Von Hans Riebsamen
20. Juni 2007 Es ist eine schwierige Reise für Ruth Dresner. Fast 70 Jahre nach ihrer erzwungenen Emigration ist sie auf Einladung der Stadt für zwei Wochen nach Frankfurt zurückgekehrt. Jetzt blickt sie in einem kahlen Klassenraum des Goethe-Gymnasiums in Neu-Isenburg auf vier Dutzend Schüler und soll von ihrer Flucht aus Frankfurt und ihrem Leben in New York erzählen.
Ich spreche Deutsch, ich verstehe Deutsch, aber Englisch fällt mir leichter“, sagt sie den Zehntklässlern. Kein Wunder, schließlich war sie acht Jahre alt, als sie mit ihrer Familie der Judenverfolgung in Deutschland entkam. Die Vereinigten Staaten sind ihre neue Heimat geworden, Englisch ist die eigentliche Muttersprache der Sozialarbeiterin, die noch mit 77 Jahren ihrem Beruf nachgeht.
Flucht in die Vereinigten Staaten
Am 1. Mai 1938 sind sie, ihre Eltern und ihr Bruder mit dem Zug über die niederländische Grenze gefahren. Daran erinnert sich Ruth Dresner noch genau. Ihr Vater, zuvor ein angesehener Chirurg am Rothschild-Hospital mit gutgehender eigener Praxis in Sachsenhausen, hatte seine Kippa aufgesetzt und sprach gerade die Morgengebete, als ein Schaffner das Abteil betrat. Voller Schrecken dachte die kleine Ruth, jetzt werde die Ausreise noch im letzten Moment scheitern. Doch es stellte sich heraus, dass es ein holländischer Schaffner war, zudem ein Jude. Die Erinnerung an diesen Moment, da die Familie wusste, dass sie in Freiheit ist, wühlt Ruth Dresner heute noch auf. Vor den Schülern muss sie einen Augenblick innehalten, um ihre Tränen zu trocknen.
Schon einmal auf ihrer Reise nach Frankfurt hat sie die Tränen nicht zurückhalten können. In der Universitätsbibliothek in Bockenheim. Dort hat ihr die Bibliothekarin Rachel Heuberger einige Kladden gezeigt, in die Aron Freimann, der damalige Leiter der Hebraica- und Judaica-Sammlung der Frankfurter Stadtbibliothek, in feiner Handschrift die neu eingegangenen Titel eingetragen hat. Diese Sammlung war auf dem europäischen Kontinent die bedeutendste ihrer Art, nur jene in Oxford war noch besser ausgestattet. Aron Freimann, der diesen Schatz zusammengetragen hat, war Ruth Dresners Großvater.
Im Gegensatz zu anderen Verwandten von Ruth Dresner hat Freimann im letzten Moment das rettende Ufer des nordamerikanischen Kontinents erreicht, nämlich knapp vor Kriegsbeginn. Am 20. März 1939 erteilte der Reichsminister des Inneren die Erlaubnis, dass Bibliotheksrat a. D. Aron Freimann seinen Wohnsitz für die Dauer von zwei Jahren nach den Vereinigten Staaten von Amerika verlegt“.
Bekanntschaft mit dem späteren Papst
Bibliotheksrat a. D. war ein Euphemismus. Denn Freimann war als Jude am 30. März mit sofortiger Wirkung bis auf weiteres“ von seiner Tätigkeit in der Stadtbibliothek – sie war dort beheimatet, wo heute das neue Literaturhaus steht – beurlaubt worden, am 4. April musste er die Bibliotheksschlüssel abgeben. Das berüchtigte Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“, das Nichtarier“ vom öffentlichen Dienst ausschloss, wurde erst drei Tage später erlassen. Doch Frankfurts NS-Oberbürgermeister Friedrich Krebs hatte in vorauseilendem Gehorsam die jüdischen Beamten und Angestellten der Stadt schon vorher gefeuert. Zwei Jahre zuvor, am 5. August 1931, hatte der demokratisch gewählte Oberbürgermeister Ludwig Landmann dem Bibliothekar zu dessen 60. Geburtstag noch ein Telegramm mit den herzlichsten Glückwünschen“ geschickt.
