Hochschule

Zwischen Adorno und Bob Dylan

Von Eva-Maria Magel

21. Februar 2006 Mit keinem Ort wird die Frankfurter Schule so eng verknüpft wie mit der Senckenberganlage 26. Im November 1951 wurde das nach Plänen von Alois Giefer und Hermann Mäckler errichtete Gebäude von jenen bezogen, die von den Nationalsozialisten aus dem Land getrieben worden waren, allen voran Max Horkheimer, Theodor W. Adorno und Friedrich Pollock. Daran, daß amerikanisches Geld in das ebenso schlichte wie imposante Gebäude floß, erinnert heute eine Plakette am Eingang.

In der vergangenen Woche ist eine weitere Plakette im Institut für Sozialforschung angekommen - und auch sie bezieht sich vordergründig auf die Tradition des Hauses. Denn der Titel „Ort der Ideen“, mit denen eine Initiative von Bundesregierung und deutscher Wirtschaft herausragende Institutionen auszeichnet, würdigt die „großen Ideen“, die dort einst geboren wurden. Von der Gegenwart war weniger die Rede, als die Plakette nun überreicht wurde.

Ob man von einer „Fortsetzung“ der Frankfurter Schule sprechen kann, da ist der seit 2001 amtierende geschäftsführende Direktor, der Frankfurter Philosophieprofessor Axel Honneth, skeptisch. Die meisten Außenstehenden aber betrachten das Institut als legitimen Erben dieser Schule, symbolisiert schon vom Gebäude selbst: Kolloquien und Vorträge - die meisten davon sind öffentlich - finden in dem altehrwürdigen Sitzungssaal statt, den man von Fotos kennt. Auch das Adorno-Archiv ist nun im Haus untergebracht: Dort arbeiten zwei Forscher an der Gesamtausgabe. In der Mitte des Raumes stehen Adornos matt glänzender Flügel und sein Schreibtisch.

Gegenwart in den Blick rücken

Am 28. November, wenn anläßlich der „Land der Ideen“-Kampagne ein Tag der offenen Tür stattfindet, will das Institut, das von Stadt und Land unterhalten wird, zeigen, woran es heute arbeitet. Die Mittel werden für jedes Projekt akquiriert, unter anderem bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). So entstehen Studien wie „Persönlichkeit in der Bewerbung? Performative Regeln im Verkauf der Arbeitskraft“, Arbeiten zur Bewältigung des gemeinsamen Alltags in Paarbeziehungen, über politische Entscheidungsprozesse und die Rolle von Experten.

Fragen, die viel mit aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen und politischen Diskursen zu tun haben - das scheint dann doch gute Tradition zu sein. Schließlich trieben auch die Begründer der Kritischen Theorie einst Studien zur Einstellung der deutschen Arbeiter oder zu Autorität und Familie - mit theoretischen Reflexionen und empirischen Verfahren.

Vor allem die Gegenwart aber will Honneth deutlicher in den Blick rücken. Es gibt Öffnungsbewegungen, etwa mit der neugestalteten Zeitschrift „Westend“ und der Veranstaltungsreihe „Zeitbrüche“, bei der im Literaturhaus Zeitdiagnosen diskutiert werden. So erhofft sich Honneth einen neu belebten Austausch. Ehemalige Studenten, die in den fünfziger und sechziger Jahren aus freien Stücken am Institut mitarbeiteten und lernten, beschwören noch heute die dort gemachten Erfahrungen.

„Paradoxien der kapitalistischen Modernisierung“

Honneth spricht davon, daß jeder einzelne Institutsmitarbeiter, der auch Hochschullehrer ist, den Transfer zwischen der Forschung am Institut und der Lehre leisten müsse, damit sich beides nicht zu weit voneinander entferne. Auch die Tatsache, daß jedes Engagement für das Institut freiwillig ist und nicht bei der Bewertung der Arbeit eines Professors berücksichtigt wird, sieht er als eine Schwierigkeit, mit der auch andere Forschungsinstitute zu kämpfen hätten. Als Honneth sein Amt antrat, entwarf das für die Forschung zuständige Kollegium die Grundzüge eines Programms unter der Klammer „Paradoxien der kapitalistischen Modernisierung“. In gewisser Weise hatten es „die Alten“, wie der Direktor seine berühmten Vorgänger zuweilen nennt, leichter: Sie teilten eine Gesellschaftstheorie, den Marxismus, und damit auch ein Netz von Begriffen.

