Von Michael Hierholzer
20. Juli 2008 Es gibt kein Gesamtkonzept für die Kunst im Frankfurter öffentlichen Raum. Im Kulturdezernat wird zwar daran gearbeitet, aber die Bedingungen sind nicht besonders günstig. Ein eigener Etat für Werke im Außenraum ist nicht vorhanden. Es ist nach wie vor politisch schwer vermittelbar, dass für ordentliche Kunst auch eine Menge Geld fließen muss. Mäzene und Sponsoren gilt es zu überzeugen. Aber auch die Entscheidungsträger von den Stadtverordneten bis zu den Ortsbeiräten. Schließlich beginnt die ästhetische Bildung auf Straßen und Plätzen. Und die Attraktivität von Großstädten bemisst sich auch an deren Ausstattung mit Qualitätskunst.
In Frankfurt haben in der Vergangenheit vor allem Banken und andere Unternehmen dazu beigetragen, das innerstädtische Gesamtbild künstlerisch zu akzentuieren. Die Skulptur von Max Bill vor den Doppeltürmen der Deutschen Bank oder Claes Oldenburgs Converted Collar and Tie“ vor der DZ Bank sind herausragende Beispiele. Diese Pop-Art-Krawatte geht wie auch der Hammering Man“ von Jonathan Borofsky auf die Initiative Kasper Königs zurück, des früheren Rektors der Städelschule und jetzigen Direktors des Kölner Museums Ludwig.
Der Hammering Man: Ein Wahrzeichen der Stadt
Der Riesenhandwerker vor Helmut Jahns Messeturm bildet einen gewissen Kontrast zu der Art-déco-Rakete, die kraftstrotzend die Vertikale feiert. Unablässig schlägt der Hammermann auf den Amboss und erinnert so an eine Produktionsweise, die in Frankfurt kaum noch einen Platz hat. Die Verantwortlichen des Immobilienunternehmens Tishman Speyer hatten, wie König berichtet, anfangs etwas Dekoratives mit Goldanmutung im Sinn. Aber er habe sie von Borofskys Arbeit überzeugen können. Zum Vorteil aller: Der Hammering Man“ ist zusammen mit dem Messeturm zu einem Wahrzeichen der Stadt geworden.
Diese Werke sind eng mit Gebäuden, auch mit der Firmenkultur einzelner Unternehmen verbunden. Eine deutliche Formensprache, die vom Selbstbewusstsein der Künstler wie der Auftraggeber kündet, teilt sich den Passanten mit. Wo allein die Stadt das Sagen hatte, sind die Ergebnisse weit diffuser. Dies hängt aber auch mit der allgemeinen städtebaulichen Situation in Frankfurt zusammen, das nicht nur unter den Verheerungen des Kriegs, sondern auch unter dem Brutalismus der Stadtgestaltung in Wirtschaftswunderzeiten zu leiden hat.
Wann ist ein Platz ein Platz?
Nicht alles, was sich hier Platz nennt, ist auch einer. So kommt man bei Baseler Platz, Platz der Republik oder Willy-Brandt-Platz schon ins Grübeln, ob es sich nicht in Wirklichkeit in den beiden ersten Fällen um Verkehrsverdichtungszonen zur Feier des Automobils und im letzteren um eine Installation zur höheren Ehre des öffentlichen Nahverkehrs handelt.
Wann aber ist ein Platz ein Platz? Eine geschlossene Bebauung, wohlproportionierte architektonische Verhältnisse, stimmige Details sind wohl grundlegende Voraussetzungen. Er muss zum Verweilen einladen, mit einem harmonischen Gefüge für Beruhigung im Linienwirrwarr der Straßen sorgen, eine einladende Abwechslung darstellen im innerstädtischen Häusermeer. Ist er nur eine Durchgangszone, eine Schleuse von einer Verkehrsader zur anderen, verfehlt er seinen Sinn.
Platz ist Mittelpunkt des öffentlichen Lebens
Ein Platz ist im Idealfall ein Mittelpunkt des öffentlichen Lebens. Und die großen Plätze der Welt waren, wie etwa die Piazza della Signoria in Florenz, Repräsentationsstätten, in denen Kommunen und Staaten unter freiem Himmel ausstellten, was zu leisten sie in der Lage waren, welches Selbstverständnis sie hatten, wie sie ihrem gesellschaftlichen Reichtum ästhetische Form verliehen. Immer aber gehört zu einem gelungen Platz die Kunst. Die Skulptur, um genau zu sein.
