28. Februar 2005 An der noch großstädtisch großzügig angelegten Bockenheimer Landstraße bildet die Bockenheimer Warte eine Grenze: zwischen Stadt und eher dörflicher Struktur des 1895 nach Frankfurt eingemeindeten Bockenheim. Der gotische Wächterturm markiert das Ende des modernen Frankfurt und den Beginn der Leipziger Straße, in der sich Jugendstilhäuser und Zweckbauten der siebziger und achtziger Jahre aneinanderreihen. Wer in die Einkaufsstraße einbiegt, befindet sich auf einem gut einen Kilometer langen Kulturtreff: Deutsch wird hier außer von alteingesessenen Bockenheimern hauptsächlich als lingua franca zwischen Neukunde und Verkäufer gesprochen. Aus den Obstgeschäften dringen türkische Sprachfetzen, hinter der Fischtheke gibt Marokkanisch den Ton an. Wenn der italienische Großbäcker den türkischen Lebensmittelhändler beliefert, begrüßen sie sich mit Ciao und Merhaba, aber die Geschäfte wickelt man in Deutsch ab.
Großen Anteil am Bockenheimer Leben haben die hier wohnenden Studenten, die wohl auch dann noch das Bild der Straße prägen werden, wenn bis 2015 die Universität komplett an den Campus Westend gezogen sein wird. Anzüge trägt man nicht nur im Bankenviertel, sondern auch hier, doch stecken hier meist ältere Männer mit sonnengegerbtem Gesicht und gehäkelter Kopfbedeckung darin. Angesichts von Drogerien und Parfümerien mag sich mancher Besucher noch auf einer "kleinen Zeil" wähnen, wie die Leipziger auf der Internetseite der Stadt Frankfurt großzügig betitelt wird. Der Wechsel zwischen kleinen Varianten der großen Handelsfilialen, die sich auf der Zeil finden, ebbt ab, je tiefer man der bogenförmigen Straße in den dörflichen Kern Bockenheims folgt. Immer öfter zwängen sich kleine Schnellrestaurants names Hongkong, Yeti-Imbiß oder Ban Thai zwischen Apotheken, Einzelhandelsgeschäfte und Bäckereien.
Der Kontrast zwischen Bankfilialen mit feinen Granitfassaden im vorderen und dem alternativ-bunten "Schandfleck" Exzesshalle im hinteren Teil der Leipziger ist hart. Das mit Hausbesetzerparolen besprühte Haus wirkt ein wenig wie eine Erinnerung an die bewegten Frankfurter Tage des heutigen Außenministers. Das fröhliche Nachbarskind springt vormittags über den Hof. Auf die Frage, warum es denn nicht in der Schule sei, erzählt es altklug von einem amerikanischen Feiertag, der mit dem heutigen Tag eingeführt worden sei. Im Innern setzt die Dramatische Bühne ihren "aberwitzigen, tolldreisten Theatertraum" in Szene, will mit ausgefallen inszenierten Klassikern ein Publikum begeistern, in dem Punker neben Banker, Teenager neben Rentner Platz finden sollen.
Unbeeindruckt läuft ein türkisches Paar an den bunten Wänden vorbei, sie mit Kopftuch, er im abgetragenen Anzug. Sie fügen sich so gut ins Straßenbild ein wie die unzähligen Obst- und Gemüsegeschäfte, die heute von Jüngeren betrieben werden, die ihre Töchter und Söhne sein könnten. Alle paar Meter türmen sich Orangen und Äpfel, Karotten und Kohl auf den schrägen Auslagen. Vor dem Leipziger Markt ruft ein schnauzbärtiger Verkäufer hinter Bergen von Südfrüchten in die Straße hinein: "Schön süße Clementinen!" Im riesigen Obst- und Gemüsebazar dahinter füllt man derweil zu türkischer Schlagermusik die Einkaufstaschen mit Feta, Pide und scharfen Chilis.
