Von Hans Riebsamen
14. Mai 2008 Damals ist alles noch primitiv gewesen. Primitiver, als es sich die Nachgeborenen vorstellen könnten, sagt Hilde Hoffmann. Ramad Aviv, jenen komfortablen Stadtteil im nördlichen Tel Aviv, haben sich Einwanderer wie sie nicht einmal in ihren buntesten Träumen ausgemalt. Gewiss, sie waren alle optimistisch nach der Ausrufung des Staates Israel am 14. Mai 1948, haben sich gefreut, dass die Juden endlich ihren Staat besaßen, Hilde Hoffmann hat an jenem Tag mit ihren Freunden auf dem Dizengoff-Platz in Tel Aviv getanzt. Doch dann kam sofort der Krieg: Jeder Tag ein Kampf ums Überleben“, erinnert sich Hoffmann.
Ihr Mann, Akiba Hoffmann, Sohn des Frankfurter Oberrabbiners Jakob Hoffmann, war elf Jahre älter als sie – und skeptischer. Mit Freunden feierten sie Hilde Hoffmanns Geburtstag, nein, sie feierten nicht, sie diskutierten heftig über die Zukunft des Landes. So heftig, dass sie darüber die Schwarzwälder Kirschtorte vergaßen, die Hilde Hoffmann gebacken hatte. Das hat sie damals in ihrer Hausfrauen-Ehre getroffen.
Am Anfang herrschte purer Optimismus
Tel Aviv ist Hoffmanns neue Heimatstadt, Frankfurt ihre alte. Im Philanthropin hat sie zum ersten Mal von Palästina und der zionistischen Bewegung erzählt bekommen. Um 1937 war das. Ihr Vater nahm das Thema nicht ernst: Lass das Kind reden“, sagte er zur Mutter, bis Hilde erwachsen ist, ist Hitler nicht mehr an der Macht.“ Hilde Hoffmann ist nicht nach Palästina ausgewandert, weil sie Zionistin war, sie und ihre Familie mussten emigrieren, um ihr Leben zu retten. Silvester 1938/39 entkamen sie im letzten Moment nach Holland, von da erreichte die Familie Palästina. Wo heute die Hochhäuser von Ramad Aviv, Hilde Hoffmanns Stadtteil, stehen, war damals Wüste: Nur Sand und Kamele.“
Am Anfang herrschte der pure Optimismus. Es werde alles nur rosa sein, glaubte Hilde Hoffmann nach der Staatsgründung. Natürlich ist nicht alles rosa gewesen in den 60 Jahren nach dem 14. Mai 1948. Aber das Land hat sich entwickelt. Schneller, als Hilde Hoffmann es sich vorgestellt hat. Heute ist Israel ein moderner Staat: hoher Lebensstandard, entwickelte Technik, Demokratie. Mein Land“, sagt Hilde Hoffmann.
Die alte Heimat, Deutschland, hat sie nie vergessen. Zu Hause haben sie immer Deutsch gesprochen. Damals in Israel eine verpönte Sprache, die Sprache der Nazis“. Jetzt lernen sogar junge Israelis Deutsch. Wie viel hat sich in den 60 Jahren verändert. Zu Deutschland unterhält Israel jetzt enge Kontakte. Und Hilde Hoffmann pflegt Sonderbeziehungen zu Frankfurt. Sie ist Vorsitzende der Vereinigung ehemaliger Frankfurter in Israel, der größten deutschen Landsmannschaft. Etwa 1500 frühere Frankfurter beziehen den Rundbrief, den die Vereinigung regelmäßig verschickt. Zu ihren Veranstaltungen, häufig abgehalten im Goethe-Institut in Tel Aviv, kommen immer 60 bis 100 Zuhörer. Sie pflegen die Erinnerungen an die alte Heimat, an die Vaterstadt.
Die Verkrustung ist aufgebrochen
Das war nicht immer so. Viele Jahre lang haben sie diese Erinnerungen verdrängt. Über die Vergangenheit, über Verfolgung und Flucht, wurde nicht gerne geredet. Nicht einmal in den Familien. Man sprach über die Gegenwart, plante die Zukunft. Mit den alten Geschichten blieb jeder für sich allein. Erst als unter Oberbürgermeister Walter Wallmann (CDU) Frankfurt und Tel Aviv Partnerstädte wurden, als Frankfurt ehemalige Bürger einlud, die alte Heimatstadt wieder zu besuchen, ist die Verkrustung aufgebrochen. Die Ehemaligen fanden sich in der Vereinigung zusammen – und fanden ihre Kindheitsgeschichte wieder. Auch Hilde Hoffmann.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp
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