Frankfurter Bahnhofsviertel

Razzia im Rotlichtmilieu

Von Katharina Iskandar und Helmut Fricke (Fotos)

17. Mai 2008 Es hatte sich schnell herumgesprochen. So wie immer, wenn im Bahnhofsviertel Razzia ist. Gegen acht Uhr abends waren die Beamten an der Taunusstraße vorgefahren und ins Bordell gestürmt. Nun, keine zehn Minuten später, weiß jeder Animierbetrieb im Viertel Bescheid.

Freier stehen vor den Häusern und trauen sich nicht hinein. Auch die Betreiber tummeln sich draußen, ziehen hastig an Zigaretten – und telefonieren. „Hier finden Sie eh nichts“, sagt einer, der seinen Laden an der Taunusstraße hat. „Bei uns hat alles seine Richtigkeit.“ Richtigkeit, das ist in diesem Viertel ein relativer Begriff.

Maria schickt das Geld ihrer Familie

In das erste Freudenhaus führt ein langer Flur, rechts und links hängen Zeichnungen von posierenden Frauen, schwarzer Kohlestift auf weißem Papier. Es ist heiß in den Räumen, vielleicht dreißig Grad. Die Polizisten besetzen die Eingänge, postieren sich vor jeder Zimmertür. Telefonieren oder das Gebäude verlassen dürfen die Mädchen nicht. Es sind Mädchen wie Maria, die nun auf einem Stuhl in der Ecke sitzt und nicht recht weiß, was sie erwartet. Papiere, ja, die habe sie und zückt einen rumänischen Pass, der in Ordnung ist.

Zum Thema

Dies, meint ein Polizist, sei in diesen Häusern keine Selbstverständlichkeit. Gerade eben habe er einen „so offensichtlich gefälschten Pass“ in der Hand gehabt mit einem Bild, auf dem eine Frau eine Sonnenbrille trug. „Manchmal verkaufen einen die Leute für blöd.“ Maria ist 26 und seit fünf Monaten in dem Bordell. Das Geld schicke sie nach Hause. Dort lebten ihre Eltern und vier Kinder. „Wissen Sie, ich will das hier nicht für immer machen“, sagt sie. „Die Männer, sie sind nicht nett.“

Zwei Frauen werden in diesem „Laufhaus“ festgenommen: Eine hält sich illegal in Deutschland auf, die andere hat gar keine Papiere dabei. Sie behauptet, ihr Freund habe ihr den Pass weggenommen. Sie sitzt auf dem Bett, weint, neben sich ein Kissen, auf dem steht: „Ich hab’ dich lieb.“ Irgendwann nimmt sie ein Polizist am Arm und bringt sie zum Bus, sie muss mit aufs Revier. „Wir müssen uns ja an die Gesetze halten“, sagt der Beamte. „Aber manchmal, das sage ich ganz ehrlich, ist es schwer.“

Prostituierte werden mit aufs Revier genommen

Gesetze will auch Ordnungsdezernent Volker Stein eingehalten wissen, der die rund achtzig Stadt- und Landespolizisten an diesem Abend begleitet. „Wir müssen regelmäßig kontrollieren“, sagt der FDP-Politiker. Dem Gewerbe solle klar sein, „dass wir Regelverstöße nicht billigen“. Gerade im Rotlichtmilieu häuften sich diverse Delikte, denen man nachgehen müsse. „Wenn man schon hier nichts gegen Ausländerrechtsverstöße unternimmt, wie soll man dann jemandem erklären, dass ihm die Abschiebung droht, obwohl er schon seit 15 Jahren in der Stadt lebt?“

Während die Hälfte der Polizisten noch die Papiere der Prostituierten überprüft, haben ihre Kollegen draußen eine andere Entdeckung gemacht. Ein Jugendlicher hatte einem Mann ein Päckchen Drogen zugesteckt, nun steht er an der Wand und muss seine Taschen leeren. Zweihundertfünfzig Euro hat er dabei – seine Tageseinnahmen.

