte“ noch “Klamaukarchitektur“: Christoph Mäckler

Mag weder "Leuchtturmprojekte" noch "Klamaukarchitektur": Christoph Mäckler

15. Oktober 2008 Christoph Mäckler vermisst das Geschichtsbewusstsein im Städtebau. In Frankfurt fehle ein Stadtbaumeister, der öffentliche Räume wie den Bahnhofsvorplatz in Ordnung bringe. Der Architekt hat ein Institut für Stadtbaukunst gegründet, um Straßen und Plätzen wieder eine ansprechende Gestalt zu geben. Zu seinen bekanntesten Gebäuden zählen der Opernturm, die Kunsthalle Portikus und die rekonstruierte Alte Stadtbibliothek. Im folgenden Interview der Rhein-Main-Zeitung nimmt Mäckler zur Gestaltung von Plätzen in Frankfurt Stellung und etwa zur Frage, ob die Stadt mehr Einfluss auf die Architektur nehmen solle.

Ist Frankfurt in den vergangenen zehn Jahren schöner geworden?

Ich glaube, dass sich die Stadt in den letzten zwanzig Jahren sehr entwickelt hat. Ich denke dabei vor allem an das Mainufer, das als gesamtstädtebauliches Ensemble mit den Museen, der Anlage neuer Wohngebiete und in den letzten Jahren durch die behutsame Sanierung der Mainufer selbst ein attraktiver städtischer Raum geworden ist, den Sie in keiner deutschen Stadt ein zweites Mal finden. Es gibt allerdings andere Stellen wie zum Beispiel den Bahnhofsplatz, die sich seit Jahrzehnten überhaupt nicht entwickelt haben. In Frankfurt wie in anderen deutschen Städten mangelt es an dem klassischen Stadtbaumeister, der unsere wunderbaren Platzräume aufgreift und in Ordnung bringt. Man braucht nicht für jeden Platz einen Architektenwettbewerb, sondern kann wunderbar auf das zurückgreifen, was einmal gewesen ist.

Wäre dieser Stadtbaumeister eine Art moderner Ernst May?

Der Frankfurter Hauptbahnhofsplatz hat laut Mäckler ein riesiges Verkehrsproblem

Der Frankfurter Hauptbahnhofsplatz hat laut Mäckler ein riesiges Verkehrsproblem

Ernst May hatte bis hin zur Feuerwehr alles unter seiner Regie und konnte damit die unglaubliche Baumasse des Siedlungsbaus der zwanziger Jahre verwirklichen. Ein Stadtbaumeister braucht einfach viel Kompetenz und Entscheidungsfreiheit. Es kann nicht sein, dass ein Planungsdezernent Entscheidungen trifft, die dann in anderen Gremien wieder verwässert oder gar rückgängig gemacht werden. Der Bahnhofsplatz war einmal einer der schönsten Plätze der Stadt.

Was fehlt dazu, dass er dies wieder wird?

Der Bahnhofsplatz hat zunächst ein riesiges Verkehrsproblem. Es gibt zu viele Fahrspuren und keine vernünftige Umsteigesituation vom Individualverkehr auf die Schiene. Sie können nicht vor dem Bahnhof halten, um jemanden abzuholen, sondern müssen abenteuerliche Wege fahren, um Ihr Auto abzustellen. Außerdem ist der ursprüngliche Ensemblecharakter des Platzes kaum noch zu erkennen. Die Fassadenkulisse, die gegenüber dem Hauptbahnhofsportal aufgebaut worden ist und von der wir noch einige Häuser haben, reagiert auf dieses neue Tor zur Stadt. Sämtliche Häuser waren aus gelbem Sandstein. Das war einmal ein repräsentativer, wunderbarer Platz. Der muss wiederhergestellt werden.

Was sollte Ihrer Meinung nach getan werden?

Der Platz sollte seinen ursprünglichen großstädtischen Charakter wieder erhalten. Nehmen wir den alten Platz, so wie er war, nämlich ein repräsentativer Umsteigeplatz, und versuchen, darauf aufbauend, das Verkehrssystem wieder in Ordnung zu bringen. Zwei Fahrspuren direkt vor dem Hauptbahnhof sind so gut wie immer ohne Verkehr. Der Taxihalteplatz beansprucht zu viel Raum und sollte wie am Flughafen eine Aufstellfläche an einer weniger wichtigen Stelle erhalten. Dann muss die grauenhafte B-Ebene eliminiert werden. Man sollte einmal überlegen, ob man nicht den ganzen Durchgangsverkehr in die B-Ebene verlegt mit überbauten Ausfahrten in der Düsseldorfer Straße und am Baseler Platz. Dann erhielte man auf dem Platz die nötige Fläche, um die Umsteigesituation bewältigen zu können.

