Von Claudia Eltermann
13. Februar 2005 Naßkalte Dunkelheit liegt über dem Frankfurter Bahnhofsviertel. Vier junge Männer klopfen an eine Tür. Ein Codewort wird verlangt. Der Wachmann beäugt den Jüngsten der Gruppe skeptisch. Der gehört dazu, sagt jemand. - Wir betraten ein illegales Spielcasino, etwas geschmacklos eingerichtet. Der Roulettetisch hatte zwei Nullen, erinnert sich der ehemalige Spieler Andre an seine Erfahrungen in der Zockerszene, in der Halbwelt der verrauchten Hinterzimmer.
Gambler der Neuzeit treffen sich dagegen in Cafes unter Neonlicht, in Räumen mit dem Charme eines Solariums. Sportwetten sind der große Renner. Der Skandal um Schiedsrichter Robert Hoyzer hat das Interesse der Öffentlichkeit und der Justiz für die Spielerszene geweckt. Allein in Hessen liegen der Generalstaatsanwaltschaft aktuell 120 Verfahren gegen Betreiber illegaler Sportwettenbüros vor, doppelt so viele werden insgesamt erwartet. Die Welle der Ermittlungen geht zurück auf eine Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofs, der die Auffassung des Innenministeriums bestätigte, private Anbieter dürften solche Glücksspiele nicht betreiben.
Die dunklen Geschäfte mit den archaischen Instinkten der Spieler werden diese Anstrengungen wohl kaum stören. Beim Spielen hat man sofort eine Belohnung, das ist tief im Menschen verwurzelt. Es gibt Spieler aller Art: Zocker, Profispieler, Millionäre, Frauen aber seltener, beschreibt Andre, der heute im Finanzsektor arbeitet. Zu seiner Zeit gab es Lichtgeld, wenn man seine Wohnung für eine nächtliche, verrauchte Zockerrunde zur Verfügung stellte.
An ausländische Kreise kommt die Polizei nur schwer heran
Das Milieu ist nur schwer in einen Rahmen zu fassen. Im Gegensatz zu den Sportwettenbüros sind die Stätten des klassischen illegalen Glückspiels schwer auszumachen, die Kriminalpolizei ist stark auf Hinweise aus diesen Kreisen selbst angewiesen. Zumal die Grenzziehung zum straflosen Geschicklichkeitsspiel oder zu der Wette unter Freunden schwierig ist: Die Entscheidung über Gewinn und Verlust müsse nicht von den Fähigkeiten und Kenntnissen, sondern hauptsächlich vom Zufall abhängen, beschreiben die Strafrechtskommentare als das Wesen des illegalen Glücksspiels.
Außerdem muß es öffentlich sein, was lediglich bedeutet, daß für einen größeren, nicht geschlossenen Personenkreis die Möglichkeit besteht, sich zu beteiligen. Der Hamburger Anwalt Martin Bahr, der als Experte auf diesem Rechtsgebiet gilt, weist auf das erhebliche Strafmaß hin: Dem Veranstalter drohen Haftstrafen von bis zu zwei Jahren, bei gewerbsmäßigem Handeln sogar bis zu fünf Jahren. Als öffentliche Veranstaltungen gelten auch Glücksspiele in Vereinen oder geschlossenen Gesellschaften, in denen Glücksspiele gewohnheitsmäßig veranstaltet werden. Gerade in ausländischen Kreisen kommt die Polizei schwer an Insider-Tips heran, weiß Bahr.
2003 erfaßte das Landeskriminalamt (LKA) in Wiesbaden 83 Fälle illegalen Glücksspiels in Hessen, mit insgesamt 113 Tatverdächtigen, 86 hatten nicht die deutsche Staatsangehörigkeit. Im Jahr zuvor waren es 66 Fälle, 2001 wurden 153 Ermittlungsverfahren gezählt. Die Schwankungen ergeben sich durch vermehrte Kontrolle und eingehende Hinweise. Die Dunkelziffer dürfte weitaus höher sein, erklärt das LKA.
