Krebsbehandlung

Mit den Waffen des Körpers den Tumor bekämpfen

Von Stefan Toepfer

13. Dezember 2007 Es ärgert die Krebsärztin und Forscherin zwar, aber sie muss es zugeben: „Krebszellen sind intelligent.“ Noch können Elke Jäger, ihre Mitarbeiter am Frankfurter Nordwestkrankenhaus und jene Mediziner im Ausland, mit denen sie in Kontakt stehen, der Vielgestaltigkeit und Wandlungsfähigkeit von Krebszellen nicht vollends erklären. Aber sie forschen weiter, um die Krankheit mittels Impfstoffen bekämpfen zu können.

Es gibt schon etliche Erfolge mit dieser Art der Therapie, wie Jäger berichtet. Das gilt vor allem für Menschen, die an schwarzem Hautkrebs leiden. So konnte eine Patientin aus Mainz mittels einer Impftherapie offenbar geheilt werden: Man hatte Krebszellen von ihr angezüchtet, und eine Untersuchung im Labor zeigte, dass sie von körpereigenen Abwehrzellen bekämpft worden waren. Die Krebszellen wurden bestrahlt, der Frau wurde geimpft, und der Tumor bildete sich langsam zurück. 1984 war das – ein Meilenstein in der Forschung zur Antikrebs-Impfung, der sich Jäger intensiv widmet, gemeinsam mit ihren Mitarbeitern im Labor, für das das Nordwestkrankenhaus Räume zur Verfügung gestellt hat.

Krebszellen ziehen „eine Tarnkappe“ auf

„Es gibt eine Wechselwirkung zwischen dem Immunsystem des Menschen und Krebs, das zeigen spontane Immunreaktionen des Körpers auf die Krankheit“, sagt Jäger. „Die Frage ist, wie wir das Immunsystem stimulieren können, damit es Krebszellen unschädlich machen kann.“ Bei der Mainzer Patientin war dies gelungen. Wichtig war auch die Entdeckung des ersten sogenannten Antigens, das durch spezialisierte Abwehrzellen erkannt werden kann, im Jahr 1991; weitere wurden von Jäger und ihrem Team in den Folgejahren identifiziert.

Der Impfstoff muss in seiner Struktur so beschaffen sein, dass er genau dem Merkmal der Krebszelle gleicht. Stimulierte Abwehrzellen haben eine Erkennungsstruktur, mit der sie an der Krebszelle „andocken“ und sie beseitigen können. Allerdings haben Krebszellen sehr unterschiedliche Eigenschaften, die in intensiver Forschungsarbeit ermittelt werden müssen. „Wir wissen insgesamt noch zu wenig über diese Merkmale“, so Jäger. Außerdem können Krebszellen gegen die Immunantwort resistent werden. „Sie können ihre Merkmale ändern, wenn sie angegriffen werden. Es ist, als zögen sie eine Tarnkappe auf und machten sich unsichtbar für das Immunsystem“, schildert die Ärztin. „Dann gilt es, die Zellen durch Medikamente wieder sichtbar zu machen.“

Am besten wäre es, wenn man alle Charaktereigenschaften einer Zelle identifizieren und daraus einen Impfstoff herstellen könnte. „Aber das ist Zukunftsmusik.“ Entmutigen lassen sich Jäger und ihre Mitarbeiter am Nordwestkrankenhaus dadurch nicht. Im Labor untersuchen Julia Karbach und ihre Kollegen die Wirkung von Impfstoffen gegen den Krebs. Jäger schätzt die Verbindung der Arbeit im Nordwestkrankenhaus – sie ist dort Chefärztin der Klinik für Onkologie – und wissenschaftlicher Tätigkeit. „Das ist ziemlich selten.“ Mit Karbach, einer wissenschaftlich versierten medizinisch-technischen Assistentin, arbeitet sie schon seit 21 Jahren zusammen. Außerdem haben dort auch Mediziner der Uniklinik Gelegenheit zu forschen.

Gelder vom Ludwig-Institut für Krebsforschung

In dem Labor wird etwa anhand von Zellkulturen untersucht, wie und in welchem Ausmaß sogenannte T-Zellen – das ist eine für die Immunabwehr wichtige Gruppe von Blutkörperchen – Krebszellen angreifen. Karbach holt einen Behälter mit mehreren solcher Kulturen aus einem Wärmeschrank. Die kleinen Felder in dem Behälter sind unterschiedlich gefärbt. „Je dunkler ein Feld ist, desto mehr Angreiferzellen gibt es“, erläutert sie. Unter dem Mikroskop kann man sehen, ob Krebszellen absterben oder nicht.

Finanziert wird diese Forschungsarbeit ausschließlich durch Drittmittel und nicht von den Krankenkassen, wie Jäger sagt. Hauptförderer ist das weltweit tätige Ludwig-Institut für Krebsforschung, mit dem Jäger eng zusammenarbeitet. Das Geld dieser Einrichtung fließt so auch in die Behandlung von Jägers Patienten, die an ihren Studien zur Impftherapie teilnehmen. Etwa 25 sind es derzeit – Ursula Khalik ist eine von ihnen. „Über all die Jahre waren es rund 350“, sagt Jäger. Ihr Ziel ist, gemeinsam mit anderen Zentren größere Studien vornehmen zu können. Ihre Forschungsarbeit steht auch im Zentrum ihrer Professur an der Universitätsklinik in Frankfurt.

Die Patienten, die Jäger mittels Impftherapie behandelt, haben in aller Regel die Standardbehandlungen durchlaufen, beispielsweise eine Chemotherapie. So weit, dass eine Impfung diese Prozeduren ersetzen kann, ist es noch nicht. „Die Impfbehandlung ist noch nicht etabliert“, sagt Jäger. Ihr Vorteil bestehe aber darin, dass sie keine Nebenwirkungen habe. Nicht immer kann der Krebs vollständig besiegt werden, wie bei der Frau aus Mainz. „Das war ein besonderer Fall“, sagt Jäger. „Aber es kann mit Hilfe neuer Impfstoffe gelingen, dass wir den Krebs zum Stillstand bringen, und das ist auch schon ein wichtiger Erfolg.“

Spenden für das Projekt „F.A.Z.-Leser helfen“

Die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ und die „Frankfurter Allgemeine / Rhein-Main-Zeitung“ bitten um Spenden, die dem Projekt „Leben mit Krebs“ und einem Waisenhaus in Nairobi/Kenia zugute kommen.

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Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Henning Bode

 

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