20. Januar 2008 Um viertel nach zwölf stehen sie auf dem Römerberg. Sechs junge Männer mit kurzgeschnittenen Haaren, dicken Jacken und klobigen Schuhen. Sie stehen vor einem roten Kleinbus, während ihnen Hunderte Menschen entgegenrufen: Nazis raus. Sie zeigen Rote Karten, blasen in Trillerpfeifen. Immer lauter, immer schneller ruft der Chor. Dann verliert einer der sechs Männer die Nerven. Er hebt den Arm zum sogenannten Kühnengruß mit drei abgespreizten Fingern. Zuerst zögernd, schließlich entschlossen. Er schaut in die Menge, verharrt für einen Augenblick. Wenige Sekunden später wird er von Polizisten abgeführt, während die Menge applaudiert.
Die Anhänger der NPD sind nicht gern gesehen in Hessens größter Stadt. Und schon gar nicht an diesem Samstagnachmittag auf dem Römerberg. Es sollte die zentrale Wahlkampfveranstaltung der Rechten vor der Landtagswahl werden. Der Termin war geschickt gewählt, und auch der Römerberg wurde ihnen trotz der Geschichte des Platzes genehmigt. Nun trudeln sie unter großem Protest nach und nach ein. Alte und junge Männer, auch einige Frauen sind dabei. Am Ende sind es gerade einmal 90, die sich die Kundgebung anhören. Sie sammeln sich in einem von der Polizei abgesperrten Areal und schwenken Fahnen - und werden von den rund 1000 Gegendemonstranten übertönt.
Der Protest ist größer als erwartet
Unter ihnen ist Harald Fiedler, Sprecher des Römerbergbündnisses und Frankfurter DGB-Vorsitzender. Seit elf Uhr ist er auf den Beinen und organisiert den Protest, schart die Gegendemonstranten an der Nikolaikirche um sich. Am Justitia-Brunnen hat er ein Plakat mit der Aufschrift Frankfurt, kein Platz für Neonazis aufgehängt, anschließend zeigte er Schilder, die Geschichten von Menschen erzählen, die durch rechtsextreme Gewalt ums Leben gekommen sind. Es läuft gut, sagt Fiedler nun. Der Protest ist groß. Viel größer sogar als erwartet. Um 14 Uhr stellt sich Fiedler neben die Nikolaikirche, wo an diesem Nachmittag jede Stunde ein Gottesdienst gefeiert wird. Pfarrerin Andrea Braunberger-Myers lässt die Glocken läuten. Sie läuten an diesem Nachmittag ziemlich oft.
Auf der anderen Seite des Platzes, an der Braubachstraße, geht es derweil weniger friedlich zu. Autonome wollen auf den Römerberg. Hinter der Absperrung zu stehen, reicht ihnen nicht, sie suchen die direkte Konfrontation. Dass die Polizei ihre Taschen kontrollieren will, passt ihnen nicht. Das sei Schikane, ruft jemand durch ein Megafon. Schließlich drängeln sie, versuchen die Absperrung zu durchbrechen, die Polizei setzt Pfefferspray ein. Zwölf Leute werden vorläufig festgenommen. Sie haben unter anderem Steine in den Taschen, die sie zuvor aus dem Boden gehebelt haben. Tarek Hafez wird vorgeschickt, er ist ausgebildeter Kommunikator bei der Polizei. Er spricht mit den Demonstranten, kurz darauf beruhigt sich der Block.
NPD macht eine Stunde früher Schluss
Bis um 16 Uhr bleiben die NPD-Anhänger auf dem Römerberg. Dann machen sie Schluss, eine Stunde früher als geplant. Sie schalten das Mikrofon ab, drehen die Musik wieder auf, die eine Mischung aus Marschmusik und Kinderliedern ist. Der Text ist kaum zu verstehen, einige NPD-Mitglieder singen mit. Aber noch nicht einmal die Musik kommt gegen die Pfiffe der Gegendemonstranten an. Die Rechtsextremen ziehen kleinlaut von dannen.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 20.01.2008, Nr. 3 / Seite R2
Bildmaterial: Marcus Kaufhold