Die Polizisten ziehen weiter in die Moselstraße. Aus dem Verkaufshäuschen eines Peep-Show-Ladens ruft einer: „Na, wieder mal da?“, bevor er in die Hände klatscht und mit Sing-Sang-Stimme zu den Tänzerinnen ruft: „Mädels, kommt schon, nicht glotzen, weitermachen.“ Acht Prostituierte werden aus dem Bordell an der Moselstraße mit aufs Revier genommen. Junge Frauen, die vielleicht gerade mal zwanzig Jahre alt sind. In einem weiteren Laufhaus ist alles „tadellos“, wie einer der Polizisten sagt.

140 Euro Miete pro Tag für ein Zimmer im Laufhaus

Nur der Betreiber schimpft. „Hier“, sagt er und hält einen Stapel Papiere hoch, „ich habe alle Unterlagen über die Frauen, ihr könnt alles nachprüfen, es ist alles lupenrein.“ 140 Euro verlangt der Mann pro Tag an Miete, gut die Hälfte der 29 Zimmer steht leer. „Keine Kunden mehr“, sagt eine Thailänderin in gebrochenem Deutsch, die seit 13 Jahren in Deutschland lebt, ihren Namen aber nicht nennen will. Manchmal verdiene sie nur 60 Euro am Tag, wenn es gut laufe, das Doppelte. Eine andere Arbeit suchen will sich die Offenbacherin aber nicht. Stattdessen spielt sie Lotto, wie sie sagt. „Und wenn ich gewinne, fliege ich nach Hause zurück.“

Bordelle sind an diesem Abend nicht die einzigen Etablissements, die von den Beamten inspiziert werden. Am späten Abend fährt die Polizei vor einer Dönerbude an der Münchener Straße vor. Nur etwa elf Quadratmeter misst der Raum, die Küche vielleicht gerade mal sechs. Lebensmittelkontrolleur Horst Knobloch wirft einen Blick hinein. Nach fünf Minuten sagt er, die Küche müsse geschlossen werden, „und zwar sofort“. Im Becken sammelt sich schmutziges Geschirr, aus dem Wasserhahn kommt eine braune Plörre.

Bis zu 1000 Euro drohen dem türkischen Besitzer nun. Die Küche muss saniert werden, in einigen Wochen schaut sich Knobloch den Laden nochmals an. Auch bei den Gaststätten will Stein „den Kontrolldruck hoch halten“, wie er sagt. „Die Leute sollen nicht denken, dass wir laxer werden, nur weil keiner mehr über Gammelfleisch spricht.“ Es bleibt die einzige Küche an diesem Abend, die geschlossen werden muss. Allerdings nicht die letzte Entdeckung krimineller Art: In einem Internetcafé an der Mainzer Landstraße finden die Beamten mehrere Kilo Khat – eine Kaudroge vom sogenannten Khat-Strauch, der hauptsächlich im Jemen und Äthiopien angebaut wird. „Eine Modedroge“, sagt ein Polizist. „Bei Razzien finden wir dieses Zeug mittlerweile oft.“

Die Frauen werden wiederkommen

Bis fast drei Uhr morgens sind die Polizisten und Vertreter des Veterinäramtes im Bahnhofsviertel unterwegs, haben am Ende drei Bordelle und zehn Gastronomiebetriebe kontrolliert. 13 Menschen mussten vorübergehend mit aufs Revier kommen, zahlreiche Verstöße gegen das Aufenthaltsgesetz wurden registriert. Gegen zehn weitere Personen wurde ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, weil sie möglicherweise Sozialleistungen erschlichen haben, drei andere haben sich wegen Drogenbesitzes und -verkaufs strafbar gemacht.

Am frühen Morgen wird es wieder ruhiger im Bahnhofsviertel, nachdem die Polizisten verschwunden sind. Allerdings werden sie wiederkommen und abermals prüfen, ob es stimmt, wenn die Bordellbetreiber sagen, ihr Laden sei „lupenrein“. Wiederkommen werden aber wohl auch die Frauen. „Das ist einfach so“, sagt Maria, die schon viele Kolleginnen hat kommen und gehen sehen. Die meisten Mädchen wüssten doch gar nicht, wohin sie sonst gehen sollten in dieser Stadt. „Ein Zuhause haben sie doch nur in ihrem Heimatland.“



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Helmut Fricke

 
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche