Christopher Street Day

Die Demonstration als Fest

19. Juli 2008 Endlich heulen die Motorräder auf, die Regenbogenfahnen an den Maschinen flattern. „Schau, es geht los“, sagt die Frau am Straßenrand zu ihrem Mann. Das Paar in den Fünfzigern ist zum zweiten Mal dabei: beim Christopher Street Day in Frankfurt, bei der Parade der Schwulen und Lesben, der Demonstration, die auch ein Fest ist und umgekehrt.

„Noch immer nicht gleichberechtigt“

Die Eheleute Werner aus Darmstadt sind sich einig am Samstagmittag: „Jedem das Seine.“ Wieso sollte man Schwule, die seit Jahren zusammen sind, nicht als Paar akzeptieren? Eine Ausnahme in einer noch immer ausgeprägt homophoben Gesellschaft, sagt der Veranstalter des Christopher Street Day (CSD), Rainer Gütlich, zu den Worten dieser Zuschauer. „Noch immer nicht gleichberechtigt“ heißt in diesem Jahr das Motto der Veranstaltung. Aufmerksam machen soll es unter anderem auf die steuerlichen Nachteile der eingetragenen Lebensgemeinschaft zwischen Homosexuellen gegenüber heterosexuellen Ehen und auf Benachteiligungen beispielsweise am Arbeitsplatz.

Dem Geknatter der Motorräder folgt laut dröhnende Schlagermusik aus einem der 30 Wagen der Parade, und das Paar aus Darmstadt beginnt angeregt in die Hände zu klatschen. Auch Christopher aus San Francisco ist begeistert von der deutschen Musik und versucht bestmöglich mitzusingen. Seine Frisur, die aus mehreren Dutzend gelben Badeenten besteht, schwankt dabei von rechts nach links. „Der CSD in Deutschland ist der Wahnsinn“, sagt er und rückt sich die Quietscheentchen zurecht. Zum dritten Mal sei er nach Deutschland geflogen, um bei der dreitägigen Feier dabei sein zu können, sagt er.

Schwule und Lesben als finanzstarke Zielgruppe interessant

Mit seinen Worten bestätigt der junge Amerikaner, was die Frankfurter Tourismus- und Congress-Gesellschaft (TCF) und die Deutsche Zentrale für Tourismus sagen: Bei den Schwulen in Amerika und Kanada gebe es einen auffälligen Trend, sie reisten besonders gerne. Bei TCF-Präsentationen in Amerika solle deshalb im nächsten Jahr gezielt versucht werden, Homosexuelle für Deutschland zu interessieren, sagt eine Sprecherin der Tourismusgesellschaft. „Es ist bekannt, dass Schwule und Lesben mehr Geld zur Verfügung haben als heterosexuelle Paare. Es ist nur folgerichtig, dass wir als Zielgruppe erkannt werden“, sagt Rainer Gütlich.

Als Zielgruppe für besondere Aufmerksamkeit sehen sich beim diesjährigen Christopher Street Day die Frauen. „Lesben werden in der Diskussion um Benachteiligung oft vergessen. Wir wollen zeigen, dass wir sichtbar sind“, sagt Carina Schmidt. Zusammen mit Mitgliedern der Lesben Informations- und Beratungsstelle e. V. hat sie dieses Jahr rund sechzig homosexuelle Frauen aller Altersstufen in einem Fußgängerblock organisiert. „Zusammen sind wir stark“, rufen engumschlungene Frauen-Pärchen den Vorbeiziehenden vom Straßenrand aus zu.

An der Hauptwache fahren gegen 14 Uhr die ersten Motorräder ein und beenden ihren Demonstrationszug, der am Römerberg begonnen hatte. „Nächstes Jahr wieder“, sagt Frau Werner aus Darmstadt und winkt einer mit Federschmuck behängten Drag-Queen zu.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

 

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