Von Til Huber
31. August 2007 Sehper Ghazari hat keine Zeit für lange Erklärungen. Wir wollen hier in einer guten Stunde fertig sein“, sagt der Iraner, während er mit einem langen Schraubenschlüssel eine Mutter festzieht. Zwei Meter über dem Boden steht ein schwarzer Fiat Punto auf der Hebebühne. Die Kupplung ist schon seit Tagen kaputt. Dabei braucht Ghazaris Mutter das Auto dringend zum Einkaufen.
Mit schnellen, präzisen Bewegungen dreht er Muttern auf und wechselt Teile aus. Hin und wieder wischt er sich Schweiß und Ölspuren aus dem Gesicht. Wie am Operationstisch reicht ihm ein Freund die Werkzeuge, die im Kasten auf dem Boden akkurat sortiert sind. Es soll schnell gehen. Denn Zeit ist Geld, hier in der Autohobby-Mietwerkstatt am Nieder Kirchweg, in der Ghazari heute einen Platz reserviert hat.
Bei uns repariert jeder sein Auto selbst
Zehn Euro kostet die Hebebühne in der Stunde, Werkzeug inklusive. Man kann auch für acht Euro einen normalen Stellplatz oder für einen Euro mehr eine sogenannte Grube mieten – für besonders hohe Fahrzeuge, die nicht auf die Hebebühne passen. Aus einem anderthalb Meter tiefen Schacht, über dem das Fahrzeug geparkt wird, kann ein Mechaniker dort Motor und Getriebe begutachten und kleinere Mängel beheben. Einen Aufpreis zahlt, wer zum Beispiel mit dem hauseigenen Schutzgas-Schweißgerät oder hydraulischen Presswerkzeugen arbeiten möchte, die man in der Werkstatt ebenfalls mieten kann.
Sehper Ghazari war schon am Tag zuvor mit seinem Helfer in der Werkstatt. Vier Stunden haben die beiden gearbeitet – macht schon mal vierzig Euro. Jetzt wollen sie keine unnötige Zeit mehr verlieren. Das Problem ist, dass ich zum erstenmal eine Kupplung auswechsle“, sagt der Einunddreißigjährige, der beruflich als Portier in einem Frankfurter Hotel arbeitet. Alles, was er über Autos wisse, habe er bei seinen großen Brüdern in Iran gelernt. Strenge TÜV-Prüfungen und Kfz-Meisterbriefe gebe es da nicht. Bei uns repariert jeder sein Auto selbst.“
Neben Ghazari schraubt ein Bulgare an einem alten VW-Kombi herum. Im hinteren Teil der großen Halle richtet eine südländisch aussehende Gruppe einen Lieferwagen her. Kinder springen um die Arbeitenden herum. Türkische und osteuropäische Gesprächsfetzen tönen durch die Werkstatt und mischen sich mit dem Lärm von Schleifmaschinen. Immer wieder fällt ein Schraubenschlüssel klirrend zu Boden. Obwohl das große Tor der Halle geöffnet ist, riecht es streng nach Maschinenöl und Gummireifen.
Der Mechaniker hilft - gegen Stundenlohn
An manchen Arbeitsplätzen liegen zertretene Kaffeebecher aus Pappe und Zigarettenschachteln auf dem Boden. Durch eine lange Fensterfront an der Zwischenwand sieht man den Anmelderaum der Mietwerkstatt, in dem gerade ein neuer Kunde steht. Dort haben die Betreiber auch kleinere Ersatzteile, Kabelrollen und Sprühlack in verschiedenen Farben deponiert, die Kunden bei Bedarf kaufen können. Alles, was nicht in der Auslage liegt, könne binnen weniger Stunden bei einem großen Ersatzteillieferanten in der Nähe besorgt werden, sagt Geschäftsführer Stephan Roth.
