NPD-Demonstration

„Was richtet ihr hier an?“

Von Michael Wittershagen

21. Oktober 2007 Es ist kurz nach halb zwei, als eine Frau mit kurzen grauen Haaren die Arme nach oben reißt, einige Schritte nach vorn geht und brüllt: „Meine Eltern sind im Krieg gestorben. Was richtet ihr hier eigentlich an?“ Sie will gar keine Antwort, nur eine Reaktion. Der Mann ihr gegenüber sieht hilflos auf den Asphalt, er schweigt und überlegt einige Sekunden, bevor er ein paar Worte hervorpresst: „Manchmal ist es besser zu kämpfen, als asozial dahinzusiechen.“ Sein Name ist Marcel Wöll, er ist Mitte zwanzig, Landesvorsitzender der NPD und wurde kürzlich zu vier Monaten Haft ohne Bewährung wegen Volksverhetzung verurteilt.

Am Westbahnhof, dem Treffpunkt der Rechtsextremen. haben viele Anwohner die Rollläden runtergelassen - wohl aus Angst oder damit sie nicht sehen müssen, was vor ihren Häusern passiert. Knapp einhundert NPD-Anhänger sind gekommen, sie tragen schwarze Sonnenbrillen, Lederhandschuhe, Kapuzenpullover, Bomberjacken und Plakate, hinter denen sich einige verstecken. Fünf Frauen sind dabei, einige Rentner, die meisten aber sind unter 30. Eigentlich wollten sie längst unterwegs sein in Richtung Hausen, um gegen den Bau einer Moschee der schiitischen Hazrat-Fatima-Gemeinde zu protestieren. Aber sie stehen noch immer. Und dann geht auch noch die Musik aus. Ein Polizist hat den Mp3-Player aus dem Lautsprecherwagen beschlagnahmt. Es soll geprüft werden, ob die Lieder verfassungswidrig sind.

Strecke weiträumig abgesperrt

Es wird also ein Schweigemarsch eigener Art, vorbei an leeren Bürohäusern, leeren Imbissbuden und abgesperrten Tankstellen. „Seit 5.30 Uhr ist hier nur die Polizei aufs Gelände gefahren“, sagt der Besitzer und schaut fassungslos in die Gesichter der NPD-Anhänger. Einer von ihnen ist auf weißen Socken unterwegs, weil er seine Springerstiefel bei der Polizei abgeben musste. Manchmal brüllen sie ihre dumpfen Parolen, es sind die immergleichen Sätze. „Nazis raus!“, schreien Menschen von ihren Balkonen, einige haben Plakate an den Brüstungen befestigt.

Nur wenige kommen den Anhängern der NPD so nahe, dass sie ihnen in die Gesichter blicken können. Die Polizei hat die Strecke weiträumig abgesperrt und beinahe 150 Fahrzeuge abschleppen lassen. Am Rand der Ludwig-Landmann-Straße steht ein Mann mit Bart. Er weiß nicht, wie er es trotz der Absperrungen bis dorthin geschafft hat. Zuerst sagt er leise: „Es ist ein Skandal, dass diese Meute hier marschieren darf.“ Dann brüllt er: „Haut endlich ab!“

Am Fischsteinkreisel, dem Standort der geplanten Moschee, sind sie am Ziel. Studenten hocken auf dem Dach ihres Wohnheims gegenüber oder stehen an den Fenstern. Sie tröten und trillern, sie schreien und drehen die Stereoanlage auf. „Wenn hier nichts gegen das linke Gesindel unternommen wird, muss ich eben dagegen anbrüllen“, sagt Jürgen W. Gansel, der Hauptredner der NPD und Abgeordneter im Sächsischen Landtag. Man versteht ihn kaum.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 21.10.2007, Nr. 42 / Seite R1
Bildmaterial: F.A.Z. - Rainer Wohlfahrt

 

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