Von Felix Wadewitz
25. September 2006 Tobias fiel immer alles leicht. Erst in der Schule, dann an der Universität. An der TU Darmstadt studiert der 23 Jahre alte Mainzer Wirtschaftsinformatik, nebenbei paukt er Fremdsprachen und arbeitet in einer Internetagentur, um sich das Studium zu finanzieren. In den Semesterferien macht er Praktika - in diesem Sommer sein fünftes, bei einer Unternehmensberatung. Die erste Woche lief nicht gut. Tobias schlief schlecht und war bei der Arbeit unmotiviert. Nach zehn Tagen kippte er um. Er fiel in Ohnmacht, einfach so, ohne Vorwarnung. Der Arzt im Krankenhaus sagte ihm nach der Untersuchung: Sie sind topfit. Er hatte kein physisches, sondern ein psychisches Problem. Tobias (Name geändert) war ausgebrannt - mit 23.
Die Zahl der Studenten mit psychischen Störungen steigt, sagt Ursula Luka-Krausgrill. Sie leitet die Psychotherapeutische Beratungsstelle für Studierende in Mainz. Neben die klassischen Studentensorgen wie Prüfungsangst, Beziehungskrisen und Schwierigkeiten beim Erwachsenwerden treten andere Konflikte. Wir haben es mit ganz neuen Problemen zu tun, stellt die Professorin fest.
Das sind Reaktionen auf schwere Belastungen im Studium, berichtet Elke Weinel, Oberärztin an der Klinik für psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Frankfurt und Leiterin der Beratungsstelle der Goethe-Universität. Jeder sechste Student kämpft mit psychischen Problemen, so eine Studie des Deutschen Studentenwerks. Frauen sind etwas stärker betroffen als Männer. Langzeitstudierende sind ebenfalls überrepräsentiert.
Depressionen und Ängste
Die Bedingungen für Studenten haben sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Wer in den siebziger Jahren zur Universität ging, konnte sich Zeit lassen, mußte kaum Praktika machen - und bekam am Ende in den meisten Fällen trotzdem einen Job. Sich im Studium einfach treiben zu lassen, das ist vorbei, sagt Luka-Krausgrill.
Die Anforderungen an Berufseinsteiger sind gestiegen: Wer ohne Praktika und Auslandsaufenthalt dasteht, gilt beinahe als schwer vermittelbar. Die Sorge, später keinen Job zu finden, treibt viele Studenten an: Sie studieren schneller als ihre Vorgänger und machen immer mehr Praktika. Oft liegt nur das Wochenende zwischen der Abschlußprüfung und dem ersten Arbeitstag. Nebenbei werden Fremdsprachen gepaukt, oder es wird gejobbt, um die Wohnungsmiete zu verdienen. Manche bekommen das alles problemlos unter einen Hut, andere aber leiden. Da muß man dann auf die Bremse treten, sagt Luka-Krausgrill.
Wem es zuviel wird, wer mit Depressionen und Ängsten zu kämpfen hat, der findet Hilfe in einer Beratungsstelle. Diese werden oft vom Studentenwerk betrieben, so auch in Darmstadt. In Mainz dagegen gehört die Beratung direkt zur Universität, in Frankfurt ist sie ein Angebot des Uniklinikums. Beide Anlaufstellen liegen mitten auf dem jeweiligen Uni-Campus. Das soll die Hemmschwelle senken, das Angebot zu nutzen. Ein weiterer Vorteil: Die Fachleute an den Universitäten können auch kurzfristig helfen. Ein Termin ist innerhalb weniger Tage oder Wochen zu bekommen - bei niedergelassenen Ärzten kann es mehrere Monate dauern.
Zahl der Hilfesuchenden steigt
Wir sehen uns als eine Art Clearingstelle, erläutert Weinel. Hier kommen die Probleme zur Sprache, und wir können Weichen für die weitere Behandlung stellen. In vielen Fällen genügen schon ein paar Gespräche, um zu helfen. Ist eine Therapie nötig, überweisen die Beratungsstellen in der Regel an niedergelassene Ärzte oder auch Kliniken. Denn die Beratungsstellen haben nur wenig Personal. Wir sehen sehr genau hin und differenzieren zwischen Konflikten, Belastungen und Störungen, sagt Weinel, die nicht verhehlt, daß die finanzielle und damit personelle Ausstattung ihrer Beratungsstelle besser sein könnte.
Nicht nur die äußeren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Anforderungen haben sich geändert, auch die Reformen in den Hochschulen selbst beeinflussen das psychische Wohlbefinden der Studenten. Nach der Einführung der Langzeitstudiengebühren etwa stieg die Zahl der Hilfesuchenden in Frankfurt spürbar an. Auch die Einführung der neuen Abschlüsse Bachelor und Master wird Folgen haben - positive, glauben die Experten. Unsere ,Stammklientel' wird davon profitieren, sagt Luka-Krausgrill. Die vorgegebene Struktur des Studiums entlaste Studenten. Außerdem kämen Schwierigkeiten früher zum Vorschein. Wer heute eine bestimmte Prüfung immer wieder verschiebe, eine Hausarbeit nicht abgebe oder nicht mehr zur Vorlesung gehe, der falle gar nicht auf - auch dann nicht, wenn ernsthafte gesundheitliche Probleme der Grund seien. Das werde sich ändern.
Tobias, der ehrgeizige Student, ist gerade noch rechtzeitig aufgefallen: Er fand Hilfe bei einer Psychologin. Inzwischen hat er sich erholt. Er ließ das Praktikum sausen, fuhr mit seiner Freundin an die Ostsee. Demnächst verkauft er sein Auto. So spart er Geld, muß weniger arbeiten. Im Wintersemester will er zwei Klausuren weniger schreiben. Danach macht er kein Praktikum, sondern erfüllt sich einen Traum: mit dem Rucksack nach Kanada.
Text: F.A.Z., 26.09.2006