Auch Cuma Karacagün bestellt häufig Ersatzteile für seine Kunden. Der Türke arbeitet als selbständiger Mechaniker in der Mietwerkstatt: ein kleiner, drahtiger Mann mit Glatze und dunklen, freundlichen Augen. Ist ein Kunde offensichtlich überfordert, bietet er ihm seine Hilfe an – gegen Stundenlohn natürlich. Das wird ausgehandelt, wie auf einem türkischen Basar“, sagt Karacagün und lacht. Wie er machen es auch andere Mechaniker. In ihren grauen Overalls gehen sie in der Halle umher und warten auf potentielle Kundschaft.
Heute ist nicht viel los in der Werkstatt, für den jungen Türken und seine Kollegen bedeutet das wenig Umsatz. Aber wenn ich keine Arbeit habe, brauche ich ja auch nichts zu bezahlen“, sagt Karacagün. Fixkosten habe er nur durch seinen Stellplatz im Hof. Und heute habe er immerhin schon ein Kupplungsseil und einen Zahnriemen gewechselt. Was einen Kunden in einer Werkstatt normalerweise 200 bis 300 Euro koste, das mache er für 80 Euro. Dann rollt ein weißer Kombi auf den Hof – der Fahrer, ein Bulgare, hat Probleme mit dem Getriebe. Er habe gehört, dass es hier günstige Mechaniker gebe, sagt er. Nach kurzer Verhandlung kommt er mit Karacagün ins Geschäft.
Sachmängelhaftung nur bei regulären Werkstätten
Komplizierte Reparaturen für wenig Geld: Das klingt ausgesprochen verlockend, kann aber manchmal Ärger einbringen. Das meint zumindest Uwe Grautegein, Geschäftsführer des Landesverbandes Hessen des Kraftfahrzeug-Gewerbes. Sachmängelhaftung übernehmen nur die regulären Werkstätten“, warnt er. Eine schlecht ausgeführte Reparatur könne der Kunde bis hin zur Anrufung von Schiedsgerichten anfechten.
Die zweijährige Garantie falle bei privaten Dienstleistungen aber komplett weg. Trotzdem lehnt er die Mietwerkstätten nicht pauschal ab. Es kommt ganz darauf an, wie sie betreut ist.“ Allerdings sollten angestellte Mechaniker nicht den Fehler machen, sich dort ein paar Euro dazuverdienen zu wollen. Dies sei ein klarer Treuebruch dem Arbeitgeber gegenüber und könne Konsequenzen haben.
Das weiß auch ein junger Mann, der in der Mietwerkstatt einige Plätze neben Cuma Karacagün einen VW-Polo repariert. Seinen Namen wolle er nicht nennen, sagt er und erzählt dann, dass er normalerweise als Mechaniker in einer Frankfurter Werkstatt arbeite. Hier in der Halle schraube er zwar – völlig unbedenklich – an seinem eigenen Auto herum, aber man kann ja nie wissen, was der Arbeitgeber denkt“. Währenddessen ist neben ihm ein grellgrüner, tiefergelegter Opel-Sportwagen auf einen Hebebühnenplatz gefahren.
Ein Schnäppchen
Ein kleiner Mann mit kurzgeschorenen Haaren und grauem Arbeitsanzug steigt aus und läuft zum Empfang. Seine sehr blonde Beifahrerin bleibt sitzen und blättert gelangweilt in einer Illustrierten. Dann kommt der Kurzhaarige zurück, überprüft die Hebebühne und gestikuliert durch die Windschutzscheibe. Die Blonde muss aussteigen und stolziert genervt Richtung Ausgang.
Einige Meter weiter hat Sehper Ghazari seine neue Kupplung eingebaut. Nur einige Schrauben muss er noch nachziehen. 120 Euro hätten ihn die Ersatzteile und der Arbeitsplatz gekostet, sagt er. Gegen die 550 Euro, die Fiat verlange, sei das ein Schnäppchen. Einen Termin hätte es dort sowieso erst nächste Woche gegeben. So lange hätte meine Mutter nicht warten können.“ Und ihm habe die Reparatur auch etwas gebracht. Immerhin wisse er jetzt, wie man eine Kupplung einbaue: Das nächste Mal mache ich das in anderthalb Stunden.“
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Michael Hauri