Häuser der Mode in Eschborn

Im Interims-Quartier sehnen sich Börsenleute nach Hausen

Von Jochen Remmert

25. Juni 2008 Das große Ganze und die um zig Millionen geringere Gewerbesteuer im Blick, übersieht die Leitung der Deutschen Börse-Gruppe womöglich Nöte und Unbilden, die der Umzug von Frankfurt nach Eschborn dem gewöhnlichen Mitarbeiter bereitet. Diesen Schluss legt jedenfalls eine interne Liste von nicht weniger als drei Din- A4-Seiten Umfang nahe, auf der die Arbeitnehmervertretung des Börsenbetreibers die Klagen von Kollegen zusammengetragen hat. Die Unternehmensleitung widerspricht dieser Sicht der Dinge entschieden.

Der Unmut richtet sich nicht gegen den Neubau, der wohl frühestens Mitte 2010 an der Mergenthalerallee in Eschborn bezugsfertig stehen wird. Es geht vielmehr um die Interims-Unterkunft für 1000 der insgesamt 3000 Beschäftigten der Deutschen Börse in einem Trakt der Häuser der Mode in Eschborn. Von defekten Aufzügen, die stecken bleiben oder Personen wegen fehlender Lichtschranken einklemmen, ist da die Rede, von zu wenigen und dann auch noch schmutzigen Toiletten, deren Türen nicht zu schließen sind, von Schimmel, trockener Luft, Baulärm, chemischen Dämpfen, „versifften“ Teppichen und von Küchen, die „Ekel und Angst vor Herpes und Hepatitis“ erzeugen. Über die schlechte Erreichbarkeit der Zwischenstation auf dem Weg zum Umzug der Börse in den geplanten Neubau liegen dem Betriebsrat ebenfalls etliche Beschwerden vor, wie dem Schriftstück zu entnehmen ist.

„Kollegen schreien sich an“

Aber auch die Arbeitsplätze selbst, an denen beachtliche Aktientransaktionen getätigt und damit verbundene Dienstleistungen erbracht werden, lassen zumindest einige der umgesiedelten Mitarbeiter offenbar die alten Büros in der Neuen Börse in Hausen vermissen. Zu wenig Platz zwischen den einzelnen Schreibtischen sei da, zu eng die Durchgänge, kein Blendschutz, und Bildschirme seien in Blickrichtung der Fenster aufgestellt.

Wie der Sammlung der Klagen weiter zu entnehmen ist, „schreien sich Kollegen an“, weil sie unterschiedlicher Ansicht darüber sind, ob die Deckenleuchten an oder aus, die Fenster offen oder geschlossen sein sollen. Geschrieen wurde zuletzt bei der Börse eigentlich, als sich das Geschäft noch tatsächlich auf dem Parkett abspielte – und da auch nicht wegen geöffneter Fenster. In den gesammelten Klagen fehlen schließlich auch Beschreibungen gesundheitlicher Beeinträchtigungen wie Augenreizungen, Schwindelanfällen und sogar Herzrhythmusstörungen nicht.

Gebäude 1990 erbaut

Nach dem Studium der Mängelliste bleibt der Eindruck, dass das Provisorium in den Häusern der Mode allenfalls einer schlecht geführte Autobahnraststätte zur Hauptreisezeit entspricht. Es klingt nicht nach der „ertragreichsten Börsenorganisation der Welt“, wie Vorstandschef Reto Francioni die Deutsche Börse AG beschrieb, als der im Februar das bisher beste Geschäftsjahr in der Geschichte des Unternehmens präsentierte – mit einem um 18 Prozent auf 2,2 Milliarden Euro gestiegenen Umsatz und einem Jahresüberschuss, der mit 912 Millionen Euro im 36 Prozent über dem des Vorjahres lag.

Tatsächlich handelt es sich bei der Zwischenlösung für die 1000 Börsenmitarbeiter um ein relativ junges Gebäude aus dem Jahr 1990. Wie ein Sprecher der Deutschen Börse auf Nachfrage hervorhob, ist das Gebäude in den vergangenen Monaten zudem „umfangreich renoviert und modernisiert worden“. Bis Mitte Juli solle der Umzug abgeschlossen sein. Dass es bei einem Umzug von 1000 Arbeitsplätzen in so kurzer Zeit durchaus Beeinträchtigungen geben kann, wollte der Sprecher nicht bestreiten.

„Alle arbeitsrechtlichen Anforderungen erfüllt“

Aus diesem Grund sei für Hinweise und Anregungen der Mitarbeiter im internen Computernetzwerk eine eigene Plattform eingerichtet worden. Die Unternehmensleitung bürge gleichwohl dafür, dass alle Mitarbeiter „selbstverständlich die gewohnten Arbeitsbedingungen vorfinden“, sobald alle Umzugsarbeiten erledigt seien.

Der Betriebsrat der Deutschen Börse wollte sich nicht im Detail zu dem Papier äußern. Die Arbeitnehmervertretung hat inzwischen die Berufsgenossenschaft, die Feuerwehr und den Arbeitsschutz über die von ihr vermuteten Mängel informiert und erwartet nun eine Prüfung. In diesem Zusammenhang wies der Unternehmenssprecher darauf hin, dass die Arbeitsplätze in Eschborn vom ersten Tag an, an dem dort Beschäftigte der Börse gearbeitet hätten, alle arbeitsrechtlichen und gesetzlichen Anforderungen erfüllt hätten.

„Eine ziemliche Zumutung“

Derweil fühlt dennoch mancher noch in Hausen stationierte Mitarbeiter der Börse durchaus mit den Frauen und Männern mit, die schon in den Eschborner Häusern der Mode sitzen. „Von Baulärm umgeben, in schmutzigen Büros ohne funktionierende Klimaanlage arbeiten zu müssen, das ist schon eine ziemliche Zumutung“, äußerte eine Mitarbeiterin, andere Beschäftigte stimmten zu.

Wenn der Mietvertrag für das derzeitige Bürogebäude in Hausen, in dem die Deutsche Börse seit dem Jahr 2000 arbeitet, in zwei Jahren ausläuft, werden die Börsenleute noch einmal umziehen müssen. Dann aber, wenn die Pläne Bestand haben, in die ganz neue Eschborner Börse mit nagelneuen Büros.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Tobias Schmitt

 

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