Schaut man sich in Frankfurt um, steht es damit nicht zum Besten. Zwar sorgt der eine oder andere historische oder auch moderne Brunnen plätschernd für Stimmung. Aber klare künstlerische Positionen, die nichts mit belangloser Stadtmöblierung zu tun haben, besitzen Seltenheitswert. Skulpturen, die einem Platz ihr Gepräge gäben, den Ort atmosphärisch bestimmten, den Blick und das Gefühl auf sich zögen - es gibt sie so gut wie gar nicht in dieser Stadt. Dabei sind es weniger die fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, die das architektonisch einst homogene Frankfurt vollends zu einer Ansammlung unzusammenhängender Elemente machten, als vielmehr die siebziger. In den Achtzigern dagegen brach sich der neue Historismus Bahn, dem damals noch heftig widersprochen wurde, der sich in den Köpfen aber immer weiter ausgebreitet hat und zurzeit das stadtplanerische Denken zu beherrschen scheint.
Selten einen großen Wurf
Das früheste und deutlichste, einst heftig umstrittene Beispiel dieser Neuorientierung ist die Ostzeile des Römerbergs, deren Fassaden rekonstruiert wurden, während dahinter moderne Wohnungen entstanden. Der Hauch von Fachwerk-Idyll berückt Besucher wie Einheimische, und gewiss wäre hier auch nicht der Ort gewesen, an dem man mit zeitgenössischer Kunst im öffentlichen Raum hätte auftrumpfen sollen. Anderswo aber wäre es durchaus möglich gewesen, mit zeitgenössischer Skulptur ein oder mehrere Zeichen zu setzen. Immerhin ist Frankfurt mit diversen bedeutenden Bauten aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, unter anderen jenen Ernst Mays, die Stadt einer das menschliche Maß nicht außer Acht lassenden, gleichsam humanen Moderne. Stattdessen gab es allenthalben Stückwerk, halbherzige Kunst am Bau und selten einmal einen großen Entwurf.
Gegenwärtig geht die Tendenz eigentümlicherweise zum Denkmal. Die vorletzte Großtat der Frankfurter Platzgestaltung mittels zeitgenössischer Kunst war das Adorno-Denkmal von Vadim Zakharov auf dem nach dem Denker der Frankfurter Schule benannten Areal in Bockenheim. Seit 2003 ist der Glaskubus mit Adornos Schreibtisch zu sehen. Und war seither mehrfach Attacken von Vandalen ausgesetzt.
Bei der Gestaltung des rundum erneuerten Goetheplatzes griff man dagegen auf Bewährtes zurück. Ludwig von Schwanthalers Goethe-Denkmal aus dem Jahr 1844 steht seit einem Jahr wieder ungefähr an der Stelle, an der es 100 Jahre lang gestanden hatte, bis 1944 eine Bombe den Dichterkopf vom Rumpf trennte. Es zeugt freilich weniger vom Leben und Wesen des Dichters und Universalgenies als von einer Haltung, die längst der Vergangenheit angehört, von der bürgerlichen Begeisterung nämlich für einen Heroen aus den eigenen Reihen, einen Dichterfürsten auf dem Sockel, zu dem man aufblicken konnte und der selbst dem nüchternsten Kaufmann Momente des höheren geistigen Genusses versprach. Ein bisschen Hoffnung auf das Zeitgenössische bleibt aber doch: Die Windsbraut von E. R. Nele ziert seit kurzem den neu gestalteten Dalbergplatz in Höchst.
Per Zufall auf künstlerische Qualität getroffen
Die städtebauliche Kusine des Platzes ist die Fußgängerzone, und auf dieser sieht es in Frankfurt nicht minder trostlos aus. Aber dann und wann trifft man dann doch, eher zufällig, auch dort auf künstlerische Qualität: In der Sandgasse etwa, die im Ganzen so etwas wie das Gegenteil von Altstadtcharme besitzt, stehen, hart belagert von den Sitzgelegenheiten eines gastronomischen Trendbetriebs, drei Plastiken von Frankfurter Künstlern, die nicht nur regional von Bedeutung sind. Eine Figur von Hans Steinbrenner aus dem Jahr 1981, ein Stehender von Michael Croissant aus dem Jahr 1975 und Christa von Schnitzlers Stele aus dem Jahr 1978 erinnern an den Kampf der Künstler um das Menschenbild, den unter anderem eine aus den Fugen geratene städtische Umwelt provoziert hat. Diese Position ist mittlerweile auch schon historisch. Die Ruhe, die sie ins Getriebe bringt, jedoch nicht.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa