Von Bernd Günther
07. Mai 2008 Ein Baugerüst wird abgeschlagen, und eine Hausfassade wird sichtbar. In einer Stadt, in der stets gebaut wird, ein fast alltäglicher Vorgang. Nicht so in Bockenheim: Als an der Leipziger Straße das ehemalige Kaufhof-Gebäude vom Baugerüst befreit wurde, war das die Nachricht des Tages. Nicht wenige Bürger kamen an jenem Tag im April auf die Leipziger Straße, um die Sandsteinfassade zu begutachten.
Ganz ansehnlich“, lautete vielfach das Urteil – obwohl der Umbau der Immobilie längst nicht beendet ist und deren künftige Nutzung im Dunkeln liegt. Dennoch freuten sich viele über den Baufortschritt. Schließlich waren fast sechs Jahre vergangen, in denen die Dauerbaustelle an der Haupteinkaufsstraße von Bockenheim gemeinhin als Schandfleck“ empfunden wurde. Stadtteilpolitiker, Bürger, Einzelhändler und Nachbarn hatten immer wieder vergebens ihren Verdruss über die Zustände geäußert: Die Bauruine“ sei dem Erscheinungsbild der Einkaufsstraße und des Quartiers abträglich, kritisierten sie.
Das ehemalige Hertie-Kaufhaus in Höchst weicht einem Ladenzentrum
Dabei war das ehemals von Kaufhof genutzte Warenhaus jahrzehntelang der Kundenmagnet der Leipziger Straße gewesen. Im Sommer 2000 war die Filiale jedoch geschlossen worden. Zwar war das Gebäude damals unmittelbar an den privaten Investor Heinrich Gaumer übergegangen, dieser hatte seiner Ankündigung, das Gebäude zum Wohn- und Geschäftshaus umzubauen, jedoch zunächst keine Taten folgen lassen. Erst im Jahr 2003 wurden die Arbeiten am inzwischen heruntergekommenen Warenhaus aufgenommen, dann aber ging es nur schleppend voran.
Bauruinen, Abrissgebäude, Brachgrundstücke mitten in Stadtteilen sind in Frankfurt keine Seltenheit. Zumeist finden und fanden sich aber interessierte Projektentwickler: In der Ortsmitte von Bornheim etwa wird das Areal des alten Straßenbahndepots mit bald bezugsfertigen Wohn- und Geschäftshäusern bebaut. Südlich des Mains entsteht mit dem Umbau alter Straßenbahnhallen eine neue Quartiersmitte. Selbst in Höchst, am westlichen Stadtrand, nehmen sich Investoren seit Anfang 2007 einer nicht minder bedeutenden und lange ungenutzten Immobilie, des ehemaligen Hertie-Kaufhauses, an.
Zwischen Höchst und Bockenheim gibt es durchaus Parallelen. Wie in Bockenheim handelt es sich in Höchst um ein ehemaliges Warenhaus, und der mehrstöckige Bau steht an der Königsteiner Straße, die ebenso zentrale Haupteinkaufsstraße des Stadtteils ist. Seit dem Auszug von Hertie größtenteils ungenutzt, ist das Gebäude über die Jahre hinweg ebenso heruntergekommen. Der Leerstand des Kaufhauses in Höchst ist vielfach für den Niedergang der Einkaufsstraße mitverantwortlich gemacht worden. In dem wieder erstarkenden westlichen Stadtteil haben sich nunmehr aber zwei kooperierende Investoren aus Berlin und Hamburg engagiert – und hier scheint die Parallelentwicklung beider Warenhaus-Standorte zu enden.
Unmut in der Bevölkerung
So sind die Investoren bemüht, an ihrem ambitionierten Zeitplan festzuhalten. Auch wenn der Abriss des Warenhauses an der Königsteiner Straße jüngst wegen Schwierigkeiten mit der Statik ins Stocken geraten ist, bekräftigt Investor Uwe Gabbert, dass im Juni das Gebäude endgültig fallen und der Neubau eines Ladenzentrums bis zum Frühjahr 2009 fertiggestellt werde. Für ein Drittel der vorgesehenen 6000 Quadratmeter Verkaufsfläche seien Verträge mit Mietern abgeschlossen: So werde das Textilunternehmen C & A 1700 Quadratmeter beziehen, und die Drogeriekette DM werde 460 Quadratmeter nutzen. Mit weiteren interessierten Mietern werde verhandelt, so Gabbert.
Aussichten, von denen man in Bockenheim nicht zu träumen wagt – letztlich auch wegen der Informationspolitik, die Investor Gaumer verfolgt: Wenn überhaupt, dann nur zögerlich und stets über Mittelsmänner wie Architekten und Anwälte sind Informationen zu Gaumers Projekten zu erhalten. Eine Anfrage der F.A.Z. zum Baufortgang blieb unbeantwortet. Gaumer wird von Branchenkennern, die nicht genannt sein wollen, als mittelständischer Immobilienunternehmer beschrieben, der eine beachtliche Zahl bebauter und unbebauter Grundstücke in der Stadt halten soll.
Je länger die Dauerbaustelle im Herzen Bockenheims besteht, umso mehr wächst der Unmut in der Bevölkerung. Vergangenen November bekundeten 3000 Bürger ihren Ärger über die nicht absehbare Fertigstellung des Neubaus. Die Bauruine schade dem Stadtteil nachhaltig. Die Unterschriften waren von der Initiative Zukunft Bockenheim“ gesammelt worden. In ihr haben sich Anwohner zusammengeschlossen, die sich nach Angaben ihrer Sprecherin Anette Mönich um den Stadtteil bemühen wollen. In eigener Regie führten sie während der vergangenen Wochen auf der Leipziger Straße eine Befragung durch und werteten diese statistisch aus.
Stadt kann Investor nicht zum schnelleren Vorgehen drängen
Mit Blick auf die anstehende Neubelegung des Warenhauses wollte die Initiative erfahren, welche Einzelhandelsangebote von potentiellen Kunden auf der Leipziger Straße vermisst würden. So wünschten sich nicht nur Bürger, sondern auch ansässige Geschäftsleute keine Angebote im Niedrigpreis-Segment, sondern eine Erweiterung des qualifizierten Einzelhandels. Nur so könnte verhindert werden, dass vorhandene Kaufkraft in andere Stadtteile abwandere. Die Ergebnisse übermittelte Mönich an Eigentümer Gaumer – bislang ohne Reaktion.
Unterdessen verlautet aus zuständigen städtischen Ämtern, dass Gaumer eine geänderte Nutzung der Immobilie anstrebe. In dem dreigeschossigen Neubau, in dem Ladenflächen, Büros und Wohnungen genehmigt seien, wolle der Investor den Anteil an Wohnraum zu Lasten der Büroflächen erhöhen, sagt der Leiter der Bauaufsicht, Michael Kummer. Darüber werde derzeit verhandelt.
Wann die Arbeiten zu Ende geführt würden, sei nicht Gegenstand der Gespräche. Die Stadt verfüge hier über keine effektiven Mittel, den Investor zum schnelleren Vorgehen anzuhalten. Die Baugenehmigung sei weiterhin gültig – wie für jeden anderen Bauherrn bestehe auch für Gaumer Baufreiheit“: Einzig er entscheide darüber, ob er weiterbauen wolle oder nicht, so Kummer.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Roger Hagmann
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