21. Februar 2007 Karl May oder Karl Marx? Der künftige Frankfurter SPD-Vorsitzende Gernot Grumbach hat in jungen Jahren Karl May den Vorzug gegeben. Im Sonderheft 26 der Karl-May-Gesellschaft veröffentlichte Grumbach nach erfolgreich beendetem Germanistik-Studium seine Examensarbeit über das Alterswerk des Abenteuerschriftstellers. Danach war das Kapitel Karl May für ihn allerdings beendet: Winnetou und Old Shatterhand mussten den Weg in die ewigen Jagdgründe antreten, sie ruhen seither in Grumbachs Bücherregal.
Bücher verschlingt der Berufspolitiker immer noch - von Krimis über Klassiker bis zu Sachbüchern quer durch den literarischen Garten. Allein, die Zeit ist knapp, und der Pflichten sind viele: Nicht nur, dass Grumbach als Vorsitzender des mitgliederstarken SPD-Verbands Hessen-Süd darum kämpfen muss, den schleichenden Niedergang der Volkspartei zu stoppen; nicht nur, dass er als Landtagsabgeordneter und umweltpolitischer Sprecher seiner Fraktion alle Hände voll zu tun hat, Hessen vor der Klimakatastrophe zu retten - nein, jetzt halst er sich auch noch das Amt des SPD-Vorsitzenden in Frankfurt auf.
Habe mich nicht vorgedrängt
Oder hat Grumbach diesen Coup vielleicht von langer Hand geplant, träumte er schon lange davon, Franz Frey, den gescheiterten Oberbürgermeister-Kandidaten an der Spitze der Partei, zu beerben, weil dieses Amt erheblich mehr öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zieht als das an für sich ranghöhere Vorsitzenden-Amt in Hessen Süd? Nein, vorgedrängt habe er sich nicht, weist Grumbach derlei Vermutungen zurück. Man habe ihn vielmehr nach der Ankündigung Freys, er werde nicht mehr kandidieren, gefragt. Er habe aber zuerst abgelehnt und eine Frankfurter Lösung empfohlen. Erst als diese sich nicht fand, habe er sich zu einer Kandidatur auf dem Parteitag am 16. März bereiterklärt. Mit den anderen potentiellen Bewerbern hat er - dies entspricht seinem dialogischen Politikstil - seine Bewerbung abgesprochen. Und die wichtigen Leute in der Frankfurter SPD stimmten zu, dass Grumbach den Vorsitz des Unterbezirks übernimmt und Elke Tafel sowie Gregor Amann - links und rechts schön austariert - seine Stellvertreter werden.
Landtagsabgeordneter, Hessen-Süd-Chef und Vorsitzender in Frankfurt: Wie will Grumbach das alles schaffen? Er lächelt nur und sagt knapp: Ich bin gut organisiert. Dass dies nicht übertrieben ist, sieht man seinem Arbeitszimmer in der SPD-Zentrale an der Fischerfeldstraße an: aufgeräumt wie ein preußisches Büro, auf dem Schreibtisch nur ein Computer und ein Terminkalender. So ist auch Grumbachs Arbeitsstil: aufgeräumt und gründlich. Er vergleicht ihn mit dem eines Computers, zuerst bearbeite er diese Zeitscheibe, danach jene, und dann wieder eine andere - gründlich und konzentriert. Wie im Gespräch: Immer wieder klingelt das Telefon, doch wenn Grumbach mit jemandem redet, lässt er sich nicht ablenken.
Er wollte früh mitreden
Eigentlich hatte er Lehrer werden wollen, hat auch nach dem Studium ein Referendariat an der Bettina-Schule absolviert. Doch gab es damals keine Stellen, so dass Grumbach sein Geld zunächst im Betrieb seiner Eltern verdienen musste, einem kleinen Abrechnungsbüro für Apotheken: Ich konnte schon immer gut mit Zahlen umgehen. Doch Grumbach ist seit seiner Schülerzeit - er war einer von zwei Schulsprechern am Goethe-Gymnasium und hat einst einen Schulstreik gegen den Numerus clausus mitorganisiert - ein ausgesprochen politischer Mensch gewesen: Ich wollte mitreden. So war es nur folgerichtig, dass er nach seinem Abitur bei den Jusos - später sollte er deren Landesvorsitzender werden - und der SPD eintrat und dass er während seiner Zeit als Apotheken-Abrechner nach einer Betätigungsmöglichkeite in der Politik Ausschau hielt.
Der damalige Landesentwicklungsminister Jörg Jordan (SPD) hat ihm 1991 den Eintritt in die Berufspolitik ermöglicht: Als Parlamentsreferent im Ministerbüro war Grumbach eine Aktenumwälzmaschine, der für Jordan Entscheidungen vorbereitete. Nach vier Jahren wechselte er ins Wissenschaftsministerium zu Christine Hohmann-Dennhardt, der heutigen Verfassungsrichterin. In seinen acht Ministeriumsjahren hat Grumbach Bürokratie gelernt und sich Kenntnisse auf vielen Feldern vom Umweltschutz bis zur Hochschulförderung angeeignet. Seine Anstellung bei der Landeszentrale für politische Bildung nach dem Machtverlust der SPD und der Bildung einer CDU/FDP-Koalition 1999 unter Roland Koch, war nur ein Zwischenakt. 2003 schaffte Grumbach über die SPD-Landesliste den Sprung in den Landtag, damals war er nach einem ersten vergeblichen Anlauf 1999 schon Vorsitzender des SPD-Bezirks Hessen-Süd.
Er kann ganze Säle zum Lachen hinreißen
Grumbach sei ein Linker, wird immer gesagt. Gewiss steht er links der Mitte, wie fast alle Sozialdemokraten in Hessen-Süd. Soziale Gerechtigkeit heißt die Parole auf dem Banner, das Grumbach und seine Genossen hoch vor sich hertragen. Könnte ihm indes der Weltgeist zwei Wünsche erfüllen, er, der Kinderlose, würde ihn bitten, der Kinderarmut ein Ende zu setzen und ein umweltverträgliches Energiesystem zu ermöglichen. Dass jedes zehnte Kind in der Schule versagt, empört Grumbach, diese Jungen und Mädchen würden daran gehindert, ihre Fähigkeit zum Denken auszubilden. Und auf dem Feld der Umwelt- und Klimapolitik träumt er von einem Land, das mit 20 Prozent des heutigen Energieverbrauchs auskommt, ohne sich entscheidend einschränken zu müssen.
Grumbach sei ein farbloser Apparatschik, lästern seine Kritiker. Das hängt vielleicht damit zusammen, dass der Vierundfünfzigjährige nichts von einem Volkstribunen hat. Ich will kein Messias sein, an den man glaubt. Die Leute sollen an sich selbst glauben. Doch rhetorisch unbeschlagen ist Grumbach keineswegs. Zuweilen kann er sogar ganze Säle zum Lachen hinreißen - wenn er nämlich wie jetzt wieder in des Fassnacht beim Rödelheimer Karnevalsverein Die Schnauzer in der Bütt steht. So lustig wie Grumbach an diesen Tagen ist bei Karl May höchstens Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah.
Text: F.A.Z.
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