In der Innenstadt wurde die Umgestaltung von Goetheplatz, Roßmarkt und Zeil über Wettbewerbe entschieden. Wie gefällt Ihnen das Ergebnis?

Der Steinweg ist wunderschön gepflastert, hervorragend, weil die Pflasterung eine wunderbare unmodische Selbstverständlichkeit hat. Wir finden sie in vielen deutschen Städten. Der neue Goetheplatz dagegen ist bis auf das Standbild von individueller modischer Gestalt. Allein schon der graue Kies gehört nicht auf einen solchen Frankfurter Platz. Stadtgestaltung kann nicht nach Moden gehen. In Frankfurt sind die Wege sämtlicher Parkanlagen mit dem gelblichen Bessunger Kies ausgelegt, ein für Frankfurt am Main ortstypisches Material ähnlich dem roten oder gelben Sandstein. Aber das, was dem Bürger selbstverständlich scheint, weil er sich seit Generationen daran gewöhnt hat, meint der Planer in individueller künstlerischer Freiheit selbst entscheiden zu können. Im Gartenamt gibt es Überlegungen, den gleichen grauen Kies im neuen Rothschildpark einzusetzen. Wie Sie wissen, wird der Bauherr des Opernturms den Park nicht nur um 5000 Quadratmeter erweitern, sondern ihn komplett nach historischem Vorbild sanieren. Man wundert sich schon etwas über die Eigenwilligkeit eines Gartenamtes, das, um solchen Diskussionen aus dem Weg zu gehen, sich sogar anschickt, die beauftragte Landschaftsarchitektin zu ersetzen.

Wie kann man das steuern?

Es bedarf eines gewissen Geschichtsbewusstseins und einer darauf aufbauenden Selbstverständlichkeit in der Gestaltung des Stadtraumes. Wenn Sie Plätze statt mit den üblichen Natursteinpflastern mit farbigen Designplatten aus Kunststein belegen, dann sind diese nach kurzer Zeit nicht mehr zu pflegen, weil das Material nicht mehr verfügbar ist. Das beste Beispiel hierfür ist der mit grünen Betonplatten belegte Opernplatz. Ein Flickenteppich! Jedes normale Natursteinpflaster würde heute, nach dreißig Jahren, noch immer gepflegt und selbstverständlich aussehen. Schauen Sie nach Paris oder München! Es bedarf allerdings auch städtischer Handwerker, die diese Pflasterflächen in Ordnung halten. Dies mag merkwürdig klingen, aber Frankfurt fehlt es an städtischen Bauleuten, Gärtnern und Pflasterern. Man spart hier an der falschen Stelle. Warum hat man in München das Gefühl, sich in einer Stadt mit gepflegten Straßen, Plätzen und Parkanlagen zu bewegen? München hat im Gegensatz zu Frankfurt einen großen Bauhof, der den öffentlichen Raum mit seinen Handwerkern in Ordnung hält. Frankfurt hat drei Pflasterer für das gesamte Stadtgebiet.

Sie haben in Dortmund das Institut für Stadtbaukunst gegründet. Welche Ziele verfolgen Sie damit?

Das Institut widmet sich der Erforschung und Lehre der Kunst des Städtebaus. Zum einen wird der künstlerische Charakter des Städtebaus betont, die ästhetisch-gestalterische Seite der Stadt. Zum anderen ist damit die Kunst gemeint, im Städtebau unterschiedliche Aspekte wie soziale, ökonomische, politische, ökologische, technische und kulturelle Anforderungen wieder in der Gestaltgebung der Stadt zusammenzubringen. Das Institut will die in den letzten Jahrzehnten auseinandergedrifteten Disziplinen Architektur, Stadtplanung, Raumplanung, Verkehrsplanung und Tiefbau wieder zu einer Disziplin Städtebau zusammenführen. Ziel ist es, unseren Straßen und Plätzen wieder eine ansprechende Gestalt zu geben und dem Bürger wieder die Chance zu geben, sich mit der Schönheit seiner Stadt zu identifizieren.

Sie haben selbst mit der Alten Stadtbibliothek ein Gebäude rekonstruiert. Ist das ein Weg, der stärker beschritten werden sollte? Wie viel weitere Rekonstruktionen sollte es geben?