Auch die Stadtplaner und Immobiliengesellschaften haben ihre Spuren in der Leipziger Straße hinterlassen. Mit dem Alvearium gegenüber einer halb verlassenen Ladengalerie sollte die Leipziger einen modernen Publikumsmagneten bekommen. Doch nur wenige Passanten verirren sich in den Bockenheimer "Bienenkorb". Die hohen Büro- und Wohngebäude um den zugigen Platz wirken geradezu aseptisch, fast abweisend. Dahinter reihen sich entlang der Leipziger ehemalige Blumenläden, Spontikneipen, Bistros im Achtziger-Schick, Restaurants und Cafes, Billigboutiquen und Schnäppchenläden, Dönerbuden und Pizzerien aneinander.
Das Jahr 2000 war das Wendejahr für die Leipziger, der Publikumsmagnet Kaufhof schloß seine Türen. In der Immobilienbewertung ist die Leipziger seitdem regelrecht abgestürzt. Die monatliche Miete für den Quadratmeter Ladenfläche liegt teils unter 50 Euro, dennoch stehen heute viele Läden leer, die sogenannten Non-food-Ketten haben ihr Interesse an der Straße verloren. Und dennoch finden sich in der Leipziger und den Straßen ringsum einige Läden, die Käufer aus Frankfurt und Umgebung anziehen. "Gesamtmetall" heißt einer davon, in dem handgearbeiteter Designerschmuck in Kleinserien und ausgefallene Unikate angeboten werden, beispielsweise ein Silikonhalsband mit korallenroten Chilischoten. Zu den besonders ausgefallenen Kreationen gehört die paßgenaue Nachbildung eines getragenen Heftpflaster-Fingerverbands in Edelstahl oder Silber.
Keine Tolkien-Fans, sondern Yogajünger pilgern in "Deutschlands älteste Esoterikbuchhandlung Middle Earth", um sich in Büchern zu Sufismus und Weißer Magie, bei heilenden Edelsteinen und Klangschalen zu verlieren. In der Pappnase nebenan gibt es japanische Papierelefanten, Zauberzubehör und nach Fastnacht jetzt die bunte Osterdekoration.
Zur Leipziger Straße gehören ihre Hinterhöfe, die den Charme vergangener Jahrzehnte konserviert haben. Zur Kaffeerösterei Stern kommen Kunden aus ganz Frankfurt, um sich ihr Pfund Arabica wie zu Großmutters Zeiten mit der Messingschaufel abfüllen zu lassen. Bei "Per Pedale" dreht sich für Peter Leibe und seine Mannschaft alles um das "ökonomischste Verkehrsmittel". In der Weinsocietät steht mit Claus Niebuhr einer der bekanntesten Sommeliers Deutschlands, der für seine Kunden Weine französischer Provenienz entdeckt, die noch bezahlbar sind. Gespalten sind die Bockenheimer, was die Umwidmung ihrer Leipziger in eine Fußgängerzone betrifft. Die eine Hälfte spricht sich auf bockenheim-aktiv.de für eine breite Flaniergasse aus, den anderen sind Parkplätze vor den Geschäften wichtiger. Einigkeit herrscht, was die Brötchentaste betrifft. Mehr als 95 Prozent freuen sich über die 15 Minuten kostenloses Parken, die für schnelle Einkäufe gedacht sind.
Mindestens zweimal im Jahr geht Bockenheim gewissermaßen auf die Straße. In der ersten Augustwoche trifft sich der Stadtteil zum sommerlichen Straßenfest "Die Leipziger - Immer ein Gewinn", und Anfang Dezember beginnt die "Leipziger Weihnachtsmeile".
Bockenheim und seine knapp 32000 Einwohner bereichern Frankfurt um ein buntes und lebendiges Nebeneinander der Kulturen: Auf der dörflichen "kleinen Zeil" mischen sich Einheimische und Besucher beim entspannten Einkaufen. Anonyme Hektik bleibt eher der großen Schwester überlassen. Die Leipziger pendelt irgendwo zwischen Kreuzberger Romantik und Schwabinger Flair. MICHAEL SEIBOLD