08. April 2007 Ich bin sehr auf den Tod gespannt.“ Ein Satz, der stutzig macht. Manche empfinden ihn vielleicht sogar als anstößig. Aber Anna-Katharina Castro-Tehanga meint es ernst. Die Sechsundsechzigjährige wohnt seit Jahresanfang im Hospiz Sankt Katharina, unweit des Katharinenkrankenhauses.
Ihre Krebserkrankung, die im Unterleib ihren Anfang nahm, ist nicht mehr zu heilen. Ich habe mein Schicksal angenommen, sonst könnte ich es nicht verkraften.“ Schicksalhaft war manches in ihrem Leben, angefangen von der schweren Zeit als während des Krieges geborenes und zeitweise von der Mutter getrenntes Mädchen. Bilder ihrer Eltern stehen im Regal ihres Hospizzimmers, auch eines von ihrem Großvater. Man sagt, ich komme in meiner Persönlichkeit nach ihm.“ Stolz ist sie auf ihre Tochter; auch ihr Foto steht dort, im Regal gegenüber vom Bett.
Diagnose Krebs
Anna-Katharina Castro-Tehanga erzählt von ihrem Leben, ihrer Kindheit, die sie teils in Heimen verbrachte, ihren langen Aufenthalten in Australien und den Vereinigten Staaten, der Geburt ihrer Tochter, ihrer Arbeit als Chefsekretärin im Gmelin-Institut für Anorganische Chemie der Max-Planck-Gesellschaft in Frankfurt. Dann kam der Schock“: die Krebsdiagnose. 1995 war das. Es folgten Chemotherapie und Operationen, doch die Krankheit war mächtiger.
Was das Spannende am Tod ist? Die Verbindung mit dem Göttlichen ist etwas Wunderbares“, sagt sie. Man kommt ins Licht, das Gott ist.“ Früher spielte der Gedanke ans Sterben noch keine große Rolle. Ich habe mir keine Gedanken gemacht, wo ich am Ende sein werde.“ Die schockhafte Diagnose hat das geändert, und die Krankheit war unerbittlich. Die Schmerzen wurden schließlich so stark, dass Castro-Tehanga Ende des vergangenen Jahres ins Frankfurter Evangelische Hospital für Palliativmedizin kam; dort wurde sie untersucht, und es wurden ihr die nötigen Medikamente gegeben. War- um sie so krank geworden sei, habe sie sich nie gefragt, sagt Castro-Tehanga. Wäre ich gesund geblieben, hätte ich mich dann ja auch fragen müssen, warum es mich nicht getroffen hat.“ Als Strafe empfinde sie ihre Erkrankung aber auf keinen Fall. Das hieße ja, ich würde mir noch eine zusätzliche Last aufladen.“
Zwei Wochen blieb sie im Palliativhospital an der Rechneigrabenstraße. Doch die Frage war: wohin danach? Alleine zuhause leben konnte sie nicht mehr. Im Hospiz war gerade ein Zimmer frei geworden. Ich hatte einen Tag, um mich zu entscheiden.“ Eine wichtige Stütze war ihre Tochter, aber auch andere halfen ihr – Vertreter des Sozialamts, der Krankenkasse und des Palliativhospitals. Dennoch: Ihre Wohnung im Nordend aufzugeben fiel ihr sehr schwer, wie Castro-Tehanga erzählt. Sie bekommt aber immer wieder Besuch von ihren früheren Nachbarn. Wir hatten eine gute Hausgemeinschaft.“
Glaube an die Energie
Wenige Dinge konnte sie mitbringen ins Hospiz – die Fotos ihrer Familie, einige Bilder, Bücher. Ich lese viel, das beruhigt mich.“ Gerade begonnen hat sie mit dem Buch Jesus – Der Lehrer in dir“ des Benediktiners und Leiters der Weltgemeinschaft für Christliche Meditation“, Laurence Freeman. Castro-Tehanga, eine Katholikin, ist eine gläubige Frau. Sie nennt sich selbst am liebsten einen spirituellen Menschen“. Neben einem Bild von Christus steht oben in ihrem Regal auch eines mit einem indianischen Motiv.
