Schwule Muslime, lesbische Mütter

13. Februar 2008 Rosa von Praunheim kann es besser. Wie zufällig wirkt seine Dokumentation, die Auswahlkriterien für seine Porträtierten stecken im Titel: "Tote Schwule - Lebende Lesben". Kurz vor ihrem Tod interviewte er betagte schwule Männer: Albrecht Becker, mit 90 Jahren am ganzen Körper tätowiert, ein lebensfroher Masochist. Walter Schwarze, der als Häftling mit rosa Winkel im Konzentrationslager Sachsenhausen einsaß. Sie allein hätten ein abendfüllendes Porträt hergegeben, von Praunheim wickelt sie in wenigen Minuten ab. Den Opfern der NS-Repression stellt er lesbische Frauen von heute gegenüber, etwa eine türkischstämmige DJane und ein lesbisches Elternpaar. Statt die Kluft zwischen etablierter Emanzipation heute und lebensgefährdender Homosexualität im Dritten Reich auszuarbeiten, ruht sich von Praunheim darauf aus, aus dem Off belanglose Fragen zu stellen. So spannend die Viten, politischen Statements und Lebensphilosophien der Frauen sind - von Praunheims Dokumentation bleibt an der Oberfläche, verhehlt nicht, wie wenig Zeit er seinen Protagonistinnen gelassen hat - etwa um die Kamera zu vergessen. Ein zufälliges Sammelsurium an Lebensgeschichten, die genau da abbrechen, wo es spannend wird: wenn die Journalistin Manuela Kay der ARD-Moderatorin Anne Will wegen ihres späten Outings abspricht, als lesbisches Vorbild zu taugen, oder zwei lesbische Mütter vorhersehen, ihr Kind nicht immer vor Anfeindungen wegen des unkonventionellen Familienkonzepts schützen zu können.

Anlässlich seines Berlinale-Beitrags aus dem Jahr 2005, "Männer, Helden und schwule Nazis", warfen Kritiker von Praunheim vor, er schütze seine - kritikwürdigen - Protagonisten zu sehr. Diese Haltung hätte man ihm für "Tote Schwule - lebende Lesben" dringend gewünscht, schützt er seine Porträtierten doch nicht vor entbehrlichen Liebesbekundungen und nähert sich ihnen zu wenig an. Sie verharren in ihren Rollen.

"Das andere Istanbul" von Döndü Kilic, Absolventin der Deutschen Film- und Fernsehakademie, eine Dokumentation über schwules Leben in Istanbul, weist minutiös nach, wie die türkische Gesellschaft Homosexuelle in heteronormative Muster zu pressen versucht. Männer, bildlich auf einem stolzen Pferd, Frauen hingegen auf einem mickrigen Esel - eine in der Türkei allgemein akzeptierte Metapher für die Geschlechter, die von Homosexuellen konterkariert wird. Der Schwule, unter dem Verdacht der "Effeminität", steigt hinab zum Esel, die Lesbe dagegen strebt nach Höherem - dem "männlichen" Platz auf dem Pferd. Kilic kontrastiert die tristen Statements einer Handvoll junger Homosexueller mit bestechend ästhetischen Aufnahmen Istanbuls. Und filmt einen Straßenjungen, der stolz berichtet, wie er mit Freunden einem Transsexuellen das Haar abgeschnitten habe: "Er sieht jetzt viel besser aus."

Parvez Sharma, Regisseur der Dokumentation "A Jihad for Love", reiste auf den Spuren homosexueller Männer und Frauen durch zwölf vorwiegend muslimische Länder von Pakistan bis Südafrika, um dem komplizierten Verhältnis von Koran und Homosexualität auf die Spur zu kommen. Seine Protagonisten sind gläubige muslimische Homosexuelle, die versuchen, ihre sexuelle Identität und ihre Religion miteinander zu vereinbaren. Zu den Porträtierten gehören ein offen schwuler Imam aus Südafrika und ein ägyptischer Student, der zu den "Cairo 52" gehörte: 52 Schwule, die nach einer Razzia in Kairo unschuldig zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt wurden - allein wegen ihrer Teilnahme an einer schwulen Party. "A Jihad for Love" darf als Highlight queerer Berlinale-Filme gelten: umfassend recherchiert, die Fallhöhe des Themas abtastend und mit Porträtierten, die unter Lebensgefahr ihren inneren Zwiespalt darlegen.

Die staatlichen Repressalien, an die sich von Praunheims alte Schwule erinnern und vor denen vier Iraner in "A Jihad for Love" ins Ausland fliehen müssen, gewinnen in "East/West - Sex & Politics" von Jochen Hick ein Gesicht: die Fratze russischer Neofaschisten und orthodoxer Christen, die 2006 und 2007, mit roher Gewalt, ungehindert durch die russische Polizei, eine Parade homosexueller Demonstranten in Moskau niederknüppelten - mit dem Segen des homophoben Bürgermeisters Juri Luschkow durften sie Parolen wie "Moskau ist nicht Sodom" skandieren. Hick gibt den Kriegsreporter, fängt den blinden Hass von Passanten ein, die den Attacken auf die Demonstranten applaudieren und lässt einen englischen Homo-Aktivisten eines der größten Rätsel auf der politischen Agenda Europas lösen: "Ist Russland eine Demokratie? "Russland ist keine Demokratie." Mit seiner Dokumentation beweist Hick nach "Ich kenn' keinen" über Schwule in der Provinz ein nächstes Mal, das er Homosexualität als politisches Statement versteht. LEONIE WILD



Text: F.A.Z., 14.02.2008, Nr. 38 / Seite 39

 
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