Bildung

Studenten und Schüler proben "sozialen Ungehorsam"

Studenten blockieren Straßen

Studenten blockieren Straßen

01. Dezember 2006 Rebekka ist die Kleinste unter den Demonstranten. Vielleicht gibt sich die elf Jahre alte Gesamtschülerin deshalb Mühe, lauter zu schreien als alle anderen. „Bildung für alle, und zwar umsonst!“ ruft die Blondhaarige in der ersten Reihe des Demonstrationszugs mit inzwischen heiserer Stimme den vorausfahrenden Polizisten zu.

Hinter ihr fordern am Donnerstag nachmittag mehrere hundert Schüler und Studenten im Sprechchor „Freie Bildung“ und Widerstand gegen „Sozialabbau im ganzen Land“. Mit dem von Studenten der Goethe-Universität organisierten Protestzug durch die Innenstadt wollen die Demonstranten vor allem die Einführung der längst beschlossenen Studiengebühren verhindern.

„Gesamtgesellschaftliches Problem“

Während einer Versammlung auf dem Universitätsgelände in Bockenheim hatte zuvor ein Redner mit dunkler Sonnenbrille zum „sozialen Ungehorsam“ aufgefordert. Der „Sprecher des Protestplenums gegen Studiengebühren“ bestimmt neben Rebekka und anderen in der ersten Reihe den Weg der Demonstranten. Mit schnellem Schritt steuern sie auf den Hauptbahnhof zu. Dort hatten Studenten am 1. November den Bahnverkehr behindert. Die Polizei hält sich deshalb mit Dutzenden Fahrzeugen in der Ferne bereit.

Von der Taunusanlage biegt der Protestzug aber in die Berliner Straße ab. Die Demonstranten blockieren kurz die Straßenbahngleise auf dem Willy-Brandt-Platz und laufen anschließend zielstrebig über die Kurt-Schumacher-Straße. Für die Polizei offenbar unerwartet sind die Gebäude der Arbeitsagentur das erste Ziel der Schüler und Studenten. Einige von ihnen marschieren hinein, um vom Dach aus ein rund zehn Meter langes Transparent an der Fassade zu befestigen. „Standort, Standort über alles“ ist auf dem Stoffplakat zu lesen. Wie der AStA der Universität später mitteilt, soll die Parole darauf aufmerksam machen, „daß Studiengebühren ein gesamtgesellschaftliches Problem sind“.

Straßenverkehr kommt zum Erliegen

Als vor dem Eingang zur Arbeitsagentur Polizisten eine Kette bilden und Schlagstöcke in die Hand nehmen, verlassen die Demonstranten das Gebäude freiwillig. Sie laufen über die Kurt-Schumacher-Straße abermals in Richtung Hauptbahnhof. Währenddessen verliert eine Polizistin am Rand des Protestzugs für einen Moment die Kontrolle über ihr Motorrad. Das Fahrzeug erfaßt einen 67 Jahre alten Mann, er muß mit Verletzungen an einer Hand in ein Krankenhaus gebracht werden. Die Eingänge zum Hauptbahnhof hat die Polizei mit starken Kräften abgeriegelt. Nur der Straßenverkehr kommt wegen der Demonstration stellenweise zum Erliegen. Züge sind nach Angaben der Polizei nicht betroffen.

Vertreter von Schülern und Studenten werten den Protesttag anschließend als Erfolg. Während sie von 1000 Demonstranten sprechen, schätzt die Polizei die Zahl der Teilnehmer auf rund 300. Unter ihnen sind zahlreiche Schüler der Integrierten Gesamtschule Nordend. Ihre Schülervertretung hatte zuvor beschlossen, den Unterricht am Donnerstag vormittag zu boykottieren. Nach Angaben von Schulleiterin Konstanze Schneider sind die meisten von ihnen aber dann doch gekommen. Vor allem ältere Schüler hätten mit Zustimmung der Lehrer über politische Themen diskutiert.

Text: heva., F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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