Von Peter Lückemeier
04. April 2006 Axel Honneth war sechzehn, als er Bob Dylan für sich entdeckte, als er ständig dessen Musik hören wollte und damit seine ganze Familie traktierte: Seine Stimme hat mich zum Erwachen gebracht, hat Distanz zur Alltagsrealität hergestellt. Heute ist Axel Honneth geschäftsführender Direktor des Instituts für Sozialforschung und damit so etwas wie Nachfolger Adornos.
Und auf dem Adorno-Kongreß geschah es auch, daß er mit dem Musikologen Richard Klein, Herausgeber von Musik und Ästhetik, zusammensaß, über Bob Dylan und Adorno diskutierte und die beiden die Idee gebaren, einen ersten Bob-Dylan-Kongreß in Deutschland zu veranstalten. Und ein bißchen könnte es eine Anti-Adorno-Veranstaltung werden.
Zwar sind keine Äußerungen des Sozialphilosophen über den amerikanischen Musiker, Sänger und Autor bekannt (Herbert Marcuse dagegen schätzte Dylan), doch könnte auch er (wie die Jazzmusik) in Adornos Achtung nicht besonders hoch gestanden haben, wäre vielleicht als Teil der Kulturindustrie verachtet oder doch geringgeschätzt worden.
Rockmusik als geschichtliche Erfahrung
Gerechtigkeit also soll dem Phänomen und der Person Dylan widerfahren, und das auch noch in interdisziplinärer Illumination, wenn am Donnerstag, 11. Mai, der Kongreß um 15.30 Uhr im Hörsaal V der Uni in der Mertonstraße beginnt. Hier und im Kino Metropolis im ehemaligen Volksbildungsheim ist der Eintritt frei, während für die Teilnahme an den Diskussionen und Konzerten im Großen Sendesaal des Hessischen Rundfunks ein Obolus zu entrichten ist.
Es sind drei Generalthemen, denen der Kongreß sich widmet. Der erste Komplex nennt sich Rockmusik als geschichtliche Erfahrung. Hier heißen die Titel der Vorträge zum Beispiel Ästhetische Artikulation von Ambivalenz (Axel Honneth) oder Das Amerikanische an Bob Dylan (Susan Neiman). HR-Redakteur Peter Kemper, neben Honneth und Richard Klein der dritte Initiator des Kongresses, wird über John Lennon und Bob Dylan als ein Lehrstück der Ambivalenz sprechen; auch Kemper hat autobiographische Prägungen erlebt, etwa als er beim Konzert Dylans vor vielen Jahren in Offenbach sechs extrem schwache Anfangsnummern durchlitt, sich der Meister dann aber gleichsam am eigenen Schopfe aus dem Sumpf des Mittelmaßes zog und ein Gänsehauterlebnis mit Langzeitwirkung ablieferte, ein musikalisch-literarisches Gesamtkunstwerk.
Kulturindustrie als autonome Kunst
Richtig gelesen: auch literarisch. Dylan, geboren am 24. Mai 1941 in Duluth/Minnesota als Robert Allen Zimmermann, wurde schon öfter für den Literaturnobelpreis gehandelt oder vorgeschlagen, viele seiner Titel haben sich nicht nur in das musikalische Gedächtnis von Generationen gegraben, sondern sind in die Alltagssprache eingegangen wie The Times they are a-changing, Blowin' in The Wind, Like a Rolling Stone, It's all over now, Baby Blue - in gefälligen Versionen wurden sie oft populärer als im schwierigeren Original.
Der zweite Themenkomplex, mit dem sich der Kongreß beschäftigen wird, nennt sich Kulturindustrie als autonome Kunst und setzt sich eben mit dieser Formulierung unmittelbar in Kontrast zu Adorno. Honneths und Kleins These lautet, Adorno habe zwar vielfach gezeigt, daß noch die verfeinertste Kunst nicht frei sein könne von den Mechanismen der kapitalistischen Massenkultur, er aber umgekehrt nie gefragt habe, ob es nicht auch in den Produkten der Massenkultur Möglichkeiten eines autonomen künstlerischen Gestaltens gibt. Unter diesem Rubrum untersucht beim Kongreß Sonja Dierks Stimmen in Masken, Masken in der Stimme, Tilo Wesche widmet sich der Narrativität bei Bob Dylan und Johnny Cash, Wolfram Ette spricht über die Distanz Dylans zu sich selbst.
Dylans Verweigerung als Messianismus
Im dritten Thementeil des Kongresses wird es um - paradox klingend bei einem Künstler, der sich der Vereinnahmung stets entzog und sich oft selbst verrätselte - Dylans Verweigerung als Messianismus gehen. Das Rätsel lösen könnte Jean-Marie Büttner, der Dylans Verweigerung als List und Tücke deutet. In diesem Kontext wird Klaus Theweleit sich mit den 2004 als erstem Teil von Dylans Autobiographie erschienenen Chronicles befassen, als einer neuen Art des Biographie-Schreibens.
Damit der Kongreß nicht nur graue Theorie bleibt, geht er mit einer Großen Bob-Dylan-Nacht zu Ende, mit Gesprächen, Filmen und Musik. Der Satiriker Wiglaf Droste wird seine eigenen Wahrheiten über Dylan verbreiten. Michael Moore und sein Trio wird Dylan-Songs ins Fegefeuer des Free Jazz stoßen, und unter dem Titel Like a Rolling Stone streiten sich Kerstin Grether, Greil Marcus, Klaus Theweleit und Klaus Walter über Dylan und die Frauen.
Dies alles geschieht im Großen Sendesaal des Hessischen Rundfunks, wird von Dylan-Kenner Peter Kemper moderiert und kostet 29,50 Euro Eintritt. Wer die Zeit hat, sich die Vorträge und Diskussionen, aber auch den möglicherweise provozierenden Abschlußabend anzuhören und in sich aufzunehmen, wird sich sicherlich, wohlig von viel kritischer Theorie und guter Musik bereichert, sagen können: It's all over now, Baby Blue.
Orte und Zeiten
Der Dylan-Kongreß beginnt am Donnerstag, 11. Mai im Hörsaal V, Mertonstraßeum 15.30 Uhr. Die Sektion I Rockmusik als geschichtliche Erfahrung findet am Freitag, 12. Mai, im Cinema Metropolis, Eschenheimer Anlage 40, statt und dauert von 9 bis 13 Uhr. Um 15 Uhr wird der Kongreß hier mit der Sektion II (Kulturindustrie als autonome Kunst) fortgesetzt. Am Freitag abend kostet der Eintritt zur Diskussion Don't look back - Dylan in Deutschland um 20 Uhr im HR-Sendesaal 12,50 Euro Eintritt.
Die Sektion III über Verweigerung als Messianismus dauert am Samstag im Metropolis von 9 bis 13 Uhr. Im Anschluß an den Kongreß sendet die Kulturwelle hr2 eine Schwerpunktwoche, in der die zentralen Ereignisse des Kongresses dokumentiert werden. Außerdem berichten Prominente von ihren Dylan-Erfahrungen. Die Sendung Doppelkopf bringt Gespräche mit Experten.
Text: F.A.Z., 05.04.2006
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb
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