Rekonstruktionen sollte es nur an wenigen besonderen Orten geben, deren städtebaulicher Charakter nur durch eine Rekonstruktion bewahrt werden kann. Im Falle der Stadtbibliothek zum Beispiel stand der Portikus noch. Die Stadtbibliothek war einst die Krönung des klassizistischen weißen Mainprospekts, für den Frankfurt berühmt war. Damals wurde die Obermainbrücke bewusst in die Achse der Alten Stadtbibliothek gelegt, um ein städtebauliches Ensemble zu schaffen und die sehr viel früher errichtete Stadtbibliothek stärker repräsentieren zu können.

Es hat den Anschein, dass es immer mehr konservative oder zumindest vorsichtige Entwürfe gibt. Man denke an den Anbau für die Kleinmarkthalle oder an die unterirdische Erweiterung des Städelmuseums. Wird es selbst Ihnen mittlerweile zu vorsichtig?

Überhaupt nicht. Ich bin sehr glücklich über diese Entwicklung. Für das Städel war der ausgewählte Entwurf die beste Lösung. Ich bin ganz sicher, dass man eine wunderschöne Ergänzung zu dem bestehenden Gebäude haben wird, dafür steht auch die handwerkliche Qualität der Architekten Schneider und Schumacher. Wir müssen wieder lernen, mit unserer Architektur das Alte fortzuschreiben, ohne rückwärtszugucken. Unsere Handschrift muss einfach zu dem Alten passen.

Zum Beispiel?

Das ist zum Beispiel am Wiederaufbau des Salzhauses am Römer zu sehen, oder nehmen Sie die Eckrisalite des Städels von Johannes Krahn. Diese Anbauten verkörpern moderne, elegante Architektur der Nachkriegszeit und ordnen sich doch unter. Das ist bei Klamaukarchitekturen, mit denen sich ein Architekt oder sein Bauherr als vermeintlicher Freigeist zu präsentieren versucht, anders. Das sind Leuchtturmgeschichten, die Sie, wenn überhaupt, irgendwo auf die grüne Wiese stellen können. In einem geschundenen Stadtkörper, wie ihn Frankfurt darstellt, muss man ganzheitlichen Städtebau machen. Da geht es um städtische Bilder und Räume, in denen sich der Bewohner der Stadt zu Hause fühlt, nicht um Leuchttürme. Erst einmal müssen wir das, was wir haben, wiederherstellen. Der Kaiserplatz, der Opernplatz, der Bahnhofsplatz und andere städtische Räume sind Beispiele hierfür.

Ist das Bedürfnis nach einem Bilbao-Effekt, auf den manche Städte mit spektakulären Entwürfen spekulieren, illegitim?

Zumindest wenn der Bilbao-Effekt überhandnimmt, wird er zu einem Problem. Wenn Sie lauter Highlights bauen, werden die Highlights keine mehr sein. Wenn diese Highlights aber zu architektonischen Vorbildern eines jeden Gebäudes werden, entsteht Chaos. Es mag der eine oder andere Architekt in Europa ein Künstler sein, dem man wie Frank Gehry ein Bilbao-Gebäude zutraut. Die Masse der Architekten ist dies aber nicht, und Sie benötigen darum ein städtisches Regulativ, in dem Sie sich bewegen. Darüber hinaus ist ein Einzelgebäude für die Stadt niemals so viel wert wie eine Ansammlung von Einzelgebäuden, die zu einem Ensemble zusammenwachsen. Dies lässt sich schon heute an den neuen Universitätsgebäuden am Campus Westend hinter dem I.G-Farben-Haus von Hans Poelzig ablesen, ein Ensemble, das ich gemeinsam mit dem damaligen Minister Udo Corts durchsetzen konnte. Vergleichen Sie den Campus Riedberg mit dem Campus Westend. Hier finden Sie Bauwerke, die über ihr gelbes Fassadenmaterial, die Farbe des I.G.-Farben-Hauses, für das Auge zu einer Einheit zusammenwachsen, dort finden Sie städtebauliche Belanglosigkeit.

Die Highlights sind ja traditionell auch die Hochhäuser. Es gibt im neuen Hochhausrahmenplan kaum fernwirksame Hochhausstandorte. Die Standorte, über die ernsthaft diskutiert worden ist, sind relativ kurz gehalten worden. Ist das ein Defizit?

