Von Stefan Toepfer
19. November 2006 Ihr Kalender ist etwas Besonderes: Er hat einen Feiertag mehr als andere, den 8. April. Es ist, als wäre sie an diesem Tag ein zweites Mal geboren worden, denn an ihm hat sie ihre schreckliche Sucht in den Griff bekommen. Am 8. April 2004 war sie zum letzten Mal nach einem Eßanfall ins Bad gegangen, um sich zu übergeben. Sie konnte während einer Therapie den jahrelangen Kreislauf von übermäßigem Essen und Brechen endlich verlassen.
Bulimie, Eß-Brech-Sucht, heißt die Krankheit, an der die heute Zweiundzwanzigjährige litt. Ihren Namen mag sie nicht in der Zeitung lesen. Anna Mehler, so soll sie heißen, wohnt zwar nicht mehr bei ihren Eltern, hat ihren Heimatort im Taunus verlassen, ein Pädagogikstudium begonnen. Aber sie möchte nicht, daß jemand ihre Eltern auf die Zeit der Krankheit und Therapie anspricht, zumal Bulimie ihre Ursache in aller Regel in einem familiären Konflikt hat.
Drei- bis zehnmal am Tag habe ich mich übergeben
Um so offener spricht sie heute über die schweren Jahre der Bulimie. Sie begann, als Anna 15 Jahre alt war. Immer mehr wuchs sie sich aus, doch Anna verstand, sie geheimzuhalten. Es fing damit an, daß ich morgens nur noch ein Toastbrot aß und danach den ganzen Tag lang nichts mehr. Anfangs erbrach sie das, was sie aß, indem sie sich den Finger in den Hals steckte. Dann begannen die Eßattacken, einen ganzen Brotlaib konnte sie dann essen. Drei- bis zehnmal am Tag habe ich mich übergeben. Abgesehen davon, daß der Körper dadurch extrem belastet wird, kamen massive Versagens- und Schuldgefühle und ein enormer Selbsthaß hinzu. Die Freßanfälle sind wie ein Rausch. Wenn ich mich nach dem Brechen im Spiegel angeschaut habe, habe ich mich vor mir selbst geekelt. Sie fing an, sich selbst zu schlagen, an den Armen, den Beinen, am Kopf. So groß war ihre Wut.
Beate Kunze kennt viele junge Mädchen mit Eßstörungen. Die Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin sieht die Ursachen dafür in den frühen Erfahrungen ihrer Patientinnen. Ihre Mütter hätten die Töchter mit einer gewissen Ambivalenz zur Welt gebracht und die bedürftigen Babys später oft als aggressiv erlebt, etwa, weil sie extrem viel schrieen. Viele dieser Mädchen haben dann im Alter zwischen zwei und zweieinhalb Jahren keine Trotzphase wie andere Kinder. Ambivalente Gefühle zu den Eltern könne sie nicht in die Beziehung einbringen, so daß die frühe Ablösung von den Eltern mißlingt.
Diese Mädchen paßten sich sehr früh an, aus Angst, ihre Mütter zu enttäuschen, erläutert Kunze. Dieser Konflikt wiederhole sich in der Pubertät, wenn es wieder um die Ablösung von den Eltern gehe. In dieser Zeit muß es geradezu zu Konflikten in der Familie kommen, um sich ablösen zu können, sagt Kunze. Jugendliche aber, die ihre Aggressionen gegenüber den Eltern nicht äußern könnten, weil sie überangepaßt seien, spalten die aggressiven Gefühle ab und wenden sie gegen sich selbst. Gerade bei jungen Mädchen kann es zur Eß-Brech-Sucht kommen.
Mit 17 Jahren war ich vollkommen fertig
Kunze ist dem Institut für analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie in Frankfurt verbunden. Zugunsten einer verstärkten Arbeit mit Ratsuchenden bittet diese Zeitung ihre Leser in diesem Jahr um Spenden, denn das Kinderinstitut soll erweitert werden. In dessen Ambulanz kommen immer wieder bulimische Jugendliche. Dort wird überlegt, wie eine Therapie aussehen kann, Kinder und Jugendliche werden an Therapeuten vermittelt.
Zu Kunze kam Anna Mehler auf einem anderen Weg: über eine Migräneklinik, denn sie litt auch unter starken Kopfschmerzen. Mit 17 Jahren war ich vollkommen fertig, sagt sie. Die Belastung war so groß geworden, daß sie einen Nervenzusammenbruch erlitt. Ich habe mir sogar überlegt, ob ich mir das Leben nehmen soll. Es war so weit, daß sie sich ihrer Mutter anvertraute - erzählt hat sie ihr aber längst nicht alles. Wegen der Kopfschmerzen kam sie in die Klinik. Meine Eltern wußten zwar, daß ich auch Eßprobleme hatte, reden konnten wir darüber nie. In der Klinik bekam sie eine Liste mit Adressen von Therapeuten. Die Behandlung, die Anna als Siebzehnjährige begann, sollte dreieinhalb Jahre dauern.
