17. Oktober 2007 Die nahe Zukunft wird zeigen, ob heutiges Know-how dem der Steinzeit überlegen ist: Mathias Jehn steht zu diesem etwas überzogen klingenden Vergleich. Wenn wir nicht aufpassen, wird unsere Generation die erste sein, die ihr Wissen nicht auf Dauer speichern kann. Das haben sogar die Steinzeitmenschen geschafft“, sagt er.
Jehn ist unterwegs in der Deutschen Nationalbibliothek. Seine Bedenken gelten nicht den dort, in anderen Bibliotheken und Forschungsinstituten, aber auch in Privathaushalten aufbewahrten Büchern oder anderen gedruckten Veröffentlichungen, sondern den elektronisch vorliegenden Publikationen. Diese zu sichern und für die Nutzer auf Dauer lesbar zu machen, ist auch für die Deutsche Nationalbibliothek in Frankfurt essentiell. Schließlich erstreckt sich ihr Sammelauftrag per Gesetz auch auf Veröffentlichungen im Internet, zum Beispiel elektronische Zeitschriften.
Mögliche Opfer des Fortschritts
Die Archivierung solcher Daten stellt Fachleute wie Jehn und Reinhard Altenhöner, den Leiter Informationstechnik der Bibliothek, vor Herausforderungen. Denn es ist noch nicht ganz klar, wie man jene Publikationen dauerhaft aufbewahren und nutzbar halten kann – wegen des technischen Fortschritts bei der Entwicklung von Soft- und Hardware bei Computern. Es gibt zum Beispiel keine Laufwerke mehr für Disketten, wie man sie früher kannte, oder sie sind nur noch sehr schwer zu bekommen“, so Altenhöner. Habe man es etwa geschafft, Daten von Disketten auf CDs zu übertragen, öffne sich schon die nächste Baustelle“, denn auch diese Disks seien nicht dauerhaft haltbar.
Weil davon alle Bibliotheken, Archive, Museen und Forschungseinrichtungen betroffen sind, haben sich mehrere Organisationen zu einer Initiative zusammengetan, die sich zur Aufgabe gemacht hat, intensiv an der Langzeitarchivierung und -verfügbarkeit von Daten zu arbeiten. Gefördert wird das Nestor“ genannte Projekt vom Bundesforschungsministerium, die Deutsche Nationalbibliothek ist federführend dabei. Jehn, der in dem Gebäude an der Adickesallee sein Büro hat, koordiniert das Projekt. Ziel der Initiative, die es seit 2003 gibt, ist es nach seinen Worten, vor allem Aufmerksamkeit für das Problem“ zu wecken und Kontakte zu knüpfen. Projektpartner sind außer der Nationalbibliothek die Staats- und Universitätsbibliothek in Göttingen, die Bibliothek der Berliner Humboldt-Universität, die Bayerische Staatsbibliothek in München, die Fernuniversität Hagen, das Institut für Museumsforschung in Berlin und das Bundesarchiv in Koblenz.
Alte Datenformate nutzbar machen
Die Überlegungen von Nestor“ beginnen freilich nicht bei null. So ist die Deutsche Nationalbibliothek Partner einer weiteren, ebenfalls vom Bundesforschungsministerium geförderten Initiative, die es seit 2004 gibt. Ein Großrechner in Göttingen dient dabei als erstes Langzeitarchiv“ der Nationalbibliothek, wie Altenhöner erklärt. Zu dem Projekt gehören auch zwei Techniken, mit denen alte Datenformate nutzbar gemacht werden können: Entweder werden die Informationen selbst in aktuell lesbare umgewandelt, oder ein neuer Computer wird früher gängigen Programmen angepasst und kann so die Daten erkennen. Grundlage des Langzeitarchivs, das auch von der Staats- und Universitätsbibliothek in Göttingen mitgenutzt wird, ist ein von IBM und der Nationalbibliothek der Niederlande entwickeltes Verfahren. Die Software, mit deren Hilfe die Objekte auf der Datenbank wiedergefunden werden können, stammt aus der Deutschen Nationalbibliothek, wie Altenhöner schildert. Das ganze System muss aber ständig weiterentwickelt werden.“ Mit dem Kopal“ genannten Projekt in Göttingen würden de facto Standards für die Langzeitarchivierung elektronischer Daten gesetzt.
Solche Normen zu entwickeln, gehört auch zu den Aufgaben von Nestor“. Die Initiative kann sich aber nicht damit zufrieden geben, in Deutschland gültige Vorgaben zu erarbeiten. Mit einer vergleichbaren Gruppe in Australien gibt es schon eine Kooperationsvereinbarung. Auch in Großbritannien gebe es Überlegungen, die mit denen hierzulande vergleichbar seien, berichtet Altenhöner. Netzwerke wie Nestor“ bauten sich außerdem in den Niederlanden, Frankreich, Italien und der Tschechischen Republik auf. Nötig ist eine europäische Allianz“, meinen Altenhöner und Jehn.
Ein Handbuch zur Arbeit an Nestor
Die Suche nach einer solchen Allianz hält die Datenschützer aber nicht davon ab, in Deutschland für ihre Arbeit zu werben. Schon mehrere Veranstaltungen hat Nestor“ organisiert. In Frankfurt findet die nächste am Donnerstag, 25. Oktober, im Architekturmuseum statt. Dort will die Initiative ein Handbuch mit Aufsätzen zu technischen und rechtlichen Aspekten der Langzeitarchivierung vorstellen. Außerdem möchte Carolina Romahn, Kulturamtsleiterin der Stadt, entsprechende Bemühungen des Kulturdezernats schildern, die den Museen in Frankfurt zugute kommen sollen.
Die Nestor“-Initiative wird bis zum Jahr 2009 vom Bundesforschungsministerium finanziert. Jehn rechnet damit, dass danach eine Gruppe von Institutionen die Trägerschaft übernimmt. In der Deutschen Nationalbibliothek könnte es dann zum Beispiel eine Geschäfts- und Beratungsstelle geben“, sagt Altenhöner. Schließlich, so sieht es auch Jehn, gehe es um nichts weniger als um die Bewahrung des kulturellen Erbes“.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Dieter Rüchel