Ich halte es für geradezu absurd. Hochhäuser müssen so hoch sein, dass sie die funktionalen und ästhetischen Anforderungen, die an diesem Bautypus gestellt sind, erfüllen. Hochhäuser sind komplexe, hochkomplizierte Gebilde, die auf Fehler höchst sensibel reagieren. Elegant können sie nur dann werden, wenn man ihnen die Höhe lässt. Es interessiert den Bürger nicht, ob ein Hochhaus 150 oder 250 Meter hoch ist. Wichtig für den Passanten und den städtischen Raum ist, dass die Erdgeschosse durch Läden belebt sind und sich nicht wie die Bürohäuser an der Mainzer Landstraße zum Beispiel hinter Spiegelglasfassaden verstecken. Denn damit stirbt der Stadtraum einfach ab. In der Innenstadt sollte das Erdgeschoss in seiner Nutzung der Allgemeinheit und damit dem städtischen Leben vorbehalten sein. Dies sollte in unseren Bebauungsplänen festgeschrieben sein. In bestimmten Bereichen sollte man darüber hinaus auch die Mietpreise einfrieren, damit nicht nur finanzkräftige Mieter die Flächen im Erdgeschoss belegen. Wenn wir ein Kaffeehaus oder einen Gemüseladen in der Innenstadt haben wollen, dann müssen sie dem Einzelhandel auch preiswert angeboten werden.

Der Sparzwang der Kommunen führt zu immer mehr öffentlich-privaten Projekten, deren architektonische Qualität nicht immer beeindruckt. Ein Beispiel sind die Schulgebäude in Frankfurt.

Das ist ein großes Problem. Ich halte es für grundlegend falsch, alles zu privatisieren, was die öffentliche Gemeinschaft nutzt. Ich bin erschüttert, dass die Freiherr-vom-Stein-Schule in Sachsenhausen einfach abgerissen werden konnte. Das ist abenteuerlich. Am Südbahnhof stand ein wunderbares Gebäude. Wie man in einer Zeit, in der die Bevölkerung danach ruft, ganze Stadtquartiere wieder aufzubauen, solche Bauwerke einfach abreißen kann, ist mir ein absolutes Rätsel. Die Gebäude aus dem neunzehnten Jahrhundert sind Juwelen, die reißt man nicht ab. Man kann sie mit den Mitteln, die wir heute zur Verfügung haben, immer wieder ertüchtigen.

Im Stadtgebiet entstehen derzeit einige neue Wohnviertel. Wie ist das städtebauliche Niveau in den Stadtteilen einzuschätzen?

Ich halte den Riedberg für eine städtebauliche Katastrophe und bin erschrocken, welche Rückwärtsgewandtheit in diesem Gebiet herrscht. Alles redet heute von Energieeinsparung, und dort werden viergeschossige Häuschen nebeneinandergestellt, die nicht einmal vernünftige Straßen- und Platzräume entstehen lassen. Das ist Städtebau von vorgestern. Die Wissenschaft jedenfalls ist hier sehr viel weiter.

Gibt es bessere Beispiele in Frankfurt, die eher in die Richtung gehen, die Ihnen vorschwebt?

Am Westhafen oder am früheren Schlachthof sind großstädtische Quartiere entstanden, die eine gewisse Qualität haben, wenn es hier auch substantielle städtebauliche Kriterien gibt, die unerfüllt geblieben sind. Trotzdem ist die Qualität wesentlich höher als die am Riedberg.

Worauf wäre bei der Bebauung der beiden vorerst letzten verfügbaren großen innerstädtischen Verdichtungsräume, des Henninger-Areals und des Campus Bockenheim, zu achten?

Dort müsste ein verdichteter großstädtischer Städtebau entstehen mit Platzräumen und Straßenräumen aus dem traditionellen europäischen Städtebau, die dem öffentlichen Leben Raum geben, in dem wir uns wohl fühlen. Man muss Sachsenhausen als einen der beliebtesten Stadtteile Frankfurts am Henninger-Turm nur weiterbauen. Dies ist die Qualität, die der Stadtbewohner sucht.

Sollte die Stadt mehr Einfluss auf die Architektur nehmen?

Wir müssen weg von der Stadtplanung, hin zu einem Städtebau, in dem Architektur und Planung wieder miteinander verknüpft sind. Es kann nicht sein, dass an wichtigen Orten für das Gemeinwesen Architekturen nach dem Geratewohl entstehen. Da können Gestaltungssatzungen und ein Gestaltungsbeirat, wie es ihn in vielen anderen deutschen Städten gibt, der mit hervorragenden Architekten besetzt ist, schon viel bewirken, um Qualität in den städtischen Raum zu bringen. Unsere Stadt liegt im Dornröschenschlaf. Wir haben in Frankfurt wunderbare Orte, die wir revitalisieren können und mit denen wir die Attraktivität des Stadtbildes wesentlich verbessern könnten. Nehmen wir uns München zum Vorbild!

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Felix Seuffert, Frank Röth

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