Flughafen Heathrow

Wie ein Nilpferd verpackt sein muss

Von Johannes Leithäuser, London

Eine Ladung Schildkröten am Flughafen Heathrow ist mit Nummern auf dem Panzer registriert

Eine Ladung Schildkröten am Flughafen Heathrow ist mit Nummern auf dem Panzer registriert

13. März 2009 Die marokkanischen Schildkröten tragen große weiße Nummern auf ihrem Hornpanzer, als gehörten sie alle zur selben Fußballmannschaft. Sie schieben sich eng aneinander auf dem kahlen Betonboden, träge und eher unbehaglich. Die sibirischen Goldfinken hingegen, etwas weiter den Gang hinab untergebracht, führen eine lebhaft zwitschernde Unterhaltung, allemal laut genug, um die Flughafengeräusche draußen zu übertönen.

Die meisten Passagiere, die jedes Jahr in London-Heathrow landen, kommen nicht am neuen Terminal 5 an, auch nicht an den älteren Abfertigungsgebäuden 1 bis 4. Sie betreten britischen Boden in einem unauffälligen Backsteinbau am südlichen Flughafenzaun - wobei die Fortbewegungsformulierung nicht in allen Fällen korrekt ist. Fast 30 Millionen Fluggäste sind in den vergangenen zwölf Monaten herbeigeschwommen, viele Millionen weiterer Einreisender krabbeln, kriechen oder hüpfen.

Alles, was schwimmt, läuft und sich schlängelt

Besonders häufig treffen im Tierempfangszentrum Reptilien ein, 140.000 sind es schonmal in einem Jahr

Besonders häufig treffen im Tierempfangszentrum Reptilien ein, 140.000 sind es schonmal in einem Jahr

Das Tier-Empfangszentrum des Flughafens Heathrow vermerkt in seiner Ankunftsstatistik für den jüngsten Zwölfmonatszeitraum neben den vielen Fischen und Wirbellosen noch 140.000 Reptilien, 378 Mäuse und Ratten, 349 Pferde, einen Ameisenbär, diverse Otter, einen Bengalischen Tiger, zwei Schneeleoparden, 25 Biber, 175 Alpakas. Die Alpakas seien gerade in Mode, sagt Rob Quest, einer der beiden Chefs der Veterinärbehörde. Vor zehn Jahren, schätzt er, hätten wahrscheinlich eher ein paar Dutzend Vogel Strauße auf der Liste gestanden - damals probierten viele englische Bauern die Idee einer Straußenfarm aus.

Quest fungiert als Noah dieser Transitarche am Flughafen, die rund um die Uhr für landende Tiere geöffnet ist, jeden Tag im Jahr. Alles, was schwimmt, läuft und sich schlängelt, von anderen Kontinenten nach Europa (genauer in die Europäische Union) einreist und dabei den Weg über den Flughafen Heathrow nimmt, wird von Rob und seinen Kollegen empfangen, kontrolliert und mit Papieren versehen. Zwei weitere, ähnliche Empfangszentren arbeiten auf dem europäischen Kontinent: eines in Amsterdam-Schiphol, das andere in Frankfurt am Main. Robs wichtigste Arbeitsmittel sind neben Computer und Kugelschreiber auch Hammer und Schraubenzieher. Die erste Kiste, die er an diesem Morgen öffnet, enthält Schlangen, Königspythons aus Accra. Der Transport ist von Ghana nach Spanien vorgesehen. Rob sieht den Plastiksäcken in der Sperrholzkiste schon von außen an, dass die klumpigen Körper, die darin verpackt sind, sich als Pythons entpuppen werden.

Transportvorschriften für Nilpferde

Immer mehr Reptilien werden nach Europa verschickt, stellt der Empfangschef für die Tiereinreise fest: nicht nur Schlangen, auch Eidechsen, Warane, Kaimane, sogar Krokodile. Zwei Gründe findet er dafür: Mit dem Zoohandel über das Internet lassen sich zum einen auch Wünsche nach ausgefallenen Kuscheltieren viel müheloser erfüllen, und zweitens sind Reptilien simpel per Luftfracht zu verschicken. Bis zu 72 Stunden dürfen sie ohne Futter und Wasser in der Versandkiste zubringen. Quest prüft bei der Ankunft in Heathrow nicht bloß, ob die Transportzeit eingehalten ist und die Artenangabe auf den Speditionspapieren mit den Inhalten übereinstimmt. Er nimmt auch die Verpackung in Augenschein. Auf seinem Schreibtisch im Bürotrakt des „Reception Centre“ liegt ein telefonbuchdicker Wälzer der Internationalen Luftfahrtagentur, der die Transportvorschriften für „lebende Tiere“ zusammenfasst. Darin wird beschrieben, wie ein Nilpferd verpackt sein muss, bevor es ins Flugzeug gehievt wird, und wie viele Luftlöcher die Transportkiste für Menschenaffen braucht.

Im Büro guckt Quest bei der Arbeit ein ausgestopfter Seehund vom Regal herab zu. Er teilt sich den Raum mit einer großen präparierten Wasserschildkröte und mit allerlei Schlangen im Glas, die in einer Alkohollösung schwimmen - alles Kadaver, die der britische Zoll aus dem Reisegepäck gefischt und im Ankunftsterminal für Tiere abgegeben hat. Auch lebendige Schmuggelware wird eingeliefert - die numerierten Schildkröten und die Finken zählen dazu. In den weitläufigen Quarantäneräumen hinter der Kontrollhalle hält Rob gegenwärtig auch drei Ringschwanzlemuren, die am Dubliner Flughafen aufgegriffen und nach Heathrow geschickt wurden, und drei ausgewachsene majestätische Aras.