Auch mit der Kultur der Indianer ist sie verbunden, noch im vergangenen Sommer war sie zu Besuch bei einem Stamm in den Vereinigten Staaten. Öfter schon war sie in Lourdes, dem großen Wallfahrtsort für Kranke im Süden Frankreichs. Intensiv hat sie sich überdies mit Reiki befasst. Wörtlich übersetzt bedeutet dieses Wort universale Energie“. Anhänger dieser Lehre glauben unter anderem an die heilende Kraft jener Energie. Es gibt auch Pfarrer, die Reiki-Meister sind“, sagt Castro-Tehanga. Sie hat es darin ebenfalls bis zur Meisterin“ gebracht, wie sie berichtet.
Viele innere Erfahrungen hätten ihr geholfen, ihren Weg weiterzugehen. Ein kleines Zeichen dafür ist auch die Postkarte neben den Fotos im Regal. Auf ihr steht der Psalmvers Denn er hat seinen Engeln befohlen, daß sie dich behüten auf allen deinen Wegen.“ Ob sie zu einem Ostergottesdienst in eine Kirche gehen wird, weiß sie noch nicht. Das hängt davon ab, ob sie sich dafür kräftig genüg fühlen wird. Früher war sie oft in der Liebfrauenkirche, die sie einen Kraftplatz“ nennt. Ansonsten wird sie das Fest zusammen mit ihrer Tochter und ihrer Schwester feiern und unter anderem viel Musik hören. Gemeinsam mit ihnen werde ich Ostern tief empfinden, sehr bewusst feiern.“
Die Auferstehung - das ist unser Weg
Ob sie Angst vor dem Sterben hat? Ich habe Angst vor dem Leiden, das vielleicht damit verbunden ist. “ Wiewohl ihr versichert werde, alles gegen aufkommende Schmerzen zu tun. Anna-Katharina Castro-Tehanga fühlt sich in dem Hospiz gut aufgehoben, findet Gesprächspartner, was ihr sehr wichtig ist – auch im Pflegepersonal. Bei dessen Auswahl wird nicht nur darauf geachtet, ob die Mitarbeiter über Erfahrung in ihrem Beruf verfügen, sondern auch darauf, wie sie sich mit dem Tod und den mit ihm verbundenen existentiellen Fragen beschäftigt haben, wie Hospizleiterin Katrin Pithan sagt.
Neun Plätze für todkranke Menschen hat das im April 2005 eröffnete Hospiz derzeit, im Laufe dieses Jahres soll es auf zwölf Zimmer erweitert werden. Ein Wintergarten dient als Treffpunkt, hier können auch Gespräche geführt werden. Zum Beispiel nutzt die ehrenamtlich in dem Hospiz tätige Seelsorgerin Brigitte Lüben – sie hat eine Fortbildung in Klinikseelsorge gemacht – den Raum gelegentlich dafür. Bisher haben 180 Menschen in dem Hospiz gelebt, sie werden Gäste“ genannt. Wenn jemand gestorben ist, wird vor dessen Zimmertür eine Kerze gestellt. Für manche Gäste ist das schon eine starke Herausforderung“, weiß Pithan. Für die Verabschiedung ihres Angehörigen wird den Familien die Zeit gegeben, die sie brauchen.
Wenn ich gehe, werden bestimmte Menschen da sein“, sagt Castro-Tehanga – und sie meint solche, die schon gestorben sind. Meine Mutter ist sicher da und begleitet mich – so wie auf dem Bild des Malers Hieronymus Bosch.“ Auf dem Gemälde sind Engel zu sehen, die die Seelen Verstorbener aus dem Dunkel ins Licht tragen. Die Auferstehung der Seligen“ wird es genannt. Die Auferstehung – das ist unser Weg“, sagt die Frau. Dann holt sie eines ihrer Lieblingsbücher. Ein phantastisches Buch.“ Es heißt Mut und Gnade“, geschrieben hat es Ken Wilber. Er schildert den Weg, den er und seine an Brustkrebs erkrankte Frau Treya bis zu deren Tod gegangen sind. Über den Rand ragen mehrere kleine gelbe Zettel, die Castro-Tehanga in das Buch geklebt hat. Auf ihnen hat sie die wichtigsten Gedanken einzelner Seiten notiert. Auf einem Zettel steht: Ergib dich Gott.“
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Kai Nedden