15. Oktober 2004 Über diese Stolpersteine stolpert kein Fuß - aber vielleicht das eine oder andere Gewissen eines Passanten. Aus diesem Haus sind Juden deportiert worden? Habe ich gar nicht gewußt, obwohl ich schon immer hier in diesem Viertel gelebt habe.
Jetzt kann es jeder lesen, der seinen Blick auf den Bürgersteig richtet, auf sechs messingglänzende Steine vor dem Haus Roseggerstraße 17 im Dichterviertel. "Hier wohnte Dr.Robert Cahn, Jg.1881, deportiert 1941, Kowno, Kaunas". Weitere Steine erinnern an Mathilde Cahn sowie Ludwig, Hanna, Rolf und Gerd Reinheimer. "Stolpersteine" - Steine gegen das Vergessen. Geschaffen hat sie der Kölner Künstler Gunter Demnig. Name, Geburtstag, Datum des Abtransports, Tag der Ermordung: in Handarbeit eingraviert auf eine zehn mal zehn Zentimeter große Messingplatte, diese über einen Pflasterstein gestülpt.
Er ist an diesem Morgen nicht hundertprozentig konzentriert, der Erfinder der "Stolpersteine". Gunter Demnig, ein Mann mittleren Alters, gekleidet in eine Art Pfadfinderkluft mit breitkrempigem Hut und malerischem roten Halstuch, entschuldigt seine Versprecher vor den Schülern der 10a und 10b, die in der Aula der Anne-Frank-Realschule an der Fritz-Tarnow-Straße seinen kurzen Ausführungen lauschen, mit dem frühen Aufstehen: Er sei heute morgen aus Köln angereist. Aber dann findet Demnig doch noch die richtigen Sätze, schließlich hat er seine Geschichte schon unzählige Male erzählt: in Hamburg, in Freiburg, in Leipzig, in 54 deutschen Städten bisher. Wie er 1990 in Köln eine farbige "Erinnerungsspur" gelegt hat zum Ort der ersten Deportation in Köln, Mai 1940, ein Transport von Sinti und Roma in den Osten, eine Art Generalprobe für die späteren Judentransporte. Zigeuner? Hat's in unserem Viertel nicht gegeben, sagte damals eine Bewohnerin zu Demnig. Hat es aber doch, die Frau hat es nur nicht bemerkt oder hat es verdrängt. Und so kam der Künstler auf das Thema seines Lebens, auf die "Stolpersteine", über die das Bewußtsein der Zeitgenossen stolpern sollte. Es sind Erinnerungssteine im Bordstein geworden, weil Erinnerungstafeln an den Häusern kaum durchzusetzen sind. Die Hausbesitzer sind in der Regel dagegen, weil sie Ärger und eine Wertminderung ihrer Immobilie befürchten.
Mehr als 4000 Erinnerungssteine hat Demnig bisher geschaffen. 95 Euro kostet ein Exemplar, in den meisten Fällen verlegt Demnig die Steine selber, finanziert werden die Aktionen in der Regel von Spendern. Die Sache ist längst ein Selbstläufer geworden, Demnig kann sich vor weiteren Bestellungen gar nicht mehr retten. Inzwischen habe er schon für November 2005 Termine für das Einfügen von Stolpersteinen verabredet, erzählt er den Schülern in der Anne-Frank-Aula. Die haben für diesen Anlaß ein Lied eingeübt, ein Lied, das von Anne Frank handelt, der Namensgeberin ihrer Schule, einem Mädchen aus Frankfurt, das in Amsterdam verhaftet und von dort aus deportiert worden ist. "Drei Jahre lebte sie dort und träumte von einem anderen Ort." 18 Mädchen und Jungen umfaßt der Chor, weit mehr als die Hälfte - man sieht es an den Gesichtern und der Hautfarbe - sind Ausländerkinder oder Kinder, deren Eltern oder Großeltern Zuwanderer gewesen sind. Was sie wohl denken? Wissen sie, daß auch sie in jener unseligen Zeit vermutlich aufs höchste gefährdet gewesen wären?
Jetzt, nach der schlichten Gedenkstunde in der Aula, beginnt für Demnig die eigentliche Arbeit. Und es ist wirkliche Arbeit, vor dem Haus Roseggerstraße Pflastersteine aus dem Bordstein zu hebeln, in die Lücke die "Stolpersteine" zu setzen und die Bodendecke wieder ordentlich zu schließen. Demnig gießt Zement in die Fugen. "Wenn's geregnet hat, klebt das erstklassig. Da braucht man eine Flex, um die Steine wieder rauszukriegen", sagt er. In Halle an der Saale haben Unbekannte einmal acht Steine herausgebrochen. Warum? Keine Ahnung, Demnig weiß es nicht. Dafür weiß er um so genauer, warum in München die "Stolpersteine" wieder entfernt worden sind. Die Stadtrat hat es mit den Stimmen von SPD, CSU sowie FDP und dem Segen von Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) angeordnet, nachdem die Vorsitzende der dortigen Jüdischen Gemeinde geäußert hatte, das Andenken der Ermordeten werde mit den Füßen getreten, wenn Passanten über die "Stolpersteine" liefen. Darüber gab es eine erregte öffentliche Debatte, nicht nur in München.
In anderen Städten - außer in Leipzig - sind derartige Bedenken nicht erhoben worden. In Frankfurt haben im Gegenteil das Kulturdezernat und der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Salomon Korn, die Steinlegung explizit gutgeheißen, als Ende vergangenen Jahres eine Initiative im Nordend Demnig zum ersten Mal eingeladen und in diesem Zusammenhang die Stadt um Erlaubnis gebeten hatte, im öffentlichen Raum - denn dies sind Bürgersteige - einige "Stolpersteine" als Erinnerungszeichen in das Pflaster einsetzen zu dürfen. Die damals vom Straßenbauamt erteilte Genehmigung hat jetzt die Initiative in Eschersheim für ihre Aktion in Anspruch genommen.
Während Demnig vor den Augen von Schülern und Lehrern der Anne-Frank-Schule sowie Mitgliedern der Eschersheimer Initiativgruppe und Anwohnern mit Stemmeisen und Kelle hantiert, erzählt die Großnichte vom Schicksal Robert und Mathilde Cahns. Daß diese sich nie als Juden gefühlt hätten, daß es viele patriotisch gesinnte Offiziere in der Familie gegeben habe, daß der Großonkel und die Großtante der freireligiösen Gemeinde angehört hätten. Trotzdem wurde die Familie immer stärker bedrängt, man nahm ihr das eigene Haus weg und zwang sie mehrmals, woandershin zu ziehen, zuletzt in das Haus Roseggerstraße 17, ein sogenanntes Judenhaus, in welches Juden aus Frankfurt und der Region gepfercht wurden, bevor die meisten schließlich mit der dritten großen Deportation aus Frankfurt im November 1941 gen Osten in den Tod verschickt wurden.
Endlich sind die "Stolpersteine" gesetzt, ein rechtes Stück Arbeit für Demnig. Doch sein Frankfurter Werk sollte an diesem Tag noch nicht zu Ende sein. Am Nachmittag setzte er weitere Steine vor den Häusern Marbachweg 337 und 339, Fuchshohl 67, Landgraf-Wilhelm-Straße 22 und Eschersheimer Landstraße 405, am darauffolgenden Tag vor dem Haus Hebelstraße 13 und sieben weiteren Häusern im Nordend. Es dürfte nicht sein letzter Frankfurt-Einsatz gewesen sein. HANS RIEBSAMEN
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