09. Februar 2006 Zwei Methoden kennt der Organismus, um sich kranker oder verletzter Zellen zu entledigen - eine italienische und eine schwedische, wie Ana Martin-Villalba es ausdrückt. Erstere, auch Nekrose genannt, geht mit einer hitzigen Entzündungsreaktion einher, kühl und still verläuft dagegen der programmierte Selbstmord, die Apoptose.
Martin-Villalba, gebürtige Spanierin, ist Expertin für die diskrete Variante: Die 34 Jahre alte Medizinerin untersucht am Heidelberger Krebsforschungszentrum, welche Rolle die Apoptose bei Krankheiten und Verletzungen des Nervensystems spielt. Dabei hat sie Entdeckungen gemacht, die nun mit dem erstmals verliehenen Paul-Ehrlich-Nachwuchspreis gewürdigt werden. Die Auszeichnung, mit 60.000 Euro dotiert, wird zusammen mit dem Paul-Ehrlich-Preis am 14. März in der Paulskirche überreicht.
Täglich sterben im menschlichen Körper etwa eine Milliarde Zellen, wie Martin-Villalba gestern erläuterte. Die Apoptose ist Teil der natürlichen Erneuerung von Gewebe und verhindert unter anderem die Entstehung von Krebs. Sie kann aber auch unerwünschte Folgen haben: Bei einem Schlaganfall oder einer Verletzung des Rückenmarks gehen ungeschädigte Zellen in der Nähe der Unglücksstelle mit unter - was zu Ausfallerscheinungen wie etwa Lähmungen führen kann.
Heilung neurologischer Defekte
Gesteuert wird die Apoptose von einem Signalsystem, das Biologen unter dem Kürzel CD95 schon seit längerem bekannt ist. Bei Kontakt mit einem bestimmten Eiweißmolekül wird in den Zellen ein Prozeß in Gang gesetzt, in dem sie sich regelrecht selbst verdauen. Martin-Villalba hat nun mit Tierversuchen gezeigt, daß eine Unterbrechung dieser Kaskade die Heilung neurologischer Defekte fördern kann. Mäuse, denen eine Querschnittslähmung zugefügt worden war, erholten sich schneller, wenn die Forscher das CD95-System auf biochemischen Weg blockierten: Nach vier Wochen Behandlung konnten die Tiere ihre Beine wieder bewegen.
Daß die Querschnittslähmung beim Menschen dank Martin-Villalbas Erkenntnissen in Kürze heilbar sein wird, ist allerdings nicht zu erwarten. Die Auswirkungen einer solchen Verletzung seien sehr komplex, gibt die Wissenschaftlerin zu bedenken. Wahrscheinlich sei es nötig, das CD95-Signal zu blockieren und gleichzeitig das Nervenwachstum anzuregen.
Aber auch hierfür liefert Martin-Villalbas Arbeit interessante Anregungen. Offenbar könne CD95 unter bestimmten Umständen die Entwicklung von Nervenzellen auch stimulieren, so die Preisträgerin: Vielleicht kann man aus dem Todessignal ein regeneratives Signal machen. Jetzt versuchen die Heidelberger Forscher, Wirkstoffe zu gewinnen, mit denen sich die neuen Erkenntnisse auch an Menschen erproben lassen. Eine eigene Firma ist dafür schon gegründet worden.
Text: F.A.Z., 10.02.2006
Bildmaterial: F.A.Z. - Foto Cornelia Sick