Schulen

An Gymnasien ist nicht für alle Platz

Von Matthias Trautsch

16. Mai 2008 324 Kinder – das ist die Größenordnung einer voll ausgebauten Grundschule. So viele Jungen und Mädchen soll die Frankfurter Wöhlerschule allein zum nächsten Schuljahr neu aufnehmen. Zumindest, wenn es nach den Anmeldungen der Eltern ginge. Wenn alle berücksichtigt würden, müsste das Gymnasium zehn oder mehr fünfte Klassen eröffnen. Die Situation an der Wöhlerschule ist ein besonders eklatantes Beispiel für einen Trend, der in den Großstädten der Region seit Jahren zu beobachten ist: Wenn es irgendwie geht, schicken die Eltern ihr Kind aufs Gymnasium.

Nach Angaben des Staatlichen Schulamts liegen für das nächste Schuljahr 2286 Anmeldungen an Frankfurter Gymnasien vor. Dies seien rund 200 mehr als im Vorjahr, sagt Dieter Sauerhoff, der als leitender Schulamtsdirektor den Übergang in den gymnasialen Bildungszweig koordiniert. Zwar habe man damit gerechnet, dass die Anmeldezahl wie schon in den Vorjahren zunehme, „aber von dieser Steigerung sind selbst wir überrascht worden“.

An der Grenze der Kapazität

Besonders großem Andrang sehen sich die Schulen im Norden der Stadt ausgesetzt. In den Baugebieten am Riedberg und im Frankfurter Bogen haben sich viele Familien niedergelassen, aber in den neuen Quartieren finden sie kein gymnasiales Angebot. Die Kinder werden deshalb entweder in benachbarten Stadtteilen angemeldet oder an Innenstadtschulen, die mit dem öffentlichen Nahverkehr gut zu erreichen sind.

Auch aus diesen Gründen ist die Wöhlerschule am Dornbusch mit 1400 Schülern das größte Frankfurter Gymnasium. Schon jetzt stehe die Schule an der Grenze ihrer Kapazität, sagt Rektor Norbert Rehner. „Man muss sich schnell Gedanken machen, wie es weitergehen soll.“ Er erwartet, dass der Druck auf die Gymnasien noch zunimmt, „weil die Eltern Angst haben, dass ihre Kinder anderswo keine Chancen mehr haben“.

Um den Wünschen der Eltern wenigstens teilweise nachkommen zu können, sollen vier Frankfurter Gymnasien jeweils eine zusätzliche fünfte Klasse bilden: Wöhler-, Bettina- und Liebigschule sowie das Lessinggymnasium. An der Wöhlerschule gibt es dann sechs fünfte Klassen. Somit kann sie nach den Sommerferien 190 Kinder aufnehmen, womit aber immer noch 134 Jungen und Mädchen eine Absage erhalten. Die Eltern werden an die Schulen verwiesen, die sie als Zweit- oder Drittwahl angegeben haben. Wenn auch dort keine Plätze frei sind, werden sie an Gymnasien geschickt, die sie nicht als Wunsch genannt haben. Nach Angaben des Staatlichen Schulamts trifft dies zum nächsten Schuljahr 30 Kinder.

„Es gibt keinen Rechtsanspruch auf eine bestimmte Schule“

Für weitere 80 Schüler ist an keinem der traditionellen Gymnasien Platz, sie müssen auf Kooperative Gesamtschulen gehen. Dort können sie, zumindest bis zur zehnten Klasse, den gymnasialen Zweig besuchen. Wie Schulamtsdirektor Dieter Sauerhoff sagt, müssen sich die Eltern mit dieser Entscheidung abfinden. „Die Freiheit der Schulwahl besteht in der Wahl des gymnasialen Bildungsgangs, es gibt aber keinen Rechtsanspruch auf eine bestimmte Schule.“ Für die nächsten Jahre rechnet auch Sauerhoff mit weiter steigenden Anmeldezahlen an Gymnasien. Staatliches und kommunales Schulamt müssten die Schulentwicklung darauf ausrichten.

Die Stadt arbeitet schon länger daran, das Bildungsangebot der veränderten Nachfrage anzupassen. So soll im Neubaugebiet Riedberg ein Gymnasium entstehen. Wie Michael Damian, Referent von Schuldezernentin Jutta Ebeling (Die Grünen), sagt, hat die Stadt die Planungen unter dem Eindruck der jüngsten Zahlen nochmals forciert. Ziel ist es, das Gymnasium schon 2011 und somit ein Jahr früher als vorgesehen zu eröffnen. Aber selbst dann, wenn das Riedberggymnasium seine Arbeit fünfzügig aufnimmt, wären dies nur rund 150 zusätzliche Gymnasialplätze.

Der bis dahin entstehende Bedarf wird aller Voraussicht nach weit größer sein. Die Stadt will deshalb in leerstehenden Hauptschulräumen Dependancen von Gymnasien einrichten. Diesen Vorschlag hätten die Leiter der Gymnasien zwar zunächst abgelehnt, sagt Damian, „aber es wird gar nicht anders gehen“. Wahrscheinlich werde schon im nächsten Jahr ein Hauptschulgebäude zur Zweigstelle eines Gymnasiums oder einer Integrierten Gesamtschule.

Die Kriterien: Wohnort, Klassengruppen und Schulprofil

Während bei der Grundschule die Bezirkspflicht gilt, haben die Eltern bei den weiterführenden Bildungsgängen die freie Wahl. Sie können ihr Kind an einer Schule anmelden und - für den Fall, dass es dort nicht aufgenommen wird - einen Zweit- und Drittwunsch angeben. Wenn alle Anmeldungen vorliegen, bestimmt das Staatliche Schulamt zusammen mit den Schulen, welche Schule wie viele Fünftklässler aufnimmt. Ist die Nachfrage sehr groß, müssen zusätzliche Klassen gebildet werden. Wenn für eine Schule trotzdem mehr Anmeldungen als Plätze vorliegen, müssen Schulamt und Schulen abwägen, welche Kinder aufgenommen werden, welche den Zweit- oder Drittwunsch erfüllt bekommen und welche auf eine andere Schule verwiesen werden.

Gute Chancen auf einen Platz haben Kinder, die in der Nähe wohnen oder deren Geschwister die Schule schon besuchen. Eine Rolle spielen auch traditionelle Verbindungen zwischen Grund- und weiterführenden Schulen sowie das Bemühen, Klassengruppen nicht auseinanderzureißen. Außerdem wird das Profil der aufnehmenden Schule berücksichtigt: So kann ein Gymnasium mit einer besonderen Musikförderung abwägen, ob ein Geigentalent, obwohl es weit entfernt wohnt, den Vorzug vor einem Durchschnittsschüler aus der Nachbarschaft erhält.



Text: F.A.Z.

Wie ist die harsche Fan-Kritik an Eintracht Trainer Funkel zu werten?

Ergebnis
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche