03. April 2006 Volker Sparmann, der Geschäftsführer des RMV, hat den Nahverkehr in der Rhein-Main-Region deutlich nach vorne gebracht.
Arbeiten Sie schon an einer Streichliste für den Rhein-Main-Verkehrsverbund?
Natürlich. Wir müssen uns auf die Eventualitäten, die die Politik uns aufs Auge drückt, vorbereiten. Wir bemühen uns, lediglich Verbindungen zu reduzieren, bei denen wenige Kunden betroffen sind.
Wenn die Bundesregierung die sogenannten Regionalisierungsmittel tatsächlich im geplanten Umfang kürzt, wieviel Geld fehlt dann dem RMV?
Uns würden von jetzt bis 2010 rund 200 Millionen Euro abgenommen. Eine Einbuße, die wir auf keinen Fall verkraften können. Wir müßten dann Leistungen streichen und die Fahrpreise erhöhen.
Können Sie nicht auch Rationalisierungseffekte erzielen, zum Beispiel über Ausschreibungen und Wettbewerb?
Wir werden Rationalisierungsgewinne von 30 Millionen Euro erzielen. Das Geld setzen wir ein für die Erneuerung unseres Fahrzeugparkes, wir kaufen 100 neue S-Bahn-Fahrzeuge.
Heißt das im Umkehrschluß, daß der RMV nicht mehr genügend investieren kann, wenn er die Rationalisierungsgewinne einsetzt, um die durch die Berliner Kürzungspolitik drohenden Löcher zu stopfen?
Völlig richtig. Wir könnten nicht mehr genügend investieren. Aber wir könnten darüber hinaus die wegen der teuren Energie und der hohen Trassenpreise überdimensional steigenden Kosten nicht mehr ausgleichen. Die Zeche müßten die ohnehin schon hochbelasteten Städte und Landkreise im Verbund durch eine höhere Umlage begleichen.
Rechnen Sie damit, daß der Bund die vorgesehene Kürzung der Nahverkehrsmittel um 3,3 Milliarden Euro bis 2010 so beschließt?
Ich bin sicher, daß die Verkehrsträger zusammen mit den Verkehrsministern der Länder Berlin klarmachen können, daß eine pauschale Streichung absurd ist. Uns ist klar, daß auch wir als Verkehrsträger unseren Beitrag zur Konsolidierung der öffentlichen Haushalte leisten müssen. Deshalb gehe ich davon aus, daß sachlich und fachlich und vor allem mit Vernunft eine Entscheidung zustande kommt. Meine Prognose lautet, daß wir etwa bei der Hälfte der vom Bundeskabinett vorgesehenen Kürzungen landen.
Wer bestimmt, welche Strecken dann im RMV ausgedünnt oder gar gestrichen werden?
Der Aufsichtsrat in seiner Gesamtheit. Er akzeptiert das Solidarmodell. Kürzungen gehen also nicht ausschließlich zu Lasten von Regionen etwa in Mittel- oder Osthessen. Jede Stadt und jeder Kreis muß sein Scherflein beitragen. Wir werden allen ein bißchen weh tun müssen. Leiden und Freuden sollte man sich immer zur Hälfte teilen.
Der RMV zählt bei den Fahrpreisen zu den teuersten Verbünden. Verbietet sich da nicht eine überdimensionale Preiserhöhung von selbst?
Der RMV gehört nicht zu den teuersten, sondern zu den effizientesten Verbünden in Deutschland. Wir liegen hinter Stuttgart auf Platz 2, was den Ertrag pro Fahrt anbelangt. Bei der Höhe der Fahrpreise liegen wir im guten Mittelfeld.
Dennoch: Müssen Sie nicht mit einem Kundenverlust rechnen, wenn Sie die Preise überdimensional erhöhen?
Ich sehe diese Gefahr. Wir wissen, daß die Kunden Mobilitätsbudgets haben. Wenn sie diese wegen gestiegener Fahrpreise überziehen müssen, bleiben sie womöglich weg. Ich persönlich empfehle dem RMV, die Politik der moderaten Preisanhebungen zwischen 2 und 2,5 Prozent pro Jahr fortzusetzen. Erhöhungen zwischen vier und sechs Prozent wie in anderen Verbünden könnten gefährlich werden.
Die Bundesregierung kürzt die Mittel für den laufenden Verkehr, aber stockt den Etat für Verkehrsinvestitionen auf. Ein Widersinn?
Die Erhöhung der Investitionsmittel ist ein richtiger Schritt. Aber eine Erweiterung der Infrastruktur ist natürlich nur sinnvoll, wenn man auf den Linien auch ordentlich Verkehre ablaufen lassen kann. Eine Eisenbahnstrecke zu bauen und wegen fehlender Betriebsmittel kaum Züge darauf fahren zu lassen, kann nicht effizient sein.
Kann man einer Stadt wie Frankfurt überhaupt zuraten, angesichts der bevorstehenden Kürzung der Betriebsmittel noch neue U-Bahn-Linien zu bauen?
Aber natürlich. In Frankfurt ist der Einzugsbereich gigantisch. Man muß hier den Anteil der Verkehrsteilnehmer, die Busse und Bahnen benutzen, hoch halten, weil die Straßen verstopft sind. An jeder S-Bahn müßte eigentlich dranstehen: Ich bin 1000 Autos. In einer Großstadt ist die U-Bahn das beste Individualverkehrsmittel, das es überhaupt gibt. Ich empfehle dringend einen Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel, deren Marktanteil kann noch deutlich gesteigert werden.
Können sich die Bürger der Region auch auf etwas freuen?
Ja, gewiß. Der RMV modernisiert weiter seinen Fahrzeugpark. Wir werden pünktlicher. Wir im öffentlichen Nahverkehr wollen sexy werden, und das ist heute immer mit Elektronik verbunden. Deshalb arbeiten wir an der elektronischen Fahrkarte.
Die Fragen stellte Hans Riebsamen.
Text: F.A.Z., 04.04.2006
Bildmaterial: F.A.Z. - Foto Andreas Mueller