Heute gibt es eine solche Gemeinsamkeit unter den Forschern, die aus den unterschiedlichsten Disziplinen stammen und an Einzelprojekten arbeiten, nicht mehr. Bei den Institutsbegründern fielen Soziologie und Philosophie hingegen in den Protagonisten selbst zusammen. Honneth spricht von einem gemeinsamen „Mantel“, an dem gewebt werden solle.

Ein Arbeitskreis des Instituts beschäftigt sich mit Gesellschaftstheorie und hat das Ziel, ein Theoriefeld für das Institut abzustecken. Andererseits setzt sich auch ein internationaler Arbeitskreis zur Kritischen Theorie mit den Texten der Altvorderen auseinander, in steter Pflege der „Dialektik der Aufklärung“. Großen Zulaufs dürfte sich das Symposion erfreuen, das das Institut im Mai ausrichtet: Forscher verschiedener Disziplinen befassen sich dann unter dem Titel „Bringing It All Back Home“ mit dem „kritischen Gehalt von Bob Dylans Werk“ - eine lange Dylan-Nacht für großes Publikum inklusive.

Clusteranalyse

Nicht nur dieses populärere Vorhaben zeigt, daß das Institut versucht, der Interdisziplinarität mehr Gewicht beizumessen, als dies oft der Fall ist, und damit auch an die Tradition der Frankfurter Schule anschließt. Die meisten Projekte verknüpfen zwei oder mehr Disziplinen; oft etwa die Soziologie mit der Psychoanalyse oder der Psychologie. Fragebogen und Gruppendiskussion wurden von den Institutsbegründern etabliert, heute ist den Arbeiten ein Schwerpunkt auf qualitativen Untersuchungen gemeinsam, neue methodische Entwicklungen kommen hinzu.

Eines der Vorhaben, das in Kürze seinen Abschluß finden wird, ist eine von der DFG finanzierte Studie „Neue Väter - andere Kinder?“, an der Andrea Bambey und Hans-Walter Gumbinger drei Jahre lang gearbeitet haben. Sie gehen der Frage nach, wie die Leitbilder heutiger Väter aussehen und wie diese in der Alltagspraxis mit dem Kind und seiner Mutter umgehen. Eine Frage, die gerade in der derzeitigen Diskussion über Berufstätigkeit, Elternschaft und Kindermangel von größtem Interesse sein dürfte. Gut 1500 Fragebögen von Grundschüler-Vätern haben Bambey und Gumbinger in einer sogenannten Clusteranalyse ausgewertet und sechs unterschiedliche Vatertypen herauskristallisiert.

Um diese noch genauer zu charakterisieren, wurden dann sowohl Eltern- als auch Kinder-Interviews geführt, die Kinder wurden dabei auch dem psychologischen „Schwarzfuß-Test“ unterzogen: eine Methodenkombination, die aufwendig ist, aber interessante Ergebnisse verspricht. Einen Aufsatz zum Typus des „randständigen Vaters“ hat das Forscherteam schon veröffentlicht, nun geht es in den Endspurt der Auswertung. Dann soll ein Buch entstehen, voraussichtlich in der Publikationsreihe des Instituts. Diese soll ohnehin, so der Wunsch Honneths, die hauseigene Forschung noch deutlicher wiederspiegeln.

Nächste Veranstaltung ist am 13. März um 19 Uhr im Sitzungssaal 1 des Instituts ein Vortrag von Kai-Olaf Maiwald zu „Elementaren Strukturen der Alltagspraxis in Paarbeziehungen“



Text: F.A.Z., 21.02.2006
Bildmaterial: F.A.Z., Foto Wonge Bergmann

 
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