Würfelspiele wie Chicago - oder einfach nur Backgammon
Von der Klitsche im Hinterhof bis zu größeren Lokalen reicht die Bandbreite des Frankfurter Milieus. Theoretisch braucht man nur einen Tisch, Stühle und Aschenbecher, beschreibt Jürgen Linker, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Frankfurt. Die meisten dieser Gruppen sind kaum vernetzt, betreiben illegales Glücksspiel im überschaubaren Rahmen. Nach wie vor sind Kartenspiele der große Renner. Aber auch Würfelspiele wie Chicago, ein Glücksspiel mit drei Würfeln, bei dem die höchste Zahl gewinnt, und Backgammon erfreuen sich auch großer Beliebtheit in der Zocker-Szene.
Kulturvereine stehen nicht selten im Verdacht, Herbergen illegalen Glücksspiels zu sein, wobei meist wenige ein schlechtes Licht auf redliche Vereinsarbeit werfen. Im Stadtteil Fechenheim wurden 2003 als Kulturverein getarnte Räumlichkeiten geschlossen, dort gingen beim illegalen Glücksspiel einige 10000 Euro über den Tisch, sagt Linker. Eine unscheinbare Gaststätte in den Hinterhöfen der Höchster Bolongarostraße bot im selben Jahr ein ähnliches Bild. Solche Lokale werden meist von einem bestimmten Personenkreis frequentiert, geschlossene Gruppen, in die Außenstehende kaum hineinkämen, beschreibt Linker die Schwierigkeiten der Fahnder. Hinweise aus dem Umfeld leiteten die Ermittlungen ein, die zunächst verdeckt geführt wurden und schließlich in einer erfolgreichen Razzia endeten. Dem Wirt wurde die Konzession entzogen, ein Strafverfahren folgte.
Die Dunkelziffer ist extrem hoch, es kommt nur ein Bruchteil der Fälle zur Anzeige, hat M.L., Kriminalhauptkommissar beim hessischen Landeskriminalamt, der seinen Namen nicht nennen will, über die Jahre als Erkenntnis gewonnen. Als verdeckter Ermittler der zuständigen Abteilung für Organisierte Kriminalität ist er außer für Waffen- und Falschgelddelikte auch für das illegale Glücksspiel zuständig. In den vergangenen Jahren habe es kaum noch Hinweise aus dem Milieu selbst gegeben. Das liegt daran, daß die Teilnehmer sich selbst belasten müßten. So schweigen selbst betrogene Mitspieler hartnäckig, erklärt der Hauptkommissar den zähen Informationsfluß. Hinzu komme, daß beim Zocken oft auch Geld eingesetzt werde, das aus anderen illegalen Geschäften stamme. Illegales Glücksspiel in Deutschland werde stark von Süd- oder Südosteuropäern sowie von Asiaten dominiert: Die wachsen mit dem Glücksspiel auf, sagt der verdeckte Ermittler.
Außer einem Platzverweis bleibt nicht viel Spielraum
Die Suche nach dem schnellen Gewinn treibt, den Warnungen der Polizei zum Trotz, weiterhin auch im Frankfurter Bahnhofsviertel Passanten den Hütchenspielern zu. Die Branche der wirbelnden Finger ist nach Einschätzung der Polizei weiterhin fest in der Hand von Männern aus dem ehemaligen Jugoslawien. Eine Spielgruppe besteht meist aus mehreren Personen, die sich als Wächter, Aufreißer, Spieler oder Zuschauer beteiligen.
Die Polizisten des für das Bahnhofsviertel zuständigen 4. Reviers bleibt meist nicht viel mehr, als immer wieder aufs neue Platzverweise auszusprechen - das Problem wird damit allenfalls für einige Tage verdrängt. Bei einer Sonderaktion des Ordnungsamtes und der Polizei im Herbst 2003 wurden innerhalb weniger Wochen 316 verdächtige Personen überprüft und 119 Platzverweise ausgesprochen.
Lediglich in 44 Fällen folgte eine Strafanzeige. Viele der Betrogenen waren Touristen oder Messeteilnehmer, die wenig Interesse hatten, noch einmal mit ihrer Dummheit konfrontiert zu werden.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 13.02.2005, Nr. 6 / Seite R1
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