Der Vatikan habe ihrem Großvater geholfen, erzählt Ruth Dresner. Der Vatikan? Die Schüler im Goethe-Gymnasium schauen fragend. Weshalb sollte der Vatikan einem Bibliothekar aus Frankfurt die Flucht aus Nazi-Deutschland ermöglicht haben? Doch die Geschichte ist eigentlich noch toller: Der Papst persönlich hat sich für Aron Freimann eingesetzt. In jungen Jahren hatte dieser auf einer seiner Studienreisen in der Bibliothek Ambrosiana in Mailand den dortigen Bibliothekar Kardinal Achille Ratti kennengelernt, der später Papst wurde und als Pius XI. in die Geschichte einging. Und schon 1908 hatte der Vatikan beim hiesigen Magistrat angefragt, ob Frankfurt Aron Freimann für ein halbes Jahr beurlaube, damit dieser den Katalog der hebräischen Handschriften der Vatikanischen Bibliothek zum Druck vorbereiten könne. Frankfurt lehnte die Bitte ab, Freimann sei unabkömmlich, hieß es.
Der Frankfurter Bibliothekar half dennoch während seiner Urlaube, Ordnung in die Vatikanische Bibliothek zu bringen. Nach seiner Entlassung ermöglichte ihm die Tätigkeit in Rom, das, was ihm in Frankfurt verwehrt war, nämlich ein Einkommen zu erzielen: Bei seinen Aufenthalten in der Vatikan-Bibliothek kam er mehrmals mit Pius XI. zusammen, der lange Fachgespräche mit ihm führte. Weil diese Treffen nicht offiziell waren, musste sich Freimann nicht, wie es das Protokoll sonst forderte, vor dem Papst niederknien – eine Geste, die ihm als streng orthodoxen Juden kaum möglich gewesen wäre.
Sammlung Jüdischer Studien ist erhalten
Als es 1939 für die deutschen Juden nur noch darum ging, ein Visum und einen Platz auf einem Schiff zu bekommen, verschaffte der Vatikan Freimann eine Einreisegenehmigung in die Vereinigten Staaten. In der Judaica-Abteilung der New York Public Library konnte der mittlerweile Siebzigjährige seine bibliothekarische Arbeit fortsetzen. Prof. Freimann is the greatest living authority in the fields of Jewish bibliography“ – mit dieser Begründung kam ein jüdischer Hilfsfonds für sein Gehalt auf.
Freimann, über Jahrzehnte der bedeutendste jüdische Bibliothekar Deutschlands, lebt nur noch in den Erinnerungen seiner Enkeltochter Ruth Dresner und einiger Fachleute. Vergessen ist auch, dass dieser Aron Freimann der letzte Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Frankfurts vor deren Auslöschung im Holocaust gewesen ist. Geblieben ist seine Sammlung. Genauer gesagt: die halbe Sammlung. Denn die Hebraica, die Bücher und Traktate in hebräischer Sprache und Schrift sind größtenteils im Krieg verbrannt, während die Judaica, die in Jiddisch, Deutsch oder einer anderen modernen Sprache verfassten Bücher zum Judentum, erhalten blieben.
Sie bilden den kostbaren Kern der Sammlung Jüdischer Studien“ an der Frankfurter Universitätsbibliothek, der zentralen Sammlung zu diesem Fachgebiet in Deutschland. Vielleicht nutzt in ein paar Jahren der eine oder andere Schüler, der in dem schmucklosen Klassenzimmer in Neu-Isenburg Ruth Dresners Lebensbericht lauschte, diese Fachliteratur.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Michael Kretzer
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