Von Andreas Kilb
14. Februar 2008 Die Filme Mike Leighs haben in Berlin, der Hauptstadt des Problemkinos und der schlechten Laune, von je her ein geneigtes Publikum gehabt. Weil sie so guter Laune sind. Sie feiern den Lebenswillen einfacher Leute, und zwar nicht auf die vornehm-französische, sondern auf englische Art, so, wie man es auf der Berlinale schätzt: lautstark. Und sie behandeln Dinge, die von Anfang an auf die Tagesordnung gehört haben und nur aus Feigheit von den Poeten, den Sensibilisten der Leinwand beharrlich ignoriert werden.
Leigh packt sie an. Aber er macht aus den Unterschichtmüttern, den Mittelklassemädchen und Versagervätern keine tragischen Helden, sondern Figuren einer menschlichen Komödie. Seine Filme beschweren sich nicht, im Gegenteil: Sie erleichtern sich und uns.
Ein anderer Regisseur würde diese Figur zerstören. Leigh lässt sie laufen
Auch Happy-Go-Lucky“ ist, wie der Titel bereits andeutet, beileibe kein Schlechtelaunefilm. Die Geschichte beginnt damit, dass Poppy (Sally Hawkins) beim Schaufensterbummel ihr Fahrrad gestohlen wird. Aber statt laut auf die Menschheit zu schimpfen, wie es unsereiner täte, sagt Poppy nur: Und ich hatte noch nicht mal Zeit, mich von ihm zu verabschieden.“ Die Grundschullehrerin Poppy ist eine Person, die im Leben schon schwer erträglich wäre und im Kino, als Kondensat, beinahe unerträglich ist. Dass wir sie dennoch nicht nur aushalten, sondern uns sogar aus der sicheren Distanz des Kinosessels mit ihr anfreunden, liegt an Mike Leighs Umgang mit ihrer Gutgelauntheit.
Ein anderer Regisseur würde es vermutlich darauf anlegen, Poppys sonniges Gemüt auf die abenteuerlichsten Proben zu stellen, er würde diese Figur mit Schicksalsschlägen überhäufen. Und genau das würde sie zerstören; sie wäre dann nur noch ein Modell, eine wandelnde These. Leigh geht es anders an. Er lässt Poppy laufen. Und siehe da, das Unglück, das Glück, der ganze Bilderbogen des Lebens kommt ganz von allein zu ihr.
Die zwei bedeutenden Schicksalsschläge, die Poppy in diesem Film zustoßen, bestehen darin, dass sie Fahrstunden nimmt und dass ein Kind in ihrer Klasse verhaltensauffällig wird. Der Fahrlehrer ist ein komischer Kerl; er schimpft, dass die Welt vom Teufel besessen sei, und bringt Poppy mithilfe einer altägyptischen Formel den Blick in Mittel- und Seitenspiegel bei. Der Junge aus Poppys Klasse, der zwanghaft seine Mitschüler verprügelt, hat Ärger mit seinem Stiefvater; zum Glück gibt es einen Schulpsychologen, der sich außerdem als gut aussehender Junggeselle entpuppt, er erlöst Poppy aus ihrem jahrelangen Singledasein.
Eine wilde und fröhliche Ausnahme im Berlinale-Aufgebot
Das klingt nach einem Kessel bunter Banalitäten. Aber dies ist ein Film von Mike Leigh. Jede Szene ist, wie in allen Filmen Leighs, das Ergebnis monatelanger Proben ohne Drehbuch, alles ist improvisiert und zugleich aufs Genaueste aus den Figuren entwickelt, in einer Mischung von vollkommener Freiheit und strengstem Kalkül. Er wolle, dass seine Filme wie Dokumentationen aussähen, sagt Leigh. Gleichzeitig haben seine Geschichten eine Dichte und Stringenz, wie sie kein Dokumentarfilm erreichen kann. In Happy-Go-Lucky“ glaubt man tatsächlich, dem Leben über die Schulter schauen zu können. Es ist eine Illusion; aber augenblicksweise ist sie auch wahr. Mitten im Film gibt es eine Sequenz, die scheinbar nichts mit der Geschichte zu tun hat. Da trifft Poppy einen Obdachlosen, der sie mit unverständlichen Tiraden überschüttet und am Ende seines Genuschels gebetsmühlenhaft fragt: Verstehst du mich?“ Und Poppy antwortet immer wieder: Ja, natürlich.“
Es ist die Szene, in der Leighs Methode beispielhaft deutlich wird. Denn es geht bei ihm nicht um den Sinn des Gesprochenen; es geht um den Klang der Stimme, die Mimik und Gestik, um all das, was sich in Drehbüchern nicht festlegen lässt. Wenn man nach Happy-Go-Lucky“ aus dem Kino kommt, hat man das Gefühl, als würde die Geschichte hinter der Leinwand noch weitergehen, nur ohne Zuschauer. In einem Berlinale-Aufgebot aus erwürgten Tragödien und verstolperten Thrillern ist Leighs Film die wilde und fröhliche Ausnahme. Und Sally Hawkins darf sich, wenn nicht alles täuscht, auf den Darstellerpreis des Festivals freuen.
Caos calmo - eine Bastelarbeit, die nicht ganz fertig geworden ist
Dasselbe würde man gerne auch über Nanni Moretti sagen, der in Antonello Grimaldis Film Caos calmo“ die Hauptrolle spielt: einen Mann, dessen Frau aus heiterem Himmel stirbt, während er selbst am Strand eine Ertrinkende rettet. Pietro Paladini gibt sein Managerleben auf und zieht sich auf den Platz vor dem Gebäude zurück, in dem seine kleine Tochter zur Schule geht, wochenlang, Tag für Tag. Er fällt aus der Welt; und plötzlich, unerwartet, beginnt sich die Welt um ihn zu drehen. Seine Kollegen, seine Schwägerin, sein Bruder besuchen ihn auf seinem Platz und schütten ihr Herz aus, Nachbarn laden ihn zum Essen ein, wildfremde Menschen lächeln ihm zu. Statt sich selbst zu erlösen, erlöst er andere. Bis seine eigene Tochter ihn ins Leben zurückschickt.
Den Familienvater, der nach einem Schicksalsschlag den Rückweg in sein gewohntes Leben sucht, hat Nanni Moretti schon vor sieben Jahren in seinem Film Das Zimmer des Sohnes“ gespielt und dafür in Cannes die Goldene Palme bekommen. Auch unter der Regie Antonello Grimaldis blitzt gelegentlich sein altes Feuer auf, die Mischung aus unterdrücktem Zorn und Selbstironie, mit der Moretti zur Symbolfigur des italienischen Kinos geworden ist. Aber Caos calmo“ fehlt gerade das, was Morettis eigene Filme auszeichnet: Genauigkeit. Paladinis Freunde, Kollegen, Verwandte und Bekannte sind lauter unscharfe Schemen, die Geschichte selbst wirkt wie eine Bastelarbeit, die nicht ganz fertig geworden ist. Aus Stimmungen und Skizzen alleine kann man eben keinen Film machen. Es sei denn, man heißt Mike Leigh.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Berlinale
