Bahnhofsviertel

Drogen und Prostitution gehören weiter dazu

11. April 2005 Für Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) ist das Bahnhofsviertel "eines der schönsten Quartiere" in Frankfurt. Zehn Millionen Euro will die Stadt in den nächsten Jahren investieren, um das vielerorts reichlich heruntergekommene Gründerzeitviertel wieder lebenswert zu machen. Mit dem Geld sollen Wohnungen saniert oder neu gebaut, Büros in Wohnungen umgewandelt, Fassaden instandgesetzt und Straßen und Plätze attraktiver gestaltet werden. Doch so schön, wie es einmal war, wird es hier wohl nie wieder. Die Drogen- und Rotlichtszene bleibt dem Viertel nämlich auf jeden Fall erhalten. Ziel des Zehn-Millionen-Euro-Programms sei es keineswegs, Süchtige und Prostituierte zu vertreiben, stellte Planungsdezernent Edwin Schwarz (CDU) am Montag bei einem Rundgang klar. "Wir wollen die Szene nicht verdrängen, aber verträglicher gestalten."

Das reicht den meisten seriösen Gewerbetreibenden zwischen Hauptbahnhof und Taunusanlage aber wohl nicht. "Wenn mir das Haus nicht gehören würde, wäre ich schon längst weg", ruft der Eigentümer eines Fischgeschäfts der Oberbürgermeisterin zu, die an diesem Montag nachmittag zusammen mit Stadtrat Schwarz, Stadtplanern und Architekten knapp drei Stunden durch das Viertel geht. Ein Durchgang, der durch zwei sanierte Hinterhöfe von der Münchner Straße zur Kaiserstraße führt, ist mit Gittern verschlossen. "Was meinen Sie, was hier früher los war", erzählt der Bewohner eines der Häuser. "Auf den Treppen lagen die Leute, haben sich die Spritze gesetzt oder es miteinander getrieben. Kein Wunder, daß die Wohnungen dann jahrelang leerstanden."

Für 11000 Menschen war das Bahnhofsviertel Ende des 19.Jahrhunderts konzipiert worden, doch seit dem Zweiten Weltkrieg ist die Zahl der hier Lebenden drastisch gesunken. Waren es in den neunziger Jahren noch rund 5000 Menschen, so zählt das Quartier heute nur noch 2400 Einwohner. Hauptgründe für den Rückgang sind die Umwandlung vieler Wohnungen in Büros, aber auch die Tatsache, daß sich die Wohnfläche je Person in den vergangenen Jahrzehnten fast verdoppelt hat. Rund 80 Wohnungen stehen nach Darstellung von Planungsdezernent Schwarz schon seit Jahren leer und sind in einem sehr schlechten Zustand.

An der Einmündung der Moselstraße in die Münchner Straße soll nun ein Zeichen gesetzt werden. Rund zehn Jahre stand das repräsentative Gründerzeitgebäude bis auf das Erdgeschoß leer und verfiel zusehends. Nun sollen darin - vermutlich mit finanzieller Förderung aus dem städtischen Programm - 20 bis 30 Wohnungen entstehen. Auch das Haus Weserstraße 2 ist ein Wohnhaus mit der für das Viertel typischen Mischung aus Gewerbe im Erdgeschoß (ein türkisches Restaurant) und Wohnungen in den Etagen darüber. Demnächst sollen zudem im Dachgeschoß Wohnungen entstehen. So lasse sich im Bahnhofsviertel noch eine Menge zusätzlicher Wohnraum schaffen, heißt es im Stadtplanungsamt. Sehr viel schwieriger werde es voraussichtlich, die Hauseigentümer davon zu überzeugen, Büros in Wohnungen umzuwandeln.

Voraussichtlich bis Mitte des Jahres wird nach Angaben von Schwarz ein Rahmenkonzept für die Weiterentwicklung des Bahnhofsviertels vorliegen. An der Moselstraße gibt es neuerdings ein "Stadtteilbüro", in dem über das Zustandekommen des Rahmenplans informiert wird und wo Bürger Anregungen geben können. Angestrebt werde beispielsweise, den Anteil der Großwohnungen mit mehr als 100 Quadratmetern zu erhöhen, heißt es dort. Derzeit unterteilten die Eigentümer größere Flächen eher in Ein-Personen-Appartements, die dann meist nur für einige Jahre von ein und derselben Person bewohnt würden. Ein Verantwortungsgefühl für das Viertel entstehe bei diesen Menschen nur selten.

Wenig Verantwortungsbewußtsein beweisen auch die Banken, die die beiden Häuser Kaiserstraße 75 und 77 aus dem Nachlaß des Immobilienbetrügers Jürgen Schneider übernommen haben und die seitdem vor sich hinbröckeln. Möglicherweise sei noch in diesem Jahr eine Einigung auf einen Umbau in ein Hotel möglich, hofft Schwarz. Und sollte sich an dieser Stelle weiterhin nichts bewegen, werde er nicht zögern, die Grundstückseigentümer mit Bau- und Sanierungsgeboten nach dem Baugesetzbuch zur Einsicht zu zwingen. "Wir sind nicht gewillt, diesen Zustand auf Ewigkeit hinzunehmen."

Auch am nur 50 Meter entfernten Kaisersack stehen Veränderungen an. Unter dem Motto "Schöneres Frankfurt" würden die Betonwände am Abgang zur B-Ebene des Hauptbahnhofs entfernt, kündigte Schwarz am Montag an. Auf längere Sicht müßten auch die Möglichkeiten verbessert werden, überirdisch vom Bahnhof in die Kaiserstraße zu gelangen. In dieser Sache bedürfe es aber noch weiterer Gespräche mit der Deutsche Bahn AG - insbesondere über die Finanzierung. (ler.)

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