Bulimie beginnt oft mit einer Magersucht, sagt Kunze. Vieles kommt bei den Mädchen zusammen: Neben der mangelnden Ablösung von den Eltern und den unterdrückten Aggressionen entwickeln sie in der Pubertät eine innere Angst davor, wie die Mutter auszusehen, eine Identität als Frau zu entwickeln. Deswegen versuchen sie, ihren Körper unter Kontrolle zu bringen, und hungern. Die Mädchen haben Angst, ihre Mutter zu verlieren, weil sie erwachsen werden, und gleichzeitig Angst, von ihr abhängig zu bleiben. Bei Anna spielte auch der Vater eine wichtige Rolle. Er war als Kind ziemlich dick. Später hat er zwar abgenommen, aber er hatte ziemliche Probleme damit. Ich dachte immer, ich esse zuviel, wegen der Kontrolle durch meinen Vater.
Eine Aufgabe fürs ganze Leben
So fing die Tortur langsam an. Vom Taschengeld kaufte sie sich Essensvorräte, um sie verschlingen zu können, wenn ihr danach war. Das Geld brauchte sie auch für Diätpillen, die sie rezeptfrei in der Apotheke bekam. Schwierig war das nie, sie hatte genügend Lügen parat, um sie zu bekommen. Um Ausreden war sie nie verlegen, begründete ihren Gewichtsverlust zum Beispiel mit Sport, den ich jetzt treibe. Weniger als 50 Kilo wog die 1,71 Meter große Frau in der schlimmsten Suchtphase. Heute wiegt sie 69 Kilo. Anders als die Magersucht, deren Folgen man schnell sieht, kann eine Bulimie von den Jugendlichen lange verheimlicht werden, sagt Kunze. Wichtig ist, daß Jugendliche zu einer Therapie kommen, bevor sich die Sucht verfestigt.
Zweimal in der Woche ging Anna zur Therapie. Vieles habe ich dort zum ersten Mal erzählt und mußte viel weinen. Kunze weiß, daß es lange dauern kann, bis Patientinnen ausführlich und ehrlich über ihre Sucht berichten, denn Bulimie ist mit starken Schamgefühlen verbunden. Einfach abschalten lasse sich die Sucht nicht, wie eine Patientin es einmal gewünscht habe. Ich muß den Jugendlichen harte Arbeit zumuten.
Aufgehört zu brechen hat Anna Mehler nach zwei Jahren Therapiezeit. Sie hat viel über sich und ihr Verhältnis zu ihren Eltern erfahren. Ich habe mich immer mehr mit mir selbst angefreundet und gelernt, mich abzugrenzen. Die Therapie habe ihr geholfen, ein klares Bild von sich zu entwickeln, zu lernen, was sie wolle und was nicht, wieder zu spüren, satt zu sein oder Hunger zu haben. Ganz verschwunden ist das Bedürfnis nach Eßattacken nicht, aber es wird immer schwächer, und ich kann nun gut damit umgehen. Die meisten beenden die Therapie mit einer großen Aufgabe fürs ganze Leben, sagt Kunze. Anna Mehler hat sich ihr gestellt, will jetzt alleine klarkommen. Ihre harte Arbeit in der Therapie hatte Erfolg. Für die junge Frau Grund genug für ein jährliches Fest - auch am nächsten 8. April.
Spendenaktion F.A.Z.-Leser helfen
Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und die Frankfurter Allgemeine / Rhein-Main-Zeitung bitten um Spenden, die dem Frankfurter Caritasverband und dem Sigmund-Freud-Institut, zusammen mit dem Institut für analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie in Hessen, zugute kommen.
Spenden für das Projekt F.A.Z.-Leser helfen bitte auf die Konten:
Nummer 11 57 11 bei der Frankfurter Volksbank (BLZ 501 900 00).
Nummer 97 80 00 bei der Frankfurter Sparkasse (BLZ 500 502 01).
Die Namen der Spender werden in der Zeitung veröffentlicht. Selbstverständlich wird auch der Wunsch respektiert, auf eine Namensnennung zu verzichten. Spenden können steuerlich abgesetzt werden. Allen Spendern wird, sofern die vollständige Adresse angegeben ist, eine Spendenquittung zugeschickt.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 19.11.2006, Nr. 46 / Seite R1
Bildmaterial: F.A.Z. - Sick, F.A.Z. Helmut Fricke
Frankfurt: Entwurf für Historisches Museum nur geringfügig ![]()
Schau der Städelschule: Jeder bis zum eigenen Wahnsinn
Konzert in der Commerzbank-Arena: Madonna macht die Räume eng
Kommt es zu Rot-Grün unter Duldung der Linksfraktion?