Von Stefan Toepfer
15. März 2006 Freiheit. Dieses Wort hat für Gloria Rodriguez, so soll sie heißen, einen besonderen Klang. Die Lateinamerikanerin träumt von Freiheit. Denn bestimmt wird ihr Leben von der Angst. Der Angst, entdeckt zu werden. Daß Gloria Rodriguez ihren richtigen Namen nicht nennt, liegt auf der Hand: Die Dreiundvierzigjährige, die irgendwo in Frankfurt wohnt, hält sich illegal in Deutschland auf.
Zuerst war sie vor fünf Jahren eingereist, ein Visum brauchte sie damals noch nicht. Gegen das damalige Ausländergesetz verstieß sie trotzdem, denn sie arbeitete in Frankfurt als Haushälterin schwarz - 18 Monate lang. Danach reiste sie wieder in ihre Heimat, um an der deutschen Botschaft ein an einen Sprachkursus gekoppeltes Visum für einen längeren, legalen Aufenthalt zu beantragen.
Mit den Deutschkenntnissen wollte sie sich für eine bessere Arbeit in ihrer Heimat qualifizieren. Sie bekam das Visum, reiste wieder nach Deutschland, konnte den Sprachkursus aber irgendwann nicht mehr bezahlen. Das Visum lief ab, doch Gloria Rodgriuez blieb, um sich und ihre Familie zu ernähren. Sich um bessere Lebensbedingungen zu kümmern kann ja wohl keine Sünde sein. Wir wollen in Würde leben.
Daß ich gegen Regeln verstoße, ist mir klar
So schickt sie jetzt jeden Monat rund 150 Euro an ihre Eltern und ihre beiden Kinder. Der Kindsvater hatte sich aus dem Staub gemacht, und das Geld, das sie in ihrem Herkunftsland als Sekretärin verdiente, reichte hinten und vorne nicht, wie sie erzählt. Viele Frauen sind, wie ich, alleinerziehend. In Frankfurt und Umgebung arbeitet sie heute als Haushälterin bei mehreren Familien. Manche ihrer Arbeitgeber wissen um ihren fehlenden Aufenthaltsstatus - aber das interessiert sie nicht weiter.
Daran, ihre 14 und 15 Jahre alten Kinder nach Deutschland zu holen, hat sie schon gedacht, denn die Trennung von ihnen ist sehr schmerzhaft für sie. Aber das kann ich mir finanziell nicht leisten, und ich will sie nicht in dasselbe Gefängnis holen, in dem ich lebe. Seit drei Jahren wohnt sie in Frankfurt und weiß, daß sie geltendes Recht verletzt: Daß ich gegen Regeln verstoße, ist mir klar. Das vergesse ich nicht. Aber sie sieht derzeit keine andere Chance, sich und ihre Familie über Wasser zu halten.
Man muß sich ständig beschränken, das Leben ist deprimierend. Ihre Angst bekämpft Gloria Rodgriuez mit dem Versuch, selbstbewußt aufzutreten. Doch wenn sie Polizisten auf der Straße sieht, wechselt sie die Richtung - aus Furcht, nach Papieren gefragt zu werden. Auch bei Arztbesuchen muß sie immer darauf achten, nicht entdeckt zu werden, und sich als Selbstzahler ausgeben, weil sie nicht krankenversichert ist. Ihr Eindruck ist, daß Ärzte an ihr mehr verdienen, als ihnen eigentlich zusteht - wenn sie sie nicht sofort abweisen. Ein Frauenarzt hat für einen Besuch einmal 150 Euro berechnet. Das ist so viel, wie sie sonst ihrer Familie schickt.
Hoffnung auf eine Legalisierung
Weil sie einmal dringend Hilfe in einer medizinischen Notlage brauchte, hat Gloria Rodriguez Kontakt zum Verein Frauenrecht ist Menschenrecht aufgenommen. Der Verein leistet humanitäre Hilfe - auch für Menschen ohne Papiere. Wir haben dabei auch oft mit schwangeren Frauen zu tun, berichtet Judith Rosner. Sie hat an einer Studie über die Situation Illegaler mitgeschrieben, die, wie schon berichtet, der Evangelische Regionalverband und das Diakonische Werk in Hessen und Nassau in der vergangenen Woche vorgestellt hatten.
Gloria Rodriguez verdient neun Euro je Stunde. Das ist in Ordnung, sagt Rosner. Beide wissen aber von Fällen schlimmer Ausbeutung. Auch ich habe die Erfahrung gemacht, sehr schlecht bezahlt zu werden, fügt die Lateinamerikanerin an. Was ich aber vor allem will, ist, nicht mehr illegal hier zu leben. Hoffnung auf eine Legalisierung ihres Aufenthalts kann Rosner ihr jedoch nicht machen. Generelle Erlasse zu einer solchen Legalisierung, wie es sie etwa in Spanien gab, erwartet sie in Deutschland nicht. Helfen könnte eine Ehe mit dem legal in Deutschland lebenden Mann.
Aber es ist schwierig, eine tragfähige Partnerschaft aufzubauen, auch wegen der kulturellen Unterschiede, sagt die Lateinamerikanerin. Neben solchen Partnerschaften gibt es auch Scheinehen, mit deren Hilfe mancher einen legalen Aufenthalt erreichen will. Eine Scheinehe einzugehen würde zwar das Problem lösen, aber davor habe ich Angst. Zu Recht, wie Rosner weiß. Solche Verbindungen seien riskant (denn es gibt Männer, die Frauen in fieser Weise von sich abhängig machen) und überdies strafbar.
Strafverfahren
Einen legalen Aufenthalt können Frauen unter Umständen auch erwirken, wenn sie ein Kind bekommen. Angenommen, der Vater ist auch Ausländer und lebt seit mindestens acht Jahren legal in Deutschland, hat das Kind die deutsche Staatsangehörigkeit - und die Mutter kann ihren Aufenthalt legalisieren. Es kommt durchaus vor, daß Frauen deswegen Kinder bekommen, so Rosner.
Viele der illegal in Deutschland lebenden Menschen sind sogenannte Arbeitsmigranten wie Gloria Rodriguez, die bleiben, obwohl ihr Visum - etwa ein Touristenvisum - abgelaufen ist. Andere werden ins Land geschleust, sind nicht anerkannte Asylbewerber oder Familienmitglieder, die nachgezogen sind. Ausreisen können sie nicht ohne weiteres, selbst wenn sie es wollten: Wird die Illegalität beim Versuch, in die Heimat zurückzukehren, aufgedeckt, wird in der Regel ein Strafverfahren eingeleitet, eine Strafe verhängt und die Ausweisung verfügt, was mit einem Wiedereinreiseverbot verbunden ist.
Gloria Rodriguez weiß das und versteht nicht, wie man in Zeiten der Globalisierung so mit Menschen umgehen kann. Sie kann ganz ruhig über ihr Leben berichten - doch hin und wieder ist ihr die große Spannung anzusehen, unter der sie steht. Dann wendet sie den Blick kurz ab, und es fallen Sätze wie: Ich bin der Armut entflohen, und jetzt lebe ich in der Illegalität. Das ist, mit einem Wort, unehrenhaft.
Text: F.A.Z., 16.03.2006
Bildmaterial: F.A.Z. - Foto Andreas Mueller