Quarantänezellen für Hunde und Katzen

In allen diesen Aufbewahrungsfällen ist entweder der Handel mit den betreffenden Tieren nach dem Artenschutzabkommen untersagt oder - wie beim Handel mit Wildvögeln - nach europäischen Richtlinien verboten (wegen der Vogelgrippe), oder es muss nach britischem Recht eine sechs Monate währende Quarantäne eingehalten werden. Die letzte Regel gilt beispielsweise für die kleine Spitzmaus, die nicht der Zoll, sondern eine Urlaubsrückkehrerin aus dem Süden entdeckte, als sie zu Hause ihren Koffer öffnete. Die Spitzmaus verbringt jetzt in Rob Quests Terminal ein halbes Jahr im Quarantäneasyl, anschließend muss er einen Tierpark oder einen Kleintierzoo für sie finden - „wenn sie dann noch lebt“. Um die Schildkröten und die beschlagnahmten Finken kümmert sich die Zollverwaltung. Ein eigener „Eingewöhnungsbeamter“ sucht für sie neue Unterbringungen, sobald die Schmuggelverfahren abgeschlossen sind.

Auch Ameisenbären mussten schon untergebracht werden (Archivfoto)

Auch Ameisenbären mussten schon untergebracht werden (Archivfoto)

Die Quarantänezellen für Hunde und Katzen stehen seit einigen Jahren häufiger leer. Seitdem zuerst innerhalb Europas, dann auch im Reiseverkehr mit Nordamerika und Australien die sogenannte „Haustier-Reiseverkehrsregelung“ (pet travel scheme) gilt, müssen Haustiere, die mit Microchips und den vorgeschriebenen Impfungen versehen sind, nach ihrer Einreise nach Großbritannien keine Quarantänezeiten mehr überstehen. Als Rob Quest durch die Gasse der Hundeställe geht, findet er an diesem Morgen nur zwei besetzt: In einem hausen zwei fröhliche Pudel, die im Transit von Sydney nach Lagos für einige Stunden hier untergebracht sind, im anderen Stall steckt ein Mastiff-Welpe: Den hat die Fluggesellschaft, mit der er verreisen sollte, hier für zwei Tage deponiert, weil er noch nicht das vorgeschriebene Reisealter von 18 Lebenstagen hatte.

Die Futterküche ist auf jeden Geschmack vorbereitet

In der Funktion einer Quarantänestation liegt der Ursprung des Tier-Terminals von Heathrow; das ist auch der Grund dafür, dass der Arbeitgeber Quests und seiner Tierpfleger nicht die Flughafenverwaltung oder die Grenzpolizei ist, sondern die ehrwürdige City of London. Das ist jene achthundert Jahre alte Stadtrepublik, die eigentlich bloß über das Banken- und Büroviertel der Innenstadt herrscht, über knapp zweieinhalb Quadratkilometer, auf die sich das mittelalterliche London einst beschränkte. Aber die seit diesen Zeiten ununterbrochen agierende City-Verwaltung, die auch für den Unterhalt der London Bridge und für das Hafenreglement der Themse zuständig ist, hat ebenfalls seit 150 Jahren Erfahrung mit Einreisekontrollen für Tiere. Noch länger zurück reiche die Quarantänepraxis für Menschen, berichtet Quest, der auf seinem Dienstpullover an der rechten Brustseite das Wappen der City eingestickt trägt. Im Wappen steckt auch das einzige Tier, das dem Chef des Tier-Terminals kaum je lebendig unter die Augen kommen wird: Zwei geflügelte Drachen halten den Schild mit einem Georgskreuz.

Die Quarantänezellen für Hunde und Katzen stehen seit einigen Jahren häufiger leer, weil die Haustiere meist die vorgeschriebenen Impfungen haben

Die Quarantänezellen für Hunde und Katzen stehen seit einigen Jahren häufiger leer, weil die Haustiere meist die vorgeschriebenen Impfungen haben

Von solchen Wesen abgesehen, richtet sich Rob auf alle möglichen Begegnungen ein. Vor einiger Zeit waren zwei Löwen da, die auf ihre Repatriierung nach Afrika warteten. Einen Gorilla hat er einst für mehrere Wochen beherbergt - samt seinem Pfleger. Der Gorilla war von einem Zoo zum anderen unterwegs und brauchte einen Vertrauten als Reisebegleiter. Quest erzählt auch von den zwei Dutzend Lipizzanern der Spanischen Hofreitschule aus Wien, die zu Beginn einer England-Tournee auf seinem Hof standen und die er anhand von Fotos ihren Gesundheitszeugnissen hätte zuordnen sollen: „Ein bisschen schwierig bei Pferden, die alle weiß sind und gleich aussehen.“

Wie umfassend international sich das Heathrower Empfangszentrum auf alle möglichen Gäste vorbereitet, offenbart ein Blick in die Futterküche. Da hängen Speisepläne für alle erdenklichen Tierarten an der Wand, alphabetisch geordnet. Unter P findet sich etwa der Hinweis „Polar Bear: roher Fisch, rohes Fleisch“ - damit der Tierpfleger vom Dienst schnell nachsehen kann, falls eines Nachts überraschend ein hungriger Eisbär ankommen sollte. Rhinozerosse hingegen verzehren „gemischtes Gemüse“, Numbats (australische Ameisenbeutler) brauchen Termiten oder Ameisen. „Die könnten wir nicht so schnell servieren“, gesteht Rob Quest. Weiter unten in der Tabelle steht die Zeile: „Vampire (Fledermäuse): Blut“.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

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