02. März 2006 Die seit sechs Jahren in Hessen gesetzlich erlaubte Schleierfahndung erweist sich nach Ansicht von Landespolizeipräsiden Norbert Nedela als eine zunehmend erfolgreiche Einsatzmethode der Polizei. Deshalb sei die Zahl dieser verdachtsunabhängigen Kontrollen auf Autobahnen und Bundesstraßen bereits im vergangenen Jahr massiv erhöht worden: um mehr als 40.000 auf fast 89.000. Dabei seien 230.000 Menschen und 123.000 Fahrzeuge überprüft und mehr als 1500 polizeilich gesuchte Personen gefaßt worden.
Die Schleierfahndung habe zudem zu rund 12.600 Ermittlungsverfahren geführt, sagte Nedela bei der Präsentation der hessischen Kriminalstatistik für das vergangene Jahr; davon gut 5200 wegen Rauschgiftdelikten, 453 wegen Diebstahls, 228 wegen illegalen Waffenbesitzes und 23 wegen Menschenhandels. Zudem habe die Polizei knapp 300 Autos sichergestellt. Jeder zweite bei den Kontrollen gefaßte Tatverdächtige sei Ausländer gewesen (55,7 Prozent).
So sei bei einer Fahrzeugkontrolle auf der Autobahn 60 ein Auto mit französischen Kennzeichen aufgefallen, berichtete Nedela. Die darin sitzenden Erwachsenen und Kinder aus Rumänien hätten eine große Menge von Goldschmuck am Körper getragen oder im Wagen versteckt, bei dem es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um Diebesgut handele.
Abschreckende Wirkung
Auf der Autobahn 3 am Mönchhofdreieck sei ein Nigerianer mit 3,3 Kilogramm Marihuana im Auto gefaßt worden, und in Nordhessen habe die Polizei bei der Schleierfahndung einen Wagen mit Litauern gestoppt, die Spezialwerkzeuge für das Aufbrechen von Autos bei sich gehabt hätten. Eine genauere Überprüfung ergab Nedela zufolge, daß es sich bei den Verdächtigen um hochprofessionelle Serientäter gehandelt habe. Die Schleierfahndung bringt nach den Worten des Landespolizeipräsidenten aber nicht nur unmittelbare Erfolge, sondern wirkt auch abschreckend. So sei es nicht unüblich, daß Straftäter aus Straßburg nach Hessen reisten, um hier in Häuser, Wohnungen oder Autos einzubrechen. Bei denen spricht sich inzwischen herum, daß es in Hessen die Schleierfahndung gibt.
Seit Mai 2000 kann die hessische Polizei ohne konkreten Verdacht Personen kontrollieren, die sich auf Flughäfen oder Bahnhöfen aufhalten oder auf überregionalen Straßen unterwegs sind. Die Schleierfahndung ist eine Reaktion auf die Abschaffung nationaler Grenzkontrollen in Europa und soll die Bekämpfung der grenzüberschreitenden Kriminalität erleichtern. Ins Visier werden dabei vor allem mobile, nicht ortsgebundene Tätergruppen genommen, die aus anderen Bundesländern oder aus dem Ausland einzig zu dem Zweck anreisen, um Straftaten zu begehen. Nach ihren Beutezügen setzten sie sich dann so schnell wie möglich wieder in ihre Heimat ab - fern vom Zugriff deutscher Behörden.
In Hessen und vor allem in der Rhein-Main-Region sei die Schleierfahndung wegen der zentralen und verkehrsgünstigen Lage besonders vielversprechend, meint Innenminister Volker Bouffier (CDU). Durch die verdachtsunabhängigen Kontrollen erlange die Polizei Kenntnis von Straftaten und Straftätern, die ihr sonst verborgen geblieben wären. Er werde daher weiter auf diese Fahndungsmethode setzen, zumal er zuversichtlich sei, daß Autofahrer, die wegen Großkontrollen im Stau stünden, Verständnis für das Vorgehen der Polizei aufbrächten.
Text: ler., F.A.Z., 03.03.2006
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