13. April 2006 Rolf-Dieter Baer kennt jede Schule in der Stadt - die beschaulichen und die berüchtigten. Jeden Frankfurter Schulhof kennt er, denn als Jugendkoordinator der Polizei hat er sie oft überquert. Er wird gerufen, wenn Lehrer verzweifeln, weil ihnen die Schüler nicht mehr gehorchen wollen. Meistens aber laden ihn die Schulleiter ein, noch bevor die Probleme überhaupt aufgetreten sind. Seit mehr als zehn Jahren beobachtet Baer die Jugendszene. Er kennt ihre Sprache, ihre Symbole, ihre Freizeitgewohnheiten - für viele Lehrer sind das wertvolle Einblicke.
Im Gegensatz zu anderen Großstädten gehe es an Frankfurter Schulen friedlich zu, sagt Baer. Sie seien keine Orte der Gewalt, Unterdrückung und Aggression. Nach den Vorfällen an der Rütli-Schule in Berlin sei Haupt- und Gesamtschulen ein Stempel aufgedrückt worden, der auch das Image vieler Frankfurter Schulen beschmutzt habe. Noch regierten hier aber keine Gangs, sagt der Frankfurter. Aggressive Schüler gebe es zwar, aber das sei die Minderheit.
Mehr jugendliche Straftäter
Die Polizei in Frankfurt hat schnell reagiert, als sich abzuzeichnen begann, daß die Gewaltbereitschaft bei jungen Menschen immer virulenter wurde. Der Anteil jugendlicher Straftäter unter 14 Jahren ist in den vergangenen drei Jahren kontinuierlich gestiegen. 760 Täter hat die Kriminalstatistik im vergangenen Jahr erfaßt. 2003 waren es noch 654.
Als die Polizei vor elf Jahren erstmals Jugendkoordinatoren einsetzte, die sich als präventive Berater verstanden und sich hauptsächlich den Entwicklungen in der Jugendszene widmen sollten, hatte niemand erwartet, daß jene Beamten nun rund 70 Prozent ihrer Arbeitszeit an Schulen verbringen. Früher, sagt Baer, sei es verpönt gewesen, Polizisten in die Klassenräume zu holen. Die Rektoren fürchteten ein schlechtes Image. Heute werben sie sogar damit.
Seit mehr als fünfzehn Jahren beobachtet Baer die Frankfurter Jugendszene, die sich immer schneller entwickelt hat. Wir haben immer ein Ohr auf der Straße, sagt der Frankfurter. Aber trotzdem hecheln wir diesen schnellebigen Szenen hinterher. Viele Jahre lang hat er Hooligans begleitet, die ein gutes Beispiel dafür seien, wie schnell Gewalt ausbrechen könne, wenn eine gewisse Bereitschaft schon vorhanden sei. Ähnlich sei das auch bei Jugendlichen.
Heute wird einfach zugeschlagen
Aggression endet heutzutage im Straßenkampf, sagt Baer. Es gälten keine Regeln, es gebe kein definiertes Ende. Auch die Waffen würden nicht mehr festgelegt. Das ist eine neue Situation, auf die man nur sehr schwer reagieren kann. Früher habe es noch gewisse Rituale gegeben, da wurde etwa gesagt: Du haust als erster zu. Heute werde einfach zugeschlagen, so lange, bis der andere am Boden liege. Gewalt unter Jugendlichen sei auch nicht mehr nach ethnischen Gruppen zu definieren, sondern sei längst ein soziales Phänomen.
Junge Menschen werden uns immer fremder, sagt Baer. Sie sprächen ein verkrüppeltes Deutsch, sagten etwa Sätze wie: Ich gehe Toilette oder Ich habe gerippt, was soviel heißt wie: Ich habe jemanden ausgeraubt. Zudem befolgten sie nicht mehr die Regeln des Elternhauses, sondern orientierten sich an der sogenannten Peer-Group, der Gruppe von Ebenbürtigen.
Die Jugendkoordinatoren seien wie Lehrer auf einer anderen Ebene. Wir übernehmen jenen Teil der Erziehung, für den Eltern und Lehrer nicht mehr zuständig sind. In den sogenannten Pädagogischen Tagen setze er sich mit Lehrern zusammen und diskutiere über neue Strömungen in der Jugendkultur. Schüler kläre er über Drogen auf oder zeige anhand von Rollenspielen, wie sie sich verhalten können, sollten sie körperlich angegriffen oder von Mitschülern gemobbt werden. Man sollte sich nie auf einen Kampf einlassen, sagt der Polizist und rät, sich abzuwenden und Hilfe zu holen. Beherrscht man den Straßenkampf nicht, verliert man das Duell.
Gewaltbereitschaft breitet sich aus
Junge Menschen seien heute viel eher bereit, Gewalt anzuwenden, um sich im Freundeskreis zu behaupten. Das fange schon damit an, sich grausame Videoclips auf das Handy zu laden und auf dem Pausenhof dann damit zu prahlen. Prügeleien seien aber kein Schulhofphänomen, sagt Baer, sondern vielmehr ein Problem, das generell in der Freizeit der jungen Menschen zu beobachten ist. Die Gewaltbereitschaft habe sich in den vergangenen Jahren latent ausgebreitet, das hänge aber weder von der jeweiligen ethnischen Herkunft ab noch davon, ob die Täter Mädchen oder Jungen seien.
Diese Entwicklung sieht Rolf-Dieter Baer kritisch, aber dramatisieren will er sie nicht. Es sei wichtig, sagt er, den Schülern Bilder zu vermitteln, die sie abrufen könnten. Bilder, die ihnen zeigten, wie man aus einer Konfliktsituation herausfinden könne. In seinen Seminaren erzählt er den Schülern oft die Geschichte von einem Jungen, der an einen Laternenpfahl gebunden und von Mitschülern malträtiert worden war; dieser Junge erzählte dem Schulverwalter, der die Szene aus der Ferne beobachtet hatte, später, das sei alles nur Spaß gewesen.
Die Jungen hätten ihm nichts getan. So etwas dürfe nicht geschehen, sagt Baer. Die Opfer bräuchten ein Netz, in das sie fallen könnten. Hätte dieser Junge gewußt, daß er auch die Wahrheit hätte erzählen können und hätte er seine Peiniger verraten, wäre es ihm hinterher, nachdem er die Tat verarbeitet hatte, ganz sicher besser ergangen.
Text: F.A.Z., 13.04.2006
Bildmaterial: F.A.Z.