Von Lisa Hirn
18. Juli 2007 Sechs Frauen sind heute gekommen. Und mit ihnen sechs Kinder, von denen zwei lärmend auf der Gummimatte im Stuhlkreis spielen und vier in den Armen ihrer Mütter liegen – sie sind noch klein, nicht einmal ein Jahr alt. Blues Sisters“ nennen sich die Frauen, Schwestern des Blues. Der Name kommt von dem Wort Babyblues“, eigentlich ist er nicht ganz passend.
Denn Babyblues steht für ein kurzes Stimmungstief nach der Geburt – die Betroffenen kämpfen manchmal einen Tag damit, manchmal ein paar Wochen. Behandelt werden muss der Babyblues nicht, der 50 bis 80 Prozent der Mütter trifft. Die Frauen dagegen, die hier auf den Stühlen im Frauengesundheitszentrum Frankfurt sitzen, kämpfen nicht mit einem kleinen Tief. Sie leiden unter einer postpartalen Depression, einer Depression nach der Niederkunft“.
Ich schämte mich so dafür
Melanie Weimer, die siebte Frau in der Runde und Gründerin der Selbsthilfegruppe, kennt die Krankheit nur zu gut: Sie litt vor rund vier Jahren unter einer postpartalen Depression. Warum die Krankheit ausgerechnet bei ihr ausbrach, kann die Einunddreißigjährige nur vermuten. Die Geburt lief ganz anders als erwartet“, sagt sie, und die Hebamme hat mich auch noch genervt gefragt, ob ich denn nicht pressen gelernt hätte.“ Sie fühlte sich allein, war verunsichert. Auch in den Tagen nach der Geburt erholte sich die blonde, schlanke Frau nicht. Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, wie es weitergehen soll.“ Nicht einmal über ihren Sohn konnte sie sich freuen.
Lange verschwieg sie diese Gedanken. Ich schämte mich so dafür und habe versucht, mir nichts anmerken zu lassen“, sagt Weimer. Erst sechs Wochen nach der Geburt vertraute sie sich einem Arzt an. Doch der erkannte nicht, woran sie litt. Der Doktor empfahl Johanniskraut und versprach, dass das Ganze irgendwann wieder vorbeigehen werde. Erst die Frau, die sie auf die Geburt vorbereitet hatte, erkannte die Krankheit und schickte Weimer zu einer Beratungsstelle.
Dann begann ein langer Weg. Gespräche, Selbsthilfegruppen, Mutter-Kind-Kur – es dauerte mehrere Monate, bis es ihr besserging, und ein Jahr, bis die Krankheit geheilt war. Es muss nicht sein, dass so viele Frauen in diese Depression rutschen – und so lange damit kämpfen“, sagt Weimer. Damit manche den Kampf schneller gewinnen können, gründete sie die Blues Sisters“.
Hilfe bei den Blues Sisters
Von Erschöpfung bis Traurigkeit, von Angst bis Panik, von Gereiztheit bis zu Selbstmordgedanken – die Symptome können unterschiedlich sein. Zehn bis zwanzig Prozent der Mütter sind nach der Geburt depressiv. Die Krankheit kann sich am ersten Tag zeigen oder nach Monaten; beim ersten Kind oder beim achten: Das habe ich alles schon erlebt“, sagt Weimer. Manchmal verläuft die Depression so schlimm, dass eine Mutter den Kontakt zur Realität verliert. Eine solche Psychose muss in einer Psychiatrie behandelt werden.
Eva Habermann hat es ziemlich schwer getroffen. Sie leidet zwar nicht unter einer Psychose, nimmt aber dennoch Medikamente. Die postpartale Depression erwischte sie unmittelbar nach der Geburt ihres ersten Kindes. Ihren richtigen Namen nennt die dunkelhaarige Achtunddreißigjährige nicht. Es ist noch nicht lange genug her, dass sie ein scheußlicher Gedanke plagte, der immer wieder in ihrem Kopf auftauchte: Vielleicht tue ich mir oder meinem Sohn etwas an.“
Es fing mit dem Stillen an – nach einer sehr schweren Geburt. Vier Wochen ging es Habermann schlecht, dann kamen drei gute Wochen, und schließlich packte die Depression die Frau mit voller Kraft. Das ging so weit, dass ich Angst davor hatte, mit meinem Sohn allein zu sein.“ Immer wieder fragte sie sich, warum sie überhaupt Kinder gewollt hatte. Bei den Blues Sisters“ fand sie erste Hilfe. Und sie fing an, Antidepressiva zu nehmen, gab das Stillen auf. Das fiel mir schwer.“ Als ihr Sohn deshalb Verstopfung bekam, fühlte sie sich wieder schlecht. Doch der Rückfall blieb aus. Inzwischen bin ich froh, mich für die Medikamente entschieden zu haben: Endlich kann ich die Zeit mit meinem Sohn genießen“, sagt Habermann. Wie zur Bestätigung drückt sie ihn an sich.
Gefahr von Rückfällen
Selbsthilfegruppe, Antidepressivum, Therapie – der Weg aus der Depression ist lang. Manuela weiß das. Während der Depression war die Siebenunddreißigjährige ein anderer Mensch. Ihr Freund konnte das nicht fassen. Wenn sie dachte, sie würde ihrem heute 17 Monate alten Sohn etwas antun, zwang sie sich in eine Ecke des Zimmers und wartete, bis ihr Freund nach Hause kam.
Der fragte dann: Warum hast du es nicht einfach getan?“ Mit dieser Provokation wollte er Manuela zeigen, dass sie nie in der Lage gewesen wäre, ihrem Kind weh zu tun. Damit machte er aber alles nur schlimmer: Manuela, die ihren Nachnamen verschweigt, fühlte sich noch einsamer. Erst allmählich fängt sie sich.
Wie die anderen Frauen in der Selbsthilfegruppe auch: Inzwischen geht es der Hälfte von ihnen besser. Doch die Gefahr für Rückfälle nach einer weiteren Geburt liegt bei mehr als 25 Prozent, wie Fachleute schätzen. Melanie Weimer hat das nicht davon abgehalten, ein zweites Kind zu bekommen. Sie machte eine Weiterbildung zur Geburtsvorbereiterin und Familienbegleiterin – und bereitete sich viel gründlicher vor als auf die erste Geburt. Ihre Tochter bekam sie zu Hause. Beim zweiten Mal ging alles gut.
Wer sich über die postpartale Depression informieren möchte, kann sich unter der Telefonnummer 069/53098687 an Melanie Weimer, die Gründerin der Selbsthilfegruppe Blues Sisters, wenden oder eine E-Mail an die Adresse info@bluessisters-frankfurt.de schreiben. Mehr Informationen gibt es auch beim Frauengesundheitszentrum, Fragen werden dort unter der Telefonnummer 593528 entgegengenommen.
Antworten finden sich auch auf der Internetseite www.schatten-und-licht.de, eines Vereins, der sich mit Krisen nach der Geburt auseinandersetzt. In Frankfurt gibt es die Klinik Bamberger Hof am Oeder Weg, die Therapien für depressive Mütter anbietet. Informationen gibt es im Internet unter www.zsp-hochtaunus.de oder unter der Nummer 069/678002601